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Frances Tiafoe bei den US Open : Aus Sierra Leone in die große Tennis-Welt

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Eines der ganz großen Talente Amerikas: Frances Tiafoe Bild: AFP

Er spielte mit gebrauchten Schlägern und abgelegten Klamotten. Und wenn er erzählte, er wolle Tennisprofi werden, lachten die Leute ihn aus. Frances Tiafoe hat den weitesten Weg hinter sich.

          Es gibt immer wieder diese Momente, in denen er darüber staunen muss, wo er gelandet ist. Als er im vergangenen Jahr, zum Beispiel, beim Laver Cup in Prag zum Team „Welt“ gehörte und seine Ecke in der Kabine wie bei allen in der Mannschaft mit einem fast lebensgroßen Foto von sich dekoriert war, dachte Frances Tiafoe: Das ist cool. Verdammt cool. Mit großen Augen sah er den Stars aus dem Team Europa zu, Roger Federer und Rafael Nadal, und diese ganze Woche in Prag gab ihm das Gefühl, in der Welt des großen Tennis jemand zu sein.

          Frances Tiafoe, 20 Jahre alt, aus Hyattsville im Bundesstaat Maryland, ist der erfolgreichste junge Spieler der Vereinigten Staaten. Weltranglistenposition dieser Tage: Nummer 44. Er gehört zur #NextGen Kampagne der Tennisorganisation ATP, ist einer von ursprünglich 16 bei diesem Turnier. Und wie es der Zufall will, wird er in der zweiten Runde gegen einen anderen aus dieser Talenttruppe spielen, den ein Jahr jüngeren Australier Alex de Minaur. Als er im Frühjahr beim Turnier in Delray Beach mit einem Sieg im Finale gegen den Münchner Peter Gojowczyk seinen ersten Titel auf der Tour gewann, war er damit der jüngste Champion aus den Vereinigten Staaten seit Andy Roddick anno 2002.

          Ende 2017 war Tiafoe einer von drei Teenagern unter den besten 100 der Weltrangliste neben dem Kanadier Denis Shapovalov und Stefanos Tsitsipas aus Griechenland. Aber er hatte mit Abstand den weitesten Weg hinter sich. Seine Eltern waren 1996 aus Sierra Leone in Westafrika in die Vereinigten Staaten gekommen, drei Jahre später bekam sein Vater einen Job beim Bau eines Tennisklubs in der Metropolregion von Washington D. C. in einer gemeinnützigen Organisation, die Tennis für alle anbietet. Als die Bauarbeiten abgeschlossen waren, wurde Frances Tiafoe senior als Mann für alle Fälle übernommen. Manchmal nahm er seine kleinen Zwillingssöhne Frances und Franklin mit in den Klub. Die beiden schnappten sich spätabends oder an den Wochenenden, wenn keine anderen Kinder mehr in der Nähe waren, Schläger und spielten Bälle an die Wand. In einem Beitrag für die Internet-Plattform „Players’ Tribune“ schreibt Tiafoe über diese Zeit: „Ich habe versucht, Techniken zu imitieren, die ich bei den älteren Jungs im Klub gesehen hatte, und ich habe mir vorgestellt, ich würde gegen Rafa oder Roger bei den US Open spielen. Wenn unser Vater die ganze Nacht durchgearbeitet hat, dann sind mein Bruder Franklin und ich manchmal auf den Massagebänken eingeschlafen. Schließlich wurde ich offiziell im Klub aufgenommen, und der Rest ist Geschichte.“

          Aber wenn man sich überlegt, wie es mit einem halbwegs talentierten deutschen Jungen weitergegangen wäre, dann sah Tiafoes Weg auch danach deutlich steiniger aus. Er spielte mit gebrauchten Schlägern und abgelegten Klamotten betuchterer Jungen, und wenn er den Leuten erzählte, er wolle Tennisprofi werden, dann lachten sie ihn aus. Dabei gab es auch in seiner eigenen Familie spürbaren Widerstand. Viele Jahre lang versuchte ihn seine Mutter zu überzeugen, er solle nicht einem ungewissen Job wie diesem hinterherrennen, sondern sich lieber auf eine solide Ausbildung am College konzentrieren. Aber Frances Tiafoe setzte sich durch. „Tennis“, so sagt er, „war der Weg nach draußen für mich.“

          Mit 15 gewann er das bekannteste Juniorenturnier der Welt, die Orange Bowl in Miami, mit 16 spielte er zum ersten Mal in der Qualifikation bei den US Open, zwei Jahre danach stand er zum ersten Mal im Hauptfeld, und im vergangenen Jahr hätte er fast in der ersten Runde einen gewissen Roger Federer rausgeschmissen; er verlor nach harter Gegenwehr in fünf Sätzen. Natürlich war er enttäuscht nach der Niederlage, aber irgendwie musste er auch daran denken, wie es mit der Chance ausgesehen hatte, dass er, der Sohn von Immigranten, der mit alten Schlägern begonnen hatte, jemals einem Superstar wie Roger Federer begegnen, geschweige denn gegen ihn spielen würde.

          Er kennt den Schweizer von diversen gemeinsamen Übungsstunden und auch vom Laver Cup inzwischen ganz gut. Aber der Mann, dem er am liebsten nacheifern würde, ist Juan Martin del Potro. Er kann sich gut daran erinnern, wie er vor neun Jahren das Finale in New York verfolgte, in dem der Argentinier gegen Federer überraschend gewann, und wie er damals dachte: So wie der will ich auch sein. Frances Tiafoes Geschichte in der „Players’ Tribune“ endet mit den Sätzen: „Vielleicht ist meine Geschichte nicht wie andere im Tennis. Und vielleicht bin ich nicht wie die anderen Spieler. Aber ich gehöre dazu.“

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