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Emma Raducanu gewinnt US Open : Ein Geschenk für die Tennis-Welt

  • -Aktualisiert am

Du gehörst mir: Die Engländerin Emma Raducanu mit ihrer ersten Grand-Slam-Trophäe Bild: Imago

Zwei Spielerinnen, die die Welt des Tennis definitiv bereichern: US-Open-Siegerin Emma Raducanu und ihre Gegnerin Leylah Fernandez begeistern mit jugendlicher Frische.

          3 Min.

          Wäre die Welt nicht ärmer ohne den Humor der Insulaner? Mark Steel ist ein englischer Komiker, Kolumnist und Autor, bekannt auch als Stand-up-Comedian. Und er ist vermutlich einer von Millionen Landsleuten, die sich vor Begeisterung im Kreise drehen, weil die 18 Jahre alte Emma Raducanu aus dem Süden Londons die Welt des Tennis auf den Kopf gestellt hat.

          Nur scheint Mister Steel irgendwie anders aus dem Häuschen zu sein, wie einem seiner Tweets auf Twitter zu entnehmen ist. „Murray hat es richtig gemacht“, schrieb er, „der hat uns vier Jahre lang der Agonie ausgesetzt, ehe er schließlich was gewann. Nichts von diesem Unsinn, sechs Monate nach dem Abitur in Bromley auf einmal Champion zu sein.“ Herrlich. So kann man die Sache auch sehen, wenn ansonsten die Gefahr besteht, alle Wörter aufzuschreiben, die irgendwie mit Euphorie zu tun haben.

          In 17 Tagen zum Gipfel

          Aber andererseits, es geht nicht ohne Euphorie nach diesem phänomenalen Lauf, der Emma Raducanu vom ersten Qualifikationsspiel am 25. August mittags auf Court 11 ins Arthur Ashe Stadium zum Spiel um den Titel führte, 17 Tage später. Und zum Titel, gewonnen in zwei souveränen Sätzen (6:4, 6:3) gegen die nur zwei Monate ältere, nicht weniger großartige Leylah Annie Fernandez aus Kanada.

          Vor dem ersten Ballwechsel auf Court 11 hatte alles danach ausgesehen, der mögliche Grand Slam von Novak Djokovic werde in seiner historischen Bedeutung das große Thema der US Open sein. Selbst in den verrücktesten Träumen hätte sich niemand vorstellen können, das Spiel zweier Teenager könnte genauso viel Aufmerksamkeit gewinnen; aber so war es.

          Emma Raducanus Schwung und jugendliche Frische in Verbindung mit kompromisslosem, furchtlosem Spiel erinnern an den ersten Aufritt der damals 15 Jahre alten Monica Seles bei einem Grand-Slam-Turnier anno 89 in Paris. Seles verlor damals im Halbfinale gegen Steffi Graf, hätte dann aber sicher mehr als neun Grand-Slam-Titel gewonnen, wenn ihr nicht vier Jahre später ein Wahnsinniger in Hamburg ein Messer in den Rücken gerammt hätte.

          Was nun aus Emma Raducanu werden kann nach den Ereignissen 2021? Nach einem Sommer mit wenigen Wochen Training wegen des Abiturs, mit dem Auftritt in Wimbledon, wo sie mit einer Wildcard bis ins Achtelfinale kam, und jetzt, zwei Monate danach mit dem kaum fassbaren Flug aus der Qualifikation zum Titel. So was gab es noch nie, weder bei den Frauen noch bei den Männern, und es hat viel mit einer Fähigkeit zu tun, die nicht jedem gegeben ist. Sich immer nur auf die nächsten Schritte zu konzentrieren, nichts von dem wahrzunehmen, was um einen herum passiert, aber trotzdem positive Schwingungen zuzulassen, die das gute Gefühl tragen und stärken.

          Große Verliererin: Die Kanadierin Leylah Fernandez (r.)
          Große Verliererin: Die Kanadierin Leylah Fernandez (r.) : Bild: dpa

          Nach Wimbledon und der Aufgabe mit Atemproblemen in Runde vier musste sie sich anhören, sie sei der ganzen Geschichte offensichtlich nicht gewachsen gewesen. Blödsinn. Sie selbst gab zu, der überraschende Erfolg sei nicht so leicht zu verkraften gewesen. Und nur ein paar Wochen nach dieser Erfahrung gewinnt sie in New York eine Runde nach der anderen, zaudert und zögert nicht und tritt im Finale, ebenso wie Leylah Fernandez, vor mehr als 20.000 Zuschauern auf, als sei sie für solche Momente auf die Welt gekommen.

          Und es sagt so viel, wie sie das Spiel um den Titel beendete. Zwei Matchbälle hatte sie ein paar Minuten zuvor vergeben, zwischendurch hatte sie sich das Knie am rauen Boden aufgeschrammt, als sie wieder zum Sieg aufschlug und beim nächsten Matchball dachte: Ich hab das ganze Spiel über nicht extrem rechts raus aufgeschlagen, wenn ich das noch machen will, dann wäre es jetzt an der Zeit. Gedacht, getan, gewonnen. Grandios.

          Gesagt, getan, gesiegt: Die Britin Emma Raducanu gewinnt die US Open.
          Gesagt, getan, gesiegt: Die Britin Emma Raducanu gewinnt die US Open. : Bild: dpa

          In einem schulterfreien kleinen Schwarzen und mit weißen Turnschuhen posierte sie später mit dem Pokal am Brunnen vor dem Stadion, und auf diesen Fotos ist wie auf so vielen anderen ein berückendes, wunderschönes Lächeln zu sehen. Dass sie so aussieht, wie sie aussieht, wird sicher gut für viele Werbeverträge sein, aber es wird angesichts der damit verbundenen Aufmerksamkeit die Sache nicht leichter machen. Mit Ruhm klarzukommen ist keine Kleinigkeit, zumal wenn sich die ganze Nation auf einen stürzt und einem die Königin in einem persönlichen Schreiben Glückwünsche schickt.

          Als Elisabeth II. vor 44 Jahren einer anderen Britin nach deren Sieg in Wimbledon den Pokal persönlich überreichte, feierte die Monarchin ihr silbernes Thronjubiläum; das ist also schon eine Weile her. Virginia Wade saß in New York auf der Tribüne und freute sich mit jugendlichem Schwung über Emma Raducanus Sieg, und auch sie machte dabei den Eindruck, als fielen gerade Ostern, Weihnachten und sämtliche Feiertage auf einen Spätsommertag in New York.

          Aber diese Geschichte wäre nicht komplett ohne Leylah Fernandez. Die wieder großartig spielte, aber ein paar Fehler zu viel machte und am Ende in ihrer Enttäuschung Tränen in den Augen hatte. Vielleicht war es, abgesehen von der Qualität des Spiels um den Titel und der puren Spielfreude auf beiden Seiten, der eindrucksvollste Moment dieses Abends, als sie sich bei der Zeremonie noch mal das Mikrofon geben ließ und den Zuschauern an diesem speziellen Tag dankte, 9/11. „Ich hoffe“, sagte sie und versuchte zu lächeln, „dass ich so stark und widerstandsfähig sein kann wie New York in den vergangenen 20 Jahren.“

          Einer der mehr als 20.000 Zuschauer, ein gewisser Andy Roddick, hatte völlig recht, als er danach meinte, diese jungen Frauen seien ein Geschenk, ein absolutes Geschenk. Die Welt des Tennis ist definitiv bunter, lebendiger und reicher mit den beiden.

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