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Hochsee-Regatta Vendée Globe : Selbstheilung auf hoher See

  • -Aktualisiert am

Zahn-Operation in Eigenregie: Bernard Stamm behandelt sich selbst Bild: dapd

Auf hoher See gibt es weder Werkstätten noch Ärztpraxen. Die Einhand-Skipper bei der Vendée Globe sind also ihre eigenen Ärzte und Mechaniker. Das führt zu abenteuerlichen Situationen.

          Fernab jedweder Zivilisation sind die Teilnehmer der Vendée Globe weit mehr als einfache Skipper. Die Segler müssen neben ihrem Können an Ruder und Segel viele weitere Fähigkeiten mitbringen, um die härteste Regatta der Welt unversehrt zu überstehen. Besonders häufig gilt es handwerkliche Aufgaben zu bewältigen, zu anfällig sind die Hightech-Yachten in der rauen See. Ob meterhohe Wellen, starke Winde oder Treibgut – Schäden sind nahezu an der Tagesordnung.

          Sieben Skipper mussten die Wettfahrt schon nach wenigen Tagen mit manövrierunfähigen Booten aufgeben, die restlichen 13 Einhandsegler kämpfen tapfer gegen kleinere Schäden an. Zuletzt beschädigte Treibgut das Schiff von Alex Thomson. „Es war ein ziemlich schwieriger Job, da hinten am Heck zu hängen und das zu reparieren, während man dauernd von den Wellen überspült wurde“, beschreibt der Waliser die widrigen Bedingungen unter denen die Segler ihre Reparaturen vollbringen müssen.

          Befreiungsaktion im Taucheranzug

          Noch schlimmer traf es den Franzosen Jean Le Cam bereits in der Vorwoche. Nachdem seine Yacht die ganze Nacht über nicht auf Touren gekommen war, entdeckte er am Morgen die Ursache: Ein Fischernetz hatte sich im Kiel verfangen. Mitten im Polarmeer blieb dem derzeit Sechstplatzierten keine andere Möglichkeit, als im Tauchanzug ins Wasser zu springen und das Netz unter Wasser loszuschneiden. „Zum Glück habe ich vorher nicht geschaut, wie kalt das Wasser ist“, sagte Le Cam nach der erfolgreichen Befreiungsaktion.

          Abenteur pur: Die Vendée Globe stellt extreme Herausforderungen

          Doch nicht immer wird nur das Boot in Mitleidenschaft gezogen. Nicht selten kommt es an Bord zu mehr oder weniger schweren Verletzungen. Die Skipper werden dann zu Ärzten auf hoher See. Übermüdet und kraftlos heißt es, die Konzentration hochzuhalten. Monatelang bereiten sich die Segler auf solche ernsten Situationen vor. Alex Thomson etwa arbeitet seit Jahren mit einem Psychologen zusammen. „Er gibt mir die Werkzeuge an die Hand, damit ich die härtesten Momente überstehe“, sagte der Brite im Gespräch mit dieser Zeitung.

          Auch Bernard Stamm, der vor wenigen Tagen noch das Feld angeführt hatte, verfiel am Mittwoch nicht etwa in Panik, sondern blieb ganz gefasst. Bei der Zunahme eines wohlverdienten Mahls biss der Schweizer allzu fest zu, sodass ein Stück seines Backenzahns abbrach. „Ein Drittel fehlt und der Rest liegt offen“, berichtete Stamm über Funk. „Ich muss es sofort behandeln.“

          Um eine drohende Infektion zu verhindern, schaltete sich der auf Platz fünf zurückgefallene Schweizer kurzerhand mit dem Renn-Arzt der Vendée Globe kurz und ließ sich über Funk durchgeben, wie er vorzugehen habe. Eindrucksvoll zeigt ein Video, wie der Segler bei starkem Wellengang den verbliebenen Teil des Zahnes isolierte und die scharfen Kanten abschliff. Inzwischen hat er sich erneut auf die Verfolgung der Führenden gemacht.

          Drei Tage mit Oberschenkelhalsbruch

          Im Vergleich zu anderen Unfällen in der Geschichte der Wettfahrt war dies jedoch ein relativ kleiner Eingriff. Bei der letzten Auflage vor vier Jahren verlor der Franzose Yann Eliès das Gleichgewicht und brach sich beim Sturz den Oberschenkelknochen. Es gelang ihm noch, sich in seine Koje zu schleppen und die Schmerzen mit Tabletten etwas zu lindern. Das an Bord verstaute Morphium konnte er hingegen nicht erreichen. Allein und bewegungsunfähig im Indischen Ozean verharrte er bis ihn die australische Marine nach fast drei Tagen bergen konnte.

          So lange wollte sein Landsmann Bertrand de Broc nicht warten. Vor 20 Jahren wurde der heute 52-Jährige zur Legende seines Sports. Damals traf ihn mitten auf dem Atlantik in einem Sturm der schlagende Großschot so hart am Kinn, dass er sich ein Stück der Zunge abbiss. Vor dem Spiegel stehend und mithilfe der Funkanweisungen des Rennarztes nähte er sich den verlorengegangenen Hautlappen selbst wieder an.

          „Du entdeckst, dass dein Körper fähig ist, über die Grenzen zu gehen“, erklärte die bereits ausgeschiedene Samantha Davies dieses Phänomen. Abgeschreckt scheint de Broc dieses Erlebnis zumindest nicht zu haben: In diesem Jahr ist er erneut am Start und will endlich seine erste Vendée Globe zu Ende bringen.

          Zwischenstand am Freitagmorgen

          1. Francois Gabart („MACIF“)
          2. Armel Le Cléac’h („Banque Populaire“)
          3. Jean-Pierre Dick („Virbac Paprec 3“)
          4. Alex Thomson („HUGO BOSS”)
          5. Bernard Stamm („Cheminées Poujoulat“)

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