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US Open in New York : „Match der Mütter“

Laut und emotional: Serena Williams feiert ihren Punkt gegen Gegnerin Maria Sakkari Bild: USA TODAY Sports

Die US Open beweisen: Muttersein und ein Platz weit oben auf der Weltrangliste sind kein Widerspruch. In der Tenniswelt zeigt sich ein Umdenken – zugunsten der Frauen.

          3 Min.

          Es ist noch immer ein ziemlich exklusiver Klub, dem Serena Williams da vorsteht. Doch in den vergangenen Jahren hat die Gemeinschaft der Tennis-Mütter auf der Profitour viel Zulauf erhalten. Rekordverdächtige neun ihrer Mitglieder waren bei den diesjährigen US Open am Start. Die Belgierin Kim Clijsters bei ihrem vielbeachteten Grand-Slam-Comeback gehörte dazu, mit Tatjana Maria zudem eine Deutsche. Drei von ihnen haben es nun sogar ins Viertelfinale geschafft. Als prominenteste Vertreterin natürlich Williams, so etwas wie Klub-Präsidentin und Vorzeigemama der Tennisbranche. Daneben jedoch auch deren nächste Gegnerin Zwetana Pironkowa aus Bulgarien und die Belarusin Wiktoria Asarenka.

          „Ich bin so glücklich, dass hier so viele Mütter sind“, sagte Williams, die sich am Montag durch ein 6:3, 6:7 (6:8), 6:3 gegen die Griechin Maria Sakkari in die Runde der letzten acht gekämpft hat. „Vor allem natürlich, weil ich selbst eine bin. Ich habe einen komplett neuen Respekt für ihre Leistung.“ Williams nimmt in New York zum wiederholten Mal Anlauf auf ihren 24. Grand-Slam-Titel, den ersten seit der Geburt ihrer Tochter Alexis Olympia. Viermal stand sie seither im Endspiel eines Majors, viermal verlor sie. Noch immer jagt sie damit die Rekordmarke der Australierin Margaret Court (24), die außerdem neben Clijsters und ihrer Landsfrau Evonne Goolagong eine von nur drei Müttern ist, die bisher ein Grand-Slam-Turnier gewinnen konnten.

          „Ich war einfach müde“

          Williams Viertelfinalgegnerin an diesem Mittwoch, die Bulgarin Pironkowa, hat derweil die bislang spektakulärste Erfolgsgeschichte der diesjährigen Ausgabe der US Open geschrieben. Drei Jahre lang hatte die 32-Jährige vor ihrem Start in New York kein Turnier mehr bestritten. Sie wurde Mutter, gründete ein Unternehmen, das Wohlfühlklamotten für Sportlerinnen herstellt, und hatte mit ihrer Tennis-Karriere quasi schon abgeschlossen. „Ich war mehr als zehn Jahre lang dauerhaft unterwegs“, sagt sie: „Ich war einfach müde.“ Außerdem habe sie die neuen Erfahrungen mit Sohn Alexander voll auskosten wollen.

          Erfolgreiche Mutter: Wiktoria Asarenka
          Erfolgreiche Mutter: Wiktoria Asarenka : Bild: dpa

          Doch nach einer Weile spürte Pironkowa, einst immerhin Halbfinalistin in Wimbledon und zumindest Nummer 31 der Weltrangliste, auch wieder die Lust auf den Wettbewerb. „Ich wollte sehen, ob ich es noch immer draufhabe“, erklärt sie. Zugute kam ihr dabei, wie sie selbst vermutet, auch die Corona-Zwangspause, in der sie den Trainingsrückstand gezielt aufholen konnte. Zudem profitiert sie davon, dass die Spielerinnen-Vereinigung WTA in den vergangenen Jahren einige Maßnahmen ergriffen hat, um Müttern die Rückkehr auf die Profitour zu vereinfachen. So können diese inzwischen beispielsweise ein „Protected Ranking“ für sich in Anspruch nehmen, ähnlich wie nach einer schweren Verletzung.

          Zu Beginn ihrer Babypause im Jahr 2017 wurde Pironkowa auf Rang 123 der Weltrangliste geführt. Diesen Wert darf sie nun bei der Anmeldung für zwölf Turniere, darunter maximal zwei Grand-Slams, benutzen. Bei den US Open, wo in diesem Jahr wegen Corona viele Spielerinnen aus den Top 100 abgesagt haben, rutschte Pironkowa damit sogar überraschend direkt ins Hauptfeld. Und startete dann einen geradezu sensationellen Siegeszug, in dessen Verlauf sie unter anderem die zweimalige Grand-Slam-Siegerin Garbiñe Muguruza aus Spanien und die an Nummer 18 gesetzte Kroatin Donna Vekić aus dem Turnier warf. „Ich muss gestehen, das habe ich nicht erwartet“, sagte Pironkowa. „Aber ich nehme alles mit, was kommt.“ Auch ihr erstes US-Open-Viertelfinale gegen Serena Williams, eine „Legende unseres Sports“, wie sie selbst schwärmt.

          Pironkowas Erfolgsstory

          Pironkowas völlig unerwartete Erfolgsstory von New York ist dabei untrennbar mit ihren Erfahrungen als Mutter verbunden. „Alles daran hat mir geholfen“, sagte sie nach ihrem 6:4-, 6:7-(5:7), 6:3-Achtelfinalsieg über die Französin Alizé Cornet am Montagabend. „Du wirst ein anderer Mensch. Du bist nicht mehr nur auf dich selbst fokussiert, sondern an oberster Stelle kommt dein Kind. Offensichtlich ist das eine gute Sache.“ Sie sei besser organisiert, mental widerstandsfähiger, und sogar körperlich profitiere sie, weil sie nun ein viel besseres Gespür für den eigenen Körper habe. „Ich kann gar nicht aufzählen, in wie vielen Punkten mich das positiv beeinflusst hat.“

          Unglaubliches Comeback: Zwetana Pironkowa
          Unglaubliches Comeback: Zwetana Pironkowa : Bild: EPA

          Ähnlich beschreibt es auch Wiktoria Asarenka, die dritte verbliebene Tennis-Mama von New York. Die 31-Jährige war schon ganz oben in ihrem Sport, war Weltranglistenerste, gewann zwei Grand-Slam-Turniere. Als sie 2016 erfuhr, dass sie schwanger sei, weinte sie zunächst, weil sie glaubte, ihre Karriere sei damit nun beendet. Heute sagt sie: „Mein Leben hat erst begonnen, als ich Mutter wurde.“

          Unmittelbar vor den US Open gewann Asarenka in New York das „Cincinnati Masters“, ihr erster Turniererfolg nach der Geburt ihres Sohnes. Längst gehört sie auch bei dem Grand-Slam-Turnier zu den Mitfavoritinnen auf den Titel. Am Montag schlug sie die Tschechin Karolína Muchová 5:7, 6:1, 6:4 und spielt nun in der Runde der letzten acht gegen Elise Mertens aus Belgien. Viel wichtiger als der sportliche Erfolg ist Asarenka aber die Botschaft, die dahintersteckt. „Wir sind nicht nur Mütter, wir sind auch Tennisspielerinnen. Frauen mit Träumen und Zielen und Leidenschaften“, sagt sie: „Für mich sind das alles Heldinnen. Ich hoffe, wir können das fortsetzen und damit andere Frauen inspirieren, nach dem zu streben, was sie wollen.“ Eine Botschaft, die auch die inoffizielle Klub-Präsidentin Serena Williams sicherlich genauso unterschreiben würde.

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