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Schauspiel in Corona-Zeiten : Theater auf dem Tennisplatz

  • -Aktualisiert am

Die Kammerspiele Mainz führen die Inszenierung coronabedingt auf Tennisplätzen der Gemeinde im Freien auf. (Symbolbild) Bild: dpa

Die Corona-Not macht erfinderisch, Open-Air-Schauplätze sind gefragt: Auch die Kammerspiele Mainz gehen mit der bundesweit umjubelten Komödie „Extrawurst“ unter freiem Himmel auf Abstand – und spielen auf verschiedenen Tennisplätzen.

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          Es sind kuriose Zeiten, in denen eine bundesweit umjubelte Komödie sich um die simple Frage dreht, ob für die Sommerfeste eines Tennisvereins ein Grill ausreicht oder ob für die kein Schweinefleisch essenden Mitglieder ein Extragrill erworben werden muss. Seit seiner Premiere im Herbst vergangenen Jahres wird „Extrawurst“, geschrieben von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob, unter anderem Textlieferanten der Fernsehserien „Stromberg“ und „Pastewka“, an zahlreichen deutschen Bühnen gespielt. Das Stück, das ganz harmlos auf der Jahresversammlung eines typischen Vereins beginnt, trifft den Nerv der Zeit.

          Nun haben die Kammerspiele Mainz unter der Regie von Tom Peifer aus der Corona-Not eine Tugend gemacht und für ihre Inszenierung Schauplätze im Freien gefunden, die nicht nur den aktuellen Hygienevorschriften hundertprozentig genügen, sondern überdies den Vorzug der Authentizität haben: In Mainz und bald in verschiedenen rheinhessischen Gemeinden spielt „Extrawurst“ auf dem Tennisplatz.

          Man sitzt in lockerem Abstand auf den Tribünen ringsum sowie auf Stühlen und Bänken auf dem Sandplatz. Natürlich kann das Stück so mit ein paar Anspielungen auf die jeweilige Örtlichkeit zusätzlich um einige Insidergags angereichert werden. In Mainz-Mombach reicht dafür schon der Hinweis, dass das türkischstämmige Vereinsmitglied Erol (Carlos Lobo) an den Fastnachtsitzungen der legendären „Bohnebeitel“ teilnimmt.

          Schnell liegen sich alle in den Haaren

          Auch sonst ist der zunächst ganz entspannte Anwalt Erol geradezu musterhaft integriert, und wenn nicht seine politisch überkorrekt agierende Doppelpartnerin Melanie (Tina Seydel) wäre, würde er auf keinem für Muslime geeigneten Grill bestehen. Aber Melanie lässt nicht locker, zumal Matthias (Ulrich Sommer), der umtriebige Grillmeister des Vereins, sich um Kopf und Kragen redet und bei seinem Kampf um den einzig wahren Teutonengrill eine Schote nach der andern von dieser Qualität raushaut: „Tennis und Grillen mit Kopftuch? Und der Muezzin jodelt unsere Vereinshymne?“

          Schnell liegen sich alle in den Haaren, die Vorurteile und Stereotypen werden durchdekliniert, und die Fronten wechseln im Minutentakt. Bald offenbart auch Melanies Ehemann, der scheinbar durch und durch liberale Torsten (Detlev Nyga), seine islamfeindliche Seite, und der überforderte Vorsitzende Heribert (Andreas Mach) dreht, auf dem erhöhten Schiedsrichterstuhl sitzend, sein Fähnchen nach jedem der blitzschnellen Wort-Ball-Wechsel nach dem Wind. Er möchte nur endlich das Buffett eröffnen.

          Nur etwas mehr als eine Stunde dauert diese abgespeckte Freiluft-Version von „Extrawurst“, die Striche und das Tempo tun dem Stück sehr gut. Kein Gag wird totgewalzt, Redundanzen sind eliminiert, und doch werden von „Türkenwurst“ über „Kopftuchfrauen“ bis zur Frage „Und worauf grillen wir für die Veganer?“ alle aktuellen Streitthemen gestreift. Mehr geht kaum in siebzig Minuten, die trotz des erwartbar disharmonischen Endes schlichtweg Spaß machen.

          Weitere Aufführungen: Tennisclub Weiler am 22. und 23. August, Ockenheimer Tennisclub 28. August, Tennisclub Rot-Weiss Nierstein am 29. und 30. August sowie am 25.,26. und 27. September TC Boehringer in Ingelheim. Alle Veranstaltungen findet Open Air statt, Anfangszeiten auf der Website www.mainzer- kammerspiele.de

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