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Nach Adria-Tour : Zverevs späte Einsicht und Reue

Zweiter Aufschlag, verzweifelt gesucht: Alexander Zverev Bild: dpa

Seine Teilnahme an Djokvics Adria-Tour mit anschließendem Partyvideo sieht Zverev mittlerweile als großen Fehler an. Nach seiner Niederlage gegen Murray gibt sich der Tennis-Profi geläutert.

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          Seine beste Aktion hatte Alexander Zverev, als das Match gegen Andy Murray schon lange verloren war. Nach Monaten trotzigen Schweigens, einer unwirsch abgebrochenen Pressekonferenz und zur Schau getragener Ignoranz gegenüber einer ernsten Thematik präsentierte sich Deutschlands bester Tennisprofi plötzlich reuig und einsichtig. „Ich habe einen Fehler gemacht“, sagte Zverev im Anschluss an seine bittere Auftaktniederlage bei der US-Open-Generalprobe in New York.

          „Mit der Adria Tour und danach auch mit der Geburtstagsfeier. Ich habe einen Riesenfehler gemacht, und da kann ich die Leute natürlich auch verstehen.“ Höflich, offen und reflektiert stellte sich Zverev nach dem 3:6, 6:3, 5:7 gegen den früheren Weltranglistenersten Murray auch den kritischen Nachfragen jenseits der unmittelbaren Spielanalyse – denen zu seinem Verhalten während der zum Corona-Hotspot mutierten Schauturnier-Serie Mitte Juni. Denen zu seiner kurzfristigen Absage für einen Wettkampf in Berlin. Und denen zu seinem dokumentierten Party-Besuch während einer selbstverschriebenen Quarantäne. Zwar betonte auch er, wie zuletzt schon der vielkritisierte Adria-Tour-Organisator Novak Djokovic, dass man sich an alle rechtlichen Vorgaben in Serbien und Kroatien gehalten habe. Auch habe er niemanden außer sich selbst in Gefahr gebracht und sei mehrfach negativ auf das Virus getestet worden. „Aber klar, war das jetzt nicht das Schlaueste auf der Welt“, sagte Zverev. „Es hat nicht so funktioniert, wie es gedacht war.“

          Dass der 23-Jährige mit dieser kritischen Reflexion so lange gewartet hat, dürfte zwar weiterhin einen Kratzer in seinem öffentlichen Image hinterlassen. Doch immerhin erschien die späte öffentliche Reue des Jungstars aufrichtig. „Extrem unglücklich“ und „unzuverlässig von uns“ seien die alle gängigen Hygieneregeln missachtenden Auftritte gewesen, bekannte Zverev. „Aber es war halt ein Versuch, Tennis zurückzubringen.“ Dass dieser auf fahrlässige Art und Weise misslang, sieht auch er inzwischen ein. Und wirkte doch froh darüber, nach wochenlangem Wirbel nun langsam auch über den Sport wieder Schlagzeilen produzieren zu können.

          Alexander Zverev: „Ich habe einen Fehler gemacht mit
der Adria-Tour“.
          Alexander Zverev: „Ich habe einen Fehler gemacht mit der Adria-Tour“. : Bild: dpa

          Zverevs erstes offizielles Match seit Ende Januar war dafür am späten Montagabend im Grunde prädestiniert. Die Auslosung beim Cincinnati Masters, das als offizieller Testlauf für die US Open diesmal in die „Bubble“ von New York verlegt worden war, hatte ihm nämlich direkt zum Start ein spektakuläres Duell mit dem Schotten Murray beschert. Der Gewinner dreier Grand-Slam-Turniere und zweimalige Olympiasieger spielt zwar inzwischen mit einem künstlichen Hüftgelenk. Doch dass er noch immer über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt, bewies er abermals eindrucksvoll. Dabei erinnerte Murray Zverev letztlich vor allem schmerzhaft an einen noch immer vorhandenen Mangel im eigenen Spiel.

          Partie mit Psychotricks

          Denn der erfahrene Topspieler konfrontierte den Weltranglistensiebten aus Deutschland mit einer Art Psychotrick. Bis zum Ende der umkämpften Partie nach zweieinhalb Stunden fand Zverev darauf keine Antwort. Selbst als er nach einem Break zum 5:4 im dritten Satz zum Matchgewinn aufschlug, war seine Verunsicherung greifbar. Die Folge war eine weitere Wende in diesem nicht hochklassigen, aber zumindest packenden Schlagabtausch. Letztlich machte sich Murray zunutze, dass Zverev zwar mit dem ersten Aufschlag zu den Besten der Welt gehört, sein zweiter jedoch bisweilen fatal abfällt. So positionierte er sich in diesem Fall stets aufreizend weit im Feld.

          Mit dem Ergebnis, dass Zverev, der davon offensichtlich irritiert war, regelmäßig einen krachenden Halbvolley-Return hinnehmen musste. Und daraufhin wiederum selbst häufig zu viel Risiko beim Service einging. Allein in den letzten beiden Breaks am Ende des Spiels produzierte er vier Doppelfehler in Serie. Insgesamt waren es deren elf. „Daran habe ich die letzten sechs Monate gearbeitet“, sagte Zverev, der seit kurzem den Spanier David Ferrer als Trainer verpflichtet hat, hinterher etwas ratlos: „Während des Spiels war es eigentlich ganz okay, aber in den wichtigen Momenten war es wieder weg.“

          Allzu hoch hängen wollte er die verpatzte Generalprobe für die am kommenden Montag beginnenden US Open dennoch nicht. Zumal er mit seinem frühen Aus in bester Gesellschaft war. Auch der österreichische Weltranglistendritte Dominic Thiem, gegen den Zverev im Januar bei den Australian Open sein erstes Grand-Slam-Halbfinale bestritten hatte, verlor direkt sein Auftaktmatch 2:6, 1:6 gegen den Serben Filip Krajinovic. „Es ist das erste offizielle Turnier nach sechs Monaten“, erklärte Zverev. „Da ist es normal, dass nicht jeder direkt sein bestes Tennis spielen kann.“

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