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Nick Kyrgios bei US Open : Der größte Tennis-Showman ist endlich frei genug

  • -Aktualisiert am

Nick Kyrgios steht im Viertelfinale der US Open. Bild: dpa

Nick Kyrgios hat 27 Jahre gebraucht, bis er der Welt zeigen konnte, was in ihm steckt. Jetzt spielt er wie ein Favorit auf den Sieg bei den US Open. Wie hat der Australier das nun plötzlich geschafft?

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          Eigentlich. Ja, eigentlich hätten sie längst zueinandergefunden haben müssen, das laute, nach Sensationen lechzende New Yorker Publikum und der größte Showman des Tennis, Nicholas Kyrgios. Der es wie keiner schafft, Schwingungen zu erzeugen, der die Leute für sich einnehmen, aber auch abstoßen kann, und dem die Bühne gehört, sobald er sie betritt. Aber bis vor einer Woche hatte er Zweifel, ob das jemals für ihn funktionieren würde in der großen Stadt und im riesigen Arthur Ashe Stadium.

          „In der Hälfte der Zeit kann ich nicht mal mein Team hören. Ständiges Flimmern, Sirenen gehen los. Für jemanden, der in seiner ganzen Karriere Probleme hatte, sich zu konzentrieren, muss ich wirklich mit aller Kraft versuchen, nichts von dem wahrzunehmen und einfach nur Punkt für Punkt zu spielen.“ Er kann von Glück sagen, dass die vom nahen Flughafen La Guardia abhebenden Flieger nicht mehr im Minutentakt direkt über die Anlage donnern, wie es früher der Fall war. Als das Jaulen und Brummen dieser Flieger im Brustkorb vibrierte.

          Jetzt sieht es so aus, als finde also zusammen, was zusammengehört. Vor einer Woche gewann der Australier nach Jahren mit mittelprächtigen Ergebnissen sein erstes Spiel im Arthur Ashe Stadium; keine leichte Aufgabe, denn auf der anderen Seite stand sein bester Freund im Tennis, einer der wichtigsten Menschen seines Lebens, Thanasi Kokkinakis.

          Schlapp gefühlt

          Und in der Nacht zum Montag lieferte er sein Meisterstück ab. Vier Sätze (7:6, 3:6, 6:3, 6:2) gegen die Nummer eins der Welt, Titelverteidiger Daniil Medwedew, gegen Ende hin so souverän, dass der Mann auf der anderen Seite nichts mehr machen konnte. Dem Russen klebten an diesem schwülen Abend bald die Haare an der hohen Stirn. Nachdem es im zweiten Satz noch so ausgesehen hatte, als könne er Kyrgios einfangen, verlor er danach mehr und mehr den Zugriff und sah gegen Ende so aus, als liege sein Frustfaktor bei zehn von zehn.

          Keine Frage, der Gegner habe verdient gewonnen, sagte er hinterher. Er selbst habe sich allerdings schlapp gefühlt mit Kratzen im Hals. Wie viele Menschen, die nicht in diesem Land aufgewachsen sind, tut er sich schwer mit den Kühlhaus-Temperaturen amerikanischer Klimaanlagen, und meist zahlt er mit einer Erkältung dafür. Aber das solle keine Entschuldigung sein.

          „Er hat mich neulich auch in Montreal geschlagen, und da war ich nicht krank. Heute hat Nick auf dem gleichen Niveau wie Novak oder Rafa gespielt. Und wenn er so weitermacht, dann hat er gute Chancen, das ganze Ding zu gewinnen.“ Für ihn selbst war es eine doppelte Niederlage an diesem Abend, denn angesichts der Punkte, die er als Titelverteidiger nun verliert, wird er seinen Platz an der Spitze der Weltrangliste räumen müssen.

          Die besten Aussichten, die Führung zu übernehmen, hat nun Rafael Nadal, aber auch dessen junger Landsmann Carlos Alcaraz und der Norweger Casper Ruud haben eine Chance, wenn sie es bis ins Finale schaffen.

          „Hat’s dir gefallen?“

          Schnappt sich Kyrgios am kommenden Sonntag den Titel, wird er damit zum ersten Mal in den Top Ten des Tennis auftauchen. Eigentlich kaum zu glauben – schon wieder eigentlich – bei jemandem, der so ein unglaubliches Händchen hat und andere zur Verzweiflung treiben kann. Aber es gehört halt eine Menge mehr dazu, um an der Spitze zu landen. Konstanz vor allem.

          Nachdem er das Spiel gegen Medwedew mit einem Ass durch die Mitte passend beendet und sich vom Gegner mit Schulterklopfen verabschiedet hatte, traf er sich am Netz zum obligatorischen ersten Interview, und ehe Patrick McEnroe mit dem Mikrofon in der Hand etwas fragen konnte, fragte Kyrgios: „Hat’s dir gefallen?“ Die Antwort war ja, aber der ältere McEnroe legte die entscheidende Frage nach: „Wann hat es klick gemacht?“

          Das versuche er noch rauszufinden, antwortete der Australier. Einen Teil der neuen Zuversicht habe er sicher aus Wimbledon mitgebracht. Im All England Club hatte er im Finale gegen Novak Djokovic gespielt. Ein Ereignis, mit dem er und die Welt des Tennis fast nicht mehr gerechnet hatten nach vielen Jahren der Irrungen und Wirrungen.

          „Ich hatte einfach so große mentale Probleme in den ersten sechs, sieben Jahren meiner Karriere. Mal tolle Ergebnisse, dann wieder schockierende, und manchmal hab ich’s gar nicht erst versucht. Ich wusste einfach nicht, wie ich mit all dem umgehen soll. Ich hab mich selbst dafür fertiggemacht. Und irgendwann hat es mich einfach krank gemacht, meine Leute immer wieder hängen zu lassen.“

          Ein besserer Partner sein

          Seine Leute. Jenes Team mit seiner Freundin an der Spitze; Menschen, die ihm nahestehen, aber bekanntlich kein Coach. Das könne er keinem zumuten, in dieser Rolle mit ihm durch die Welt zu ziehen, sagt er immer wieder, wenn die Sprache auf dieses Thema kommt. Aber für die anderen – und für sich selbst – will er jetzt ein besserer Partner sein.

          „Wir alle sind jetzt vier Monate nicht mehr zu Hause gewesen. Wir sehen unsere Familien nicht so oft wie andere Tennisspieler. Ich will nicht jammern, aber manchmal ist es wirklich brutal. In meiner Familie sind Kinder auf die Welt gekommen, meine Mum ist krank, meinem Vater geht es auch nicht gut. Aber wir müssen einfach weiterreisen, weil Australien so weit weg ist, haben wir keine andere Wahl.“

          Und genau deshalb, sagt Kyrgios, werde er jetzt alles tun, um die Verluste auf dieser Ebene mit einer besseren Einstellung auszugleichen. Sie gewissermaßen zu validieren. Und natürlich will er es auch allen zeigen, die daran gezweifelt haben, dass er sich selbst und die Dinge jemals richtig in den Griff kriegen wird.

          Thanasi Kokkinakis, der ihn fast besser kennt als er sich selbst und der nachsichtiger mit ihm ist als er selbst, sagte neulich, so frei habe er den Freund noch nie spielen sehen. „Ich bin froh, dass ich euch mein Talent endlich zeigen kann“, rief Nick Kyrgios den Zuschauern nach dem Sieg über Medwedew zu. „Ich hab 27 Jahre dazu gebraucht.“

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