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US Open : Thiems Spiel mit dem Rücken an der Wand

  • -Aktualisiert am

Auf in den Kampf: Dominic Thiem fühlt sich bereit für das Duell mit Rafael Nadal Bild: USA TODAY Sports

Dominic Thiem braucht Platz für sein Spiel: In New York nutzt er den ganzen Raum rund um die Auslinien für sein raumgreifendes Tennis. Das Spiel gegen Rafael Nadal lässt auch deshalb ein spannendes Duell erwarten.

          Ein paarmal stand er so dicht mit dem Rücken zur Wand, dass ihn die Zuschauer von der dahinter und darüber liegenden Tribüne nicht mehr sehen konnten. Im normalen Leben mag der Begriff Mit-dem-Rücken-zur-Wand bedrohlich klingen, aber wenn Dominic Thiem Tennis spielt, sieht die Sache anders aus. Je mehr Platz er hinter der Grundlinie hat, je weiter er nach hinten rücken und sich damit Zeit für den Return und die anderen Schläge nehmen kann, desto wohler fühlt er sich. Und da hilft es in der Tat, wenn man nur noch in den großen Arenen mit viel Platz spielen darf.

          Nach dem Achtelfinal-Sieg im neuen Louis Armstrong Stadion gegen den Finalisten von 2017, Kevin Anderson, meinte er, vor drei Jahren habe er gegen den gleichen Gegner auf Platz 17 gespielt – und keine Chance gehabt, diesmal sei alles viel besser gewesen. Klasse allein ist also nicht immer das Kriterium; man braucht halt auch die passende Bühne.

          Lehren aus dem Vorjahr

          Thiem fand, bei diesem Sieg (7:5, 6:2, 7:6) habe er eines der besten Spiele seiner Karriere gemacht und dabei auch die Geister verscheucht, die ihn im vergangenen Jahr im Achtelfinale überfallen hatten. Im Spiel gegen Juan Martin del Potro auf dem drittgrößten Platz der Anlage, dem sogenannten Grandstand, hatte er nach zwei souverän gewonnenen Sätzen noch verloren, weil auf der Tribüne offensichtlich halb Argentinien saß und mächtig Rabatz machte. Aber kaum Stimmen wurden für einen eher leisen Österreicher laut, der sich so alleingelassen fühlte wie selten zuvor. Diese Stimmen klangen ihm lange Zeit wie ein Untergangsgesang in den Ohren. Er fragte sich danach immer wieder, warum er es nicht geschafft hatte, damit besser umzugehen.

          Doch nun, da er zum ersten Mal die Hürde des Achtelfinales bei einem Grand-Slam-Turnier auf Hartplatz übersprungen hat und zudem im achten Spiel gegen Anderson den zweiten Sieg einfuhr, fährt das Schiff seiner Hoffnungen unter vollen Segeln. Wenn er an diesem Dienstag im Viertelfinale gegen Rafael Nadal spielt, der zwei komplizierte Spiele hinter sich hat, dann wird das in gewisser Weise eine Premiere sein. Bisher fanden alle zehn gemeinsamen Begegnungen auf Sand statt, auf dem sich beide am Wohlsten fühlen.

          Es sagt einiges über Thiems Aussichten, wenn man weiß, dass er von diesen zehn Spielen immerhin drei gewonnen hat. Auf Sand. Auf Nadals Hoheitsgebiet, sagt er, habe er drei schöne Erfahrungen gehabt – die Siege eben – und sechs fürchterliche. Drei und sechs macht neun, ein Spiel hat er also verdrängt oder vergessen; vielleicht das Finale der French Open in diesem Jahr in Paris, als er in drei Sätzen nicht den Hauch einer Chance hatte. „Ich hoffe, dass es auf Hartplatz ein bisschen angenehmer für mich ist und dass ich einen tollen Tag habe“, sagt er, „sonst sieht’s finster aus.“

          Er freut sich auf die neue Chance und auf sein erstes komplettes Spiel im größten Tennisstadion der Welt. Der erste Versuch vor zwei Jahren endete im Achtelfinale nach anderthalb Sätzen mit einer Verletzung – auch damals war es del Potro, der auf der anderen Seite stand. Im Arthur Ashe Stadion ist hinter den Grundlinien noch mehr Platz als nebenan bei Louis Armstrong. Da kann er weit genug nach hinten gehen, um darauf zu warten, dass die mit extremem Topspin gespielten Bälle des Spaniers im Sinkflug sind, ehe er sie zurückspielt.

          Man kennt sich: Thiem und Nadal sind in Roland Garros im Finale aufeinandergetroffen

          Es gibt ja nur zwei vernünftige Möglichkeiten, diesen Topspin zu entschärfen – entweder man trifft den Ball im Aufsteigen und früh oder eher spät, wenn die Flugkurve abfällt. Die erste Variante ist was für lange Leute mit der Kraft einer beidhändigen Rückhand. Mit der zweiten fühlt sich Thiem deutlich wohler, der die Rückhand einhändig schlägt.

          Herausforderung für Nadal

          Was Rafael Nadal von all dem hält, ein Jahr nach seinem dritten Titelgewinn in New York? Auch er steht beim Aufschlag des Gegners oft meterweit hinter der Linie. Aber im Gegensatz zu Thiem steckt dahinter kein Wohlfühlprogramm, sondern kühle Kalkulation. Das lässt sich jedenfalls aus seiner Antwort auf die Frage schließen, ob er die Position kurz vor der Wand lieber möge als einen Standort auf oder an der Linie. Wie so oft, wenn er sich mit einem ernsthaften Thema beschäftigt, hebt er die linke Augenbraue, bevor er sagt: „Ich mag das, was am besten funktioniert. Und das hängt vom Moment und vom Gegner ab.“ Im Übrigen freue er sich für Thiem, dass der zum ersten Mal in New York im Viertelfinale gelandet sei, und ist überzeugt davon, man werde eine interessante Partie sehen.

          Wie immer man Thiems Qualitäten auf einem Hartplatz an der Wand einschätzen mag, er ist auf jeden Fall Nadals nominell stärkster Gegner in New York seit fünf Jahren. So lange ist es her, dass er bei den US Open gegen einen Kollegen aus den Top 20 der Weltrangliste spielen musste.

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