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Umstrittene Dressur-Praxis : „Dagegen protestieren wir auf das schärfste!“

Fragwürdige Übungen auf dem Abreiteplatz: Rath und sein Hengst Totilas bei der „Rollkur“ Bild: Julia Rau

Vor zwei Jahren waren Dressurreiter Rath und seine Familie noch harsche Kritiker der totalen Unterwerfung im Pferdetraining. Jetzt glauben sie, dass Totilas nicht anders funktioniere.

          Totilas lässt niemanden kalt. Allerdings drehen sich die Diskussionen nach seinen Siegen vom Wochenende weniger um die Glanztaten des Dressurpferds im Viereck als um den Weg dorthin.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Die Bilder von den Prüfungsvorbereitungen des Reiters Matthias Rath in Hagen, die im Internet kursieren, stoßen bei Tierschützern und an der Basis auf massive Ablehnung und stürzen die Deutsche Reiterliche Vereinigung in einen Gewissenskonflikt. Soll sie Zwangsmethoden, die sie bisher abgelehnt hat, um des Erfolgs willen akzeptieren?

          Vorbereitungstraining „an der Grenze“

          Eine verbandsinterne Überprüfung hat ergeben, dass Bundestrainer Johnny Hilberath schon in Hagen eingegriffen und Trainer und Vater Klaus Martin Rath ermahnt hat. Das Vorbereitungstraining am Samstag sei „an der Grenze“ gewesen, berichtete er dem Sportchef des Deutschen Olympiadekomitees für Reiterei, Dennis Peiler.

          Am zweiten Tag habe Rath sich „gebessert“. „Wir haben dazu eine klare Auffassung“, sagt Peiler. „Wenn es sich um aggressives Reiten und um einen Dauerzustand handelt, lehnen wir das als Verband ab.“

          Familie Rath bestreitet nicht, in der Prüfungsvorbereitung neuerdings mit einer Methode zu arbeiten, die als „Rollkur“, „Hyperflexion“ oder „Long, deep and round/LDR“ bekannt ist. Sie baut auf die Unterwerfung eines Pferdes durch extremes Aufrollen des Pferdehalses. Dies setzt das Pferd physisch und psychisch unter Spannung und schränkt sein Gesichtsfeld ein. Fachleute sprechen von erheblichen Folgeschäden. Ohne Aggression erlaubt der Weltverband die „Rollkur“ für weniger als zehn Minuten. Diese Regel wird allerdings von den Verfechtern der klassischen Reiterei abgelehnt.

          Klaus Martin Rath räumte am Dienstag gegenüber der F.A.Z. ein, dass „Matthias etwa zehn Minuten lang etwas mehr Kontrolle“ gebraucht habe. Dazu habe er eine „etwas tiefere Einstellung“ praktiziert. Die Bilder zeigen allerdings eine konsequente Anwendung der Hyperflexion, die vom klassischen Ideal, dass die Stirn des Pferdes nicht hinter die Senkrechte kommen soll, extrem abweicht. „Der Hengst steht im Deckeinsatz“, erklärte Rath, „er hat ein stolzes Selbstbewusstsein.“

          Spektakel statt Rücksichtnahme: Bei der Hyperflexion wird ein Pferd wie Totilas gedemütigt

          Bei weniger rigider Kontrolle hatte sich der zwölfjährige Totilas in der Vergangenheit Frechheiten geleistet und schlechtere Noten bekommen, von der Europameisterschaft 2011 war Rath ohne Einzelmedaille zurückgekehrt. Bei seinen Weltrekord-Prüfungen war Totilas von Matthias Raths Vorgänger Edward Gal geritten worden. Gal gehört der niederländischen Dressurschule an, deren Erfolgsgeschichte auf dem - durch die „Rollkur“ zu erreichenden - Spektakel basiert.

          „Es gibt auch den Leitsatz, dass der Reiter seinem Pferd seine Reitweise nicht aufzwingen soll“, sagt Klaus Martin Rath. „Das Pferd ist so groß geworden. Er ist über sechs, sieben Jahre so trainiert worden, es kennt diese Arbeit, also muss man ein Stück weit mitgehen.“

          Das Anwenden der „Rollkur“ bedeutet eine Kehrtwende der kompletten Kronberger Dressur-Familie. Noch vor zwei Jahren hatten der 27 Jahre alte Reiter, sein Vater und Trainer und auch seine Stiefmutter und Totilas-Mitbesitzerin Ann Kathrin Linsenhoff die Hyperflexion harsch verurteilt.

          In einem offenen Brief vom 3. Februar 2010 an die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI) heißt es: „Wenn Sie Reiten in Hyperflexion/LDR-Methode als Ausbildungsmethode akzeptieren wollen, legitimieren Sie damit aggressives Reiten. Dagegen protestieren wir auf das schärfste!“

          Heute schwächt Klaus Martin Rath diese Stellungnahme ab. „Man bleibt sein ganzes Leben Lehrling“, sagt er. „Wenn uns vor zwei Jahren jemand gesagt hätte, dass Totilas zu uns kommen würde, hätten wir schließlich auch behauptet, das sei nur ein Traum.“

          Tierschutzbund: Entwicklung in „vollkommen falsche Richtung“

          Der Deutsche Tierschutzbund hingegen beharrt auf seiner Position. Die auf den Fotos zu sehende Methode sei „nicht zu tolerieren“, heißt es in einer Erklärung. Der Reitsport entwickele sich in eine „vollkommen falsche Richtung“. Der Tierschutzbund fordert, dass „diese Praxis generell zu unterbleiben hat“. In einer allgemeinen Erklärung wird die Hyperflexion mit einem „Polizeigriff“ verglichen. „Totilas ist kein Einzelfall.“

          Klassische Lehre: Helen Langenhaneberg und Damon Hill

          Darauf wiederum beruft sich Pferdesport-Funktionär Peiler. Gerade um einen „Einzelfall“ handele es sich. Mit der klassischen Reitweise sei Rath mit Totilas nicht weitergekommen. Peiler beruft sich auf andere deutsche Kombinationen - Helen Langehanenberg mit Damon Hill oder Kristina Sprehe mit Desperados -, die bewiesen, dass eine Grundausbildung anhand der klassischen Lehre ebenfalls zu glanzvollen Ergebnissen führen könne. Rath hatte in Hagen sowohl den Grand Prix als auch die Kür mit Top-Punktzahlen gewonnen.

          Bereits vor einem Vierteljahr hatten Meldungen die Branche in Aufruhr versetzt, der niederländische Bondscoach Sjef Janssen werde nach den Olympischen Spielen in London neuer Totilas-Trainer. Hinter der aktuellen Trainingsumstellung stecke Janssen aber nicht, sagt Vater Rath. „Wir haben durch Ausprobieren gelernt“, sagt er. „Jetzt kann niemand mehr sagen, Matthias sei nur der Beifahrer von Totilas.“

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