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Vierschanzentournee : Die jungen Hüpfer verleihen "Goldi" Flügel

  • -Aktualisiert am

Neue Leitfigur, neue Motivation für Andreas Goldberger Bild: dpa

Der lang ersehnte Sieg eines Skispringers aus Österreich bei der Vierschanzentournee scheint näher zu rücken. Andreas Goldberger ist heute schon ein Gewinner.

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          Die österreichischen Zeitungen konnten die Schadenfreude nicht verbergen. "Da lag ein Mythos plötzlich im Schnee" (Kronenzeitung), "Peterka beendet die Ära Hannawald" (Tiroler Tageszeitung), "Ein Überflieger ist auch nur ein Mensch" (Kurier) - so und so ähnlich lauteten alle Überschriften nach Sven Hannawalds Malheur beim Neujahrsskispringen in Garmisch-Partenkirchen, wo er nach einem Sturz Zwölfter wurde. Er klagte noch am Tag danach über Wadenbeschwerden.

          Den knappen Sieg des Slowenen Primoz Peterka vor dem Österreicher Andreas Goldberger akzeptierten die Kommentatoren vor dem Hintergrund gerne, daß kein Deutscher unter den besten zehn gelandet war. Dort plazierten sich dagegen, wie schon beim Auftakt in Oberstdorf, vier Österreicher. Darunter sind nicht nur die bekannten Namen zu finden, wie der des dreißigjährigen Goldberger, sondern auch Neulinge. Der 18 Jahre alte Tiroler Andreas Kofler, Achter in Garmisch-Partenkirchen und in der Tournee-Gesamtwertung, verblüfft ebenso wie Thomas Morgenstern, mit 16 der jüngste aller Teilnehmer, Florian Liegl (18 Jahre), Mathias Hafele (19) und Martin Koch (20).

          „Da machen uns andere etwas vor“

          Während Kofler bei den sechs zurückliegenden Wettbewerben in die "Top ten" kam, ist bei den Deutschen ein stetes Auf und Ab zu beobachten. "Es gibt einen großen Nachholbedarf. Österreich und Norwegen haben in dieser Saison konsequent junge Leute in die Weltspitze gebracht", stellte der deutsche Bundestrainer Reinhard Heß fest. "Wir haben noch viel zu tun. Unsere Anschlußkader müssen lernen, sich durchzusetzen." Jürgen Wolf, der im Deutschen Skiverband als "Wissenschaftstrainer" Trends und Tendenzen erkennen soll, gibt zu, daß es derzeit an konkurrenzfähigen jungen Springern mangelt: "Da machen uns andere etwas vor."

          Stefan Pieper und Maximilian Mechler (beide 19) gibt Heß in Innsbruck und in Bischofshofen weitere Gelegenheiten, zu lernen. An ihre Alterskollegen aus Österreich reichen sie noch nicht heran. Der österreichische Sportdirektor Toni Innauer warnt das Publikum jedoch vor überzogenen Erwartungen am Samstag beim Bergisel-Springen: "Für die Jungen ist die Tournee schwierig, die Anspannung zeigt Wirkung."

          Beste Bedingungen im B-Kader

          Die Österreicher haben ihren Tiefpunkt bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City mit Platz vier im Mannschaftsspringen erlebt. Danach wurde ein völlig neues Konzept entworfen. Innauer verzichtete auf den Trainerposten, um sich vom Tagesgeschäft entlasten und wieder auf die perspektivische Arbeit konzentrieren zu können. Entwickelt wurde eine Struktur, die überraschend schnell Erfolge bringt. Hannu Lepistö ist nun - als zweiter Finne in Österreich nach Mika Kojonkoski vor einigen Jahren - Cheftrainer, assistiert von den früheren Spitzenspringern Stefan Horngacher und Heinz Kuttin. Alexander Pointner sorgt als hauptamtlicher Nachwuchstrainer für beste Bedingungen im sogenannten B-Kader, was die große Zahl an Talenten in der Weltspitze erklärt.

          Dazu kommen weitere Faktoren: Am Bergisel steht den Österreichern, nach dem im Sommer beendeten Umbau, endlich eine Großschanze für das ganzjährige Mattentraining zur Verfügung. Außerdem kann auch der B-Kader auf Spitzenski zurückgreifen und muß sich nicht mehr mit einem Paar pro Saison bescheiden. Profitiert haben die Österreicher schließlich davon, daß Sprunganzüge neuerdings auch im eigenen Land hergestellt werden. Bislang verließ man sich vor allem auf die deutsche Firma Meininger. Auch auf diesem Feld handelt Innauer nach der Devise "Konkurrenz belebt".

          Ein Vater für Goldi

          In besonderer Weise gilt dies für den Wettstreit der älteren Athleten mit den jungen. "Es ist ein wesentlicher Punkt, daß der Nachwuchs Druck macht", sagt Innauer. "Goldberger hat die Bedrohung gespürt, seinen Platz in der Mannschaft zu verlieren." Das habe ihn beflügelt. Lepistö konnte bei Goldberger, nach dessen jahrelangem Tief, noch einmal Reserven erschließen. "Er macht nicht alles anders. Für mich als Routinier gibt es bei ihm wenig Neues zu entdecken", sagt Martin Höllwarth über den Finnen. "Aber wir haben ja im Grunde drei Trainer, und so kann jeder einen finden, auf den er besonders anspricht."

          Goldberger hat in Lepistö eine Leitfigur gefunden. "Er ist ein bißchen wie ein Vater für Goldi", sagt Innauer. Ein Vater muß mal streng, mal nachsichtig sein. Offenbar gelingt Lepistö die richtige Balance. "Wir haben dosiert trainiert, fühlen uns fit wie nie", sagt Höllwarth, der die Weltcup-Gesamtwertung anführt. "Man darf den Körper nicht in den Keller trainieren." Der lang ersehnte Sieg eines Österreichers bei der Tournee wäre dem putzmunteren Goldberger am 1. Januar beinahe schon gelungen.

          Er kommentierte Rang zwei, wie man es von ihm kennt, mit Humor: "Irgendwie bin ich froh, daß ich Zweiter geworden bin, denn ich habe ja gesagt, daß ich aufhöre, wenn ich wieder mal gewinne." Am 9. März 1996 hatte er zuletzt an der Spitze gestanden. Vieles deutet darauf hin, daß das lange Warten in Kürze vorbei sein wird.

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