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US Open : Die Frage nach dem Machtwechsel

  • -Aktualisiert am

Locker, selbstbewusster: Angelique Kerber hat 2015 in Singapur eine Lektion gelernt: sich keinen Stress machen. Bild: AP

Angelique Kerber könnte am Ende der US Open ganz oben in der Tennis-Weltrangliste stehen. Aber die Olympiazweite hat sich für New York nur eines vorgenommen: Spielen und genießen. Die Kielerin hat gelernt.

          Wie es ihr geht? Schwer zu sagen. Mit sichtbarer Mühe und vergleichsweise wenig Geduld erträgt Serena Williams dieser Tage Fragen zu ihrer Form. Bei den Olympischen Spielen in Rio hatte sie in der dritten Runde verloren, sichtbar nicht in der Lage, mit derselben Kraft und Dynamik wie sonst aufzuschlagen, danach hatte sie beim Turnier in Cincinnati vor dem ersten Spiel zurückgezogen und hatte als Grund eine Entzündung in der Schulter angegeben. Dienstag wird sie zu ihrem ersten Spiel bei den US Open im Arthur Ashe Stadium erwartet - einem schweren Spiel gegen die Russin Jekaterina Makarowa -, und keiner weiß, was dabei herauskommen wird. Sie selbst sagt, sie habe nicht allzu viel trainiert zuletzt und es gehe ihr gerade erst ein wenig besser.

          Konkretere Hinweise sind vor diesem Spiel nicht zu erwarten, aber wer Handfestes und Zahlen mag, dem genügt zum Auftakt des letzten Grand-Slam-Turniers des Jahres ein Blick auf die Weltrangliste. Und dieser Blick macht deutlich, dass Angelique Kerber in zwei Wochen an der Spitze der Weltrangliste stehen könnte, virtuell möglicherweise aber schon in ein paar Tagen. Es wäre kürzlich in Cincinnati fast so weit gewesen, am Ende fehlte ihr aber die Kraft, nur eine Woche nach dem olympischen Finale. Diesmal in New York muss sie gar nicht im Finale landen, um Williams verdrängen zu können, und das hat mit den Ergebnissen des vergangenen Jahres zu tun.

          Die Amerikanerin hatte 2015 im Halbfinale verloren, sie selbst schon in Runde drei, in ihrer Bilanz fallen also schon vor dem ersten Spiel deutlich weniger Punkte weg. Nominell beträgt Williams’ Vorsprung beim Start des Turniers 190 Punkte, virtuell liegt Kerber aber 460 Punkte vorn. Sie könnte selbst bei einer Niederlage in der ersten Runde am Ende vor der Amerikanerin landen, die ihrerseits mindestens das Halbfinale erreichen muss, um den Wechsel aus eigener Kraft verhindern zu können. Aber, damit das ohnehin schon verwirrend klingende Szenario noch ein bisschen komplizierter wird - auch zwei andere haben die Chance, nach den US Open die Nummer eins des Frauentennis zu sein. Die Spanierin Garbiñe Muguruza müsste dazu das Finale erreichen, Agnieszka Radwanska aus Polen müsste das Turnier gewinnen.

          „Solange spiele ich einfach Tennis“

          Was Angelique Kerber von diesen Rechenspielen, Überlegungen und Szenarien hält? Nichts. Sie hört die Fragen nach dem möglichen Machtwechsel mit ähnlicher Begeisterung wie Serena Williams, allerdings mit deutlich weniger missbilligendem Gesichtsausdruck. Sie sagt, sie mache sich wegen der Rangliste keinen Druck. „Wenn der Tag kommt, an dem es passiert, dann wird es großartig sein. Aber so lange spiele ich einfach Tennis, und ich werde versuchen, jeden Moment zu genießen.

          Ich habe viel gelernt letztes Jahr, vor allem bei diesem Match in Singapur.“ Damals, Ende Oktober 2015 bei den WTA Finals in Singapur, hätte ihr im letzten Spiel der Vorrunde der Gewinn eines Satzes genügt, um das Halbfinale zu erreichen, aber mit der Chance vor Augen war sie fast zur Salzsäule erstarrt. Und wenn die von Sportlern so gern benutzte These stimmt, aus Niederlagen lerne man am meisten, dann dürfte das die wichtigste Niederlage ihrer Karriere in den letzten fünf Jahren gewesen sein. So was werde ihr nie wieder passieren, beschloss sie danach.

          Verlieren - kein Problem, das könne aus unterschiedlichsten Gründen immer passieren; aber unter einer selbst produzierten Last zusammenbrechen, das dürfe es nicht mehr geben. Natürlich steht sie immer noch unter Strom, wenn es um alles geht, sie ist für ihren Coach Torben Beltz und alle anderen in diesem Spannungszustand nach wie vor keine unkomplizierte Partnerin. Aber manchen Dingen nähert sie sich inzwischen mit größerem Selbstbewusstsein, mit größerer Souveränität. Einem Ratschlag folgend, den ihr Steffi Graf bei einem Treffen in Las Vegas mitgegeben hat: Versuch es auf deine Art, bleib dir treu, egal, was die anderen sagen.

          Für die Wachablösung hat es in Cincinnati noch nicht gereicht. Im Finale verlor Kerber gegen Pliskova mit 3:6 und 1:6.

          Früher als sonst landete sie diesmal in New York, und sie nutzte die Zeit auch zu einem kleinen Tourismus-Programm, unter anderem einer Bootsfahrt von der Südspitze Manhattans hinüber zur Freiheitsstatue. Es gibt phänomenale Fotomotive auf dieser Tour, Lady Liberty in voller Gestalt vorn, die Türme der großen Stadt kompakt im Hintergrund; eine Form von Energiegewinn, abseits von Trainingseinheiten und weit weg von Gedanken über eine Weltrangliste. Früher hätte sie sich so was nicht gegönnt.

          Vielleicht landet Angelique Kerber wie bei den Australian Open, wie in Wimbledon und wie kürzlich in Rio de Janeiro wieder im Finale, und dann wäre es das perfekte Szenario, gegen Serena Williams nicht nur um den Titel, sondern auch um die Nummer eins zu spielen. Es wäre der passende Schlussakkord der Grand-Slam-Saison 2016, und nichts sähen die Fans und die Organisatoren der US Open lieber. An einfachen Rechenspielen und Niederlagen in Runde zwei sind sie hier nicht interessiert; so was mag zu Cincinnati passen, aber nicht zu New York.

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