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Tennisprofi Kevin Anderson : Die Entdeckung der Faust

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Entschlossenheit siegt: Kevin Anderson Bild: USA TODAY Sports

Er hat keine besondere Fähigkeit, dafür aber ganz besonderen Ehrgeiz - und den erst spät entwickelt. Über den Tennisprofi Kevin Anderson und sein ungewöhnlicher Weg in die Weltspitze.

          3 Min.

          Es gibt Spieler wie Rafael Nadal, der nicht nur der größte Matador unter der Sonne ist, sondern auch voller Ticks steckt. Es gibt Spieler wie Stan Wawrinka, der in einem einzigen Versuch den Schläger über seinem Oberschenkel knickt. Es gibt Spieler wie Fabio Fognini, der jeden auf dem Platz verrückt machen kann, eingeschlossen sich selbst. Nichts von alldem lässt sich mit Kevin Anderson in Verbindung bringen. Der aktuell fünftbeste Spieler der Welt, Finalist vor einem Jahr bei den US Open und vor ein paar Wochen in Wimbledon, ist ein Zweimetermann, der einen schmalen Schatten wirft.

          In Andersons Geschichte gibt es keine spektakulären Leistungssprünge und nicht das Talent eines früh Vollendeten. Er stammt aus einem Land, das zu viele Sorgen hat, um sich um junge Tennisfans zu kümmern – Südafrika. Und er wurde erst nach seiner Zeit in der Tennismannschaft der Universität von Illinois mit 21 Profi. Wobei die Zeit in Amerika neben sportlichen Erfolgen mit einem persönlichen Höhepunkt verbunden war, als er seine spätere Frau Kelsey kennenlernte, die zur Golfmannschaft der Uni gehörte.

          Vor zehn Jahren spielte Anderson zum ersten Mal im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers, bis zu seinem ersten Sieg vergingen zweieinhalb Jahre, danach steckte er fünf Jahre lang auf der Achtelfinal-Ebene fest. Er war vor allem wegen eines Aufschlags und seines soliden Spiels von der Grundlinie ein unangenehmer Gegner, aber um weiter zu kommen, fehlte ihm auch eine gewisse Dosis Selbstbewusstsein. Vor drei Jahren bei den US Open, da gehörte er schon eine Weile zu den Top 20 des Tennis, übersprang er die Hürde Achtelfinale zum ersten Mal. Doch dann steckte er wieder fest, gebremst von diversen Verletzungen am linken Knie, der rechten Schulter, der Leiste, der Hüfte und am Oberschenkel. Die Hüfte schien das größte Problem zu sein, und eine Weile lang sah es so aus, als werde er um eine Operation nicht herum, kommen. Doch nach einer Pause wurde es besser, und erst dann begann vor anderthalb Jahren nach einer langen Wanderung durch die Ebene der Marsch Richtung Gipfel.

          Eine neue Faust im Welt-Tennis

          Als er im vergangenen Jahr in New York das Finale gegen Rafael Nadal erreichte, gab es in seinem Spiel eine neue Komponente: die öffentliche Demonstration von Entschlossenheit, symbolisiert durch die Faust. Er habe eine Weile gebraucht, um sich an diese extrovertierte Geste zu gewöhnen, gab Anderson damals zu, aber dann habe er sich allmählich wohler gefühlt mit dem Gedanken, mehr aus sich herauszugehen. Das ist keine Kleinigkeit für einen zurückhaltenden, leisen Menschen wie ihn, der andererseits aber auch Perfektionist ist und alle Möglichkeiten nutzen will. „Tennis“, so sagt er, „ist eine total mentale Geschichte. Ich habe immer gekämpft, aber jetzt hab ich ein Element hinzugefügt, und inzwischen hab ich mich daran gewöhnt.“ Andersons Faust ist die kurze, trockene Variante, keine Aktion mit tausend Volt wie bei Nadal oder auch beim jungen Kanadier Denis Shapovalov, gegen den er am Freitag gewann.

          Ein großer Aufschlager: Kevin Anderson während seiner Paradedisziplin.
          Ein großer Aufschlager: Kevin Anderson während seiner Paradedisziplin. : Bild: AFP

          Die Faust gehört zum Erfolg auf dem Weg der kleinen Schritte. Wer nach einem guten Beispiel sucht, wohin vergleichsweise bescheidene Anfänge führen können und wie einer lernen kann, sich selbst mehr zuzutrauen, der ist bei Kevin Anderson an der richtigen Stelle. Mit dem Erfolg der US Open 2017 im Kopf landete er auch in Wimbledon im Finale. Zuerst der Triumph im Viertelfinale gegen Roger Federer, den er nach einem 0:2-Satzrückstand und Abwehr eines Satzballes besiegte, danach das Marathonspiel gegen den Amerikaner John Isner, einen Kumpel aus der Unizeit, gegen den er im zweitlängsten Spiel der Grand-Slam-Geschichte in sechs Stunden und 36 Minuten gewann. Was er für ein Kerl ist und warum die Konkurrenten in höchsten Tönen von ihm reden, sah man, als er hinterher sagte: „Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich mich nicht viel mehr freue. Aber das war hart für uns beide; für mich steht es Unentschieden, aber einer muss ja gewinnen.“

          Denis Shapovalov war es nach fünf engen Sätzen ein Anliegen, ohne danach gefragt zu werden, über das Fairplay seines Gegners zu reden. „Ich möchte die Zeit hier nutzen, um eine Sache zu erwähnen, die ich zu schätzen weiß und sehr respektiere. Im ersten Satz, nachdem er ausgerutscht war, wollte er den Physio rufen. Aber anstatt das vor meinem Aufschlagspiel bei 5:4 zu tun, hat er gewartet, bis der Satz zu Ende war. Nicht viele Spieler würden das tun; es ist wirklich toll, das von einem Kollegen zu sehen.“ Sollte Kevin Anderson irgendwann einen Grand-Slam-Titel gewinnen, was ja bei einem nicht auszuschließen ist, der schon zweimal im Finale stand, dann gäbe es vermutlich keinen auf dem Planeten Tennis, der sich darüber nicht freuen würde. Das kann nicht jeder von sich sagen.

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