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US Open : Del Potro spielt mit vollem Herzen

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Auf dem Weg nach oben: Juan Martin Del Potro profitiert von seiner starken Vorhand. Bild: USA Today Sports

Juan Martin del Potro ist in der Stadt seines größten Erfolges auf dem Weg zu neuen Höhen. Zudem genießt er nach einer langen Pause bei den US Open Sympathien – sogar die seiner Gegner.

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          Allmählich wird es Zeit, dass mal jemand aus Tandil die wahre Geschichte des Juan Martin del Potro erzählt. Die Geschichte eines auf den ersten, zweiten und dritten Blick liebenswerten Mannes, der sich aber geschickt verstellt und in Wahrheit ein ganz schlimmer Finger ist. Der einem Kollegen die Frau ausgespannt hat, der im Umkleideraum alle behandelt, als wären sie Luft, und der von sich aus nie den Ball eines Gegners gutgeben würde, obwohl er sichtbar auf der Linie gelandet ist. Pause. Das stimmt natürlich nicht, und es gibt wirklich keinen auf dem Planeten Tennis, der den langen Argentinier nicht mag, der eine Seele von Mensch ist, das krasse Gegenteil seiner aggressiven, zerstörerischen Vorhand. Doch in letzter Zeit häufen sich die Liebeserklärungen auf eine überaus rosarote Art.

          Alle freuen sich mit ihm darüber, was vor kurzem passiert ist und gerade passiert. Um es neutral in Zahlen auszudrücken: Als er im Februar nach drei Operationen am linken Handgelenk und fast zwei Jahren Pause auf die Tour zurückkehrte, stand er auf Platz 1045 der Weltrangliste, vor Beginn der US Open war es nach einer kontinuierlichen Steigerung Platz 142. Um in New York mitspielen zu dürfen, hätte er sich in der Qualifikation bewerben müssen, aber der Amerikanische Tennisverband gab ihm, dem Sieger des Turniers von 2009, eine Wildcard; hätte er das nicht getan, wäre ein Sturm der Entrüstung losgebrochen.

          Del Potros bisher gesammelte Punkte werden nach dem Turnier für einen Platz in den 60er-Rängen reichen, falls er auch das nächste Spiel gegen Stan Wawrinka gewinnt, wird er in einer Woche auf einem 40er-Platz stehen. In New York ist er der Viertelfinalist mit der niedrigsten Plazierung seit Jimmy Connors 1991, der eine Menge Kraft daraus zog, dass ihn die Leute nicht mögen. Größer als die Gegensätze zwischen dem Amerikaner und dem Argentinier können Gegensätze kaum sein.

          Dazu braucht man im Kurzzeitgedächtnis nur die Erinnerung an die Bilder aus Rio de Janeiro aktivieren und sich an die mit Emotionen randvollen Auftritte beim Sieg in der ersten Runde gegen Novak Djokovic, beim Sieg im Halbfinale gegen Rafael Nadal und nach dem verlorenen Finale gegen Andy Murray zu erinnern. Nie im Traum hätte del Potro gedacht, dass er mit einer olympischen Silbermedaille aus Brasilien nach Hause fahren würde, wo er einen ganz großen Bahnhof bekam und halb Tandil auf den Beinen war; mit der Medaille um den Hals blickte er vom Rathausbalkon hinunter in die begeisterte Menge.

          Überraschend gewann der Argentinier bei den Olympischen Spielen in Rio Silber.

          Mit vollen Händen und vollem Herzen landete er in New York. In der großen, aufregenden Stadt, die er kurioserweise von Anfang an mochte. Sensible Menschen tun sich oft schwer mit dem Lärm, dem Durcheinander und den furchteinflößenden Dimensionen vieler Dinge. Aber Juan Martin del Potro gestand schon bei seinem Siegeszug vor sieben Jahren, ihm gefalle es sehr – das Stadion, die lärmenden Zuschauer, Manhattan, einfach alles. Und die Beziehung der ungleichen Partner ist im Laufe der Jahre noch stärker geworden. „Ich fühle mich auf diesem Platz zu Hause“, sagte er nach dem Sieg im Achtelfinale gegen den Österreicher Dominic Thiem, der wegen einer Knieverletzung aufgeben musste, „und in dieser Stadt auch“.

          2009 gewann er die US-Open

          Natürlich spielt bei alldem die Erinnerung an 2009 eine Rolle. Daran, wie er im Halbfinale Rafael Nadal in drei Sätzen auf eine selten zuvor gesehene Art an die Wand spielte, und vor allem, wie er im Spiel um den Titel in fünf Sätzen gegen Roger Federer gewann. Er war knapp 20 damals, stand in der Rangliste auf Platz sechs und galt schon als Kandidat für die Zukunft des Männertennis, mit diesem famosen Spiel im Finale gegen den Meister hatte allerdings niemand gerechnet. „Aber“, sagt er, „ich bin jetzt eine andere Person. Ich habe ein anderes Spiel, mein Leben ist anders, ich bin älter geworden. Und ich genieße es noch mehr, auf den großen Plätzen zu spielen, vor all den Leuten.“ Die Geräusche der Begeisterung von 23.000 Fans als Gegensatz zur Stille der Verzweiflung in den Monaten nach den Operationen, dazwischen liegen Ozeane.

          Er weiß längst, dass es die richtige Entscheidung war zurückzukommen, obwohl er so viele Zweifel gehabt hatte, jemals wieder gut genug spielen zu können. Und vielleicht trägt ihn die Magie auch übers Viertelfinale gegen Stan Wawrinka hinaus. In Wimbledon gewann er gegen den Schweizer – und verlor dann gegen den jungen Franzosen Lucas Pouille, aber das nur nebenbei. Und diesmal? „Hier kann für mich alles passieren“, sagt der Mann, dem alle nur das Beste wünschen. Selbst seine Gegner.

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