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Ukrainischer Fußball : "Wir haben nichts zu verlieren"

  • -Aktualisiert am

Fingerzeige eines Ukrainers: Victor Skripnik Bild: dpa

Victor Skripnik ist der einzige Ukrainer in der Bundesliga. Mit FAZ.NET sprach der Bremer Profi über Stärken und Schwächen des ukrainischen Fußballs.

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          Victor Skripnik wirkt selbstbewusst. Seitdem er vor einer Woche vom ukrainischen Fußball-Verband ein überraschendes Fax erhalten hat, gab der eher schweigsame 31-Jährige sogar beim Training des SV Werder Bremen laute Kommandos. "Kiyv" stand auf dem Papier, das Skripnik in der Geschäftsstelle des SV Werder Bremen ungläubig in seine Händen nahm.

          "Mit der Einladung zur Nationalmannschaft habe ich nicht gerechnet", sagt er. Es geht in Kiew gegen Deutschland - und der in Deutschland spielende Ukrainer ist dabei. Beinahe aussortiert in Bremen - nun die Aussicht auf die WM. Plötzlich ist er der begehrteste Gesprächspartner aller deutscher Medien.

          "Ich glaube, ich sitze auf der Bank"

          Er ist der einzige Ukrainer in der ersten Bundesliga, sein ehemaliger Mitspieler Jurij Maximov ist nicht mehr im Aufgebot und nicht mal mehr beim Zweitligist Waldhof Mannheim Stammkraft. Auch Skripnik ist bescheiden, zumindest was die beiden Play-Off-Partien am 10. und 14. November angeht. "Ich glaube, ich sitze erst einmal auf der Bank."

          Ukrainer in Bremen am Ball: Victor Skripnik
          Ukrainer in Bremen am Ball: Victor Skripnik : Bild: dpa

          Nach fast einem Jahr Länderspielpause für die Ukraine besann sich Nationaltrainer Walerij Lobanowski auf seine Qualitäten. Der Profi des SV Werder Bremen hat mit ihm direkt nicht gesprochen, "das machen alles seine Co-Trainer für ihn, mit denen telefoniere ich." Dennoch ist der allmächtige Lobanowski allgegenwärtig. "Über Stärken und Schwächen darf ich jetzt nicht mehr reden, sonst dreht mir Walerij den Hals um."

          Ratschläge für die Deutschen

          Er erzählt dennoch von den unberechenbaren Dribblings des Andrej Schewtschenko ("Im Training schonen wir ihn nicht, du musst ihn früh attackieren."), er preist gleichzeitig den Zusammenhalt des von Dynamo Kiew bestimmten Kollektivs ("Jeder weiß genau, was der andere macht.").

          Keine Frage, der einst verschüchtert wirkende Fußballer ist in Bremen selbstsicherer geworden. Was zum einen daran liegt, dass er endlich die Sprache beherrscht ("Am Anfang mein größtes Problem."), zum anderen daran, dass er beim SV Werder spät einen Stammplatz hat.

          Erster Ukrainer im Westen

          Der Leistungsaufschwung bringt den Ukrainer sogar in die günstige Position, seinen im Sommer auslaufenden Vertrag zu verbessertem Salär zu verlängern. Mit dem bald 32-Jährigen will Sportdirektor Klaus Allofs allerdings erst im nächsten Jahr verhandeln, "er hat ja auch andere Zeiten hinter sich."

          Etwa die erste Zeit in Deutschland: Da war Skripnik zwar Nationalspieler der Ukraine, aber allenfalls Ergänzungsspieler an der Weser. Auf der Empfehlung des einst bei Dnjepr Dnjepropetrowsk tätigen Bernd Stange kam er nach Deutschland. Als erster Profi seines Landes ging er ins Ausland, weit vor den eher bekannten Sergej Rebrow oder Andrej Schewtschenko.

          Ukrainische Profis verdienen 2000 Dollar im Monat

          Sein erstes Gehalt in der Heimat bei Dnjepr Dnjepropetrowsk betrug rund 100 Mark pro Spiel, bei Metallurg Saporoschje musste er spielen, weil er gleichzeitig seinen Dienst bei der Armee ableistete. 7 Uhr aufstehen, 17 Uhr Training. "Als Fußballer bist der glücklichste Mann in der Ukraine", erklärt er, "ich weiß doch nicht, was ich sonst machen soll." Wäre er sonst einer der Männer, die wie so viele in dem Volk mit 52 Millionen-Einwohner keine Perspektive hätten?

          Wer es schafft, sich über die Sportschulen für höhere Aufgaben zu empfehlen, der hat für ukrainische Verhältnisse eine glänzende Perspektive: 2000 Dollar verdienen die Profis in der 14 Vereine starken ersten Liga des Landes. "Das ist zehnmal so viel wie ein normaler Bürger." Skripnik weiß noch, was in seinem Land passiert, fast täglich telefoniert er mit seiner Mutter. Zurück an die Dnjepr möchte er trotzdem nicht, "ich will mit meiner Familie in Deutschland bleiben."

          Was spricht für wen?

          So schlagen schon jetzt vor den Relegationsspielen zwei Herzen in seiner Brust. "Ich tippe auf Deutschland", sagt er, "doch ich hoffe, mein Tipp ist falsch." Was spricht für die Ukraine? "Wir haben nichts zu verlieren. Und Schewtschenko ist selbst in der Liga eine Klasse besser, in der der beste Fußball der Welt gespielt wird." Was spricht für Deutschland? "Wir müssen noch viel lernen. Und Deutschland hat früher immer gewonnen. Die kämpfen von der ersten bis zur 95. Minute."

          Wer Skripnik genau zuhört, zieht aus seinen Worten noch einen anderen ukrainischen Vorteil: den Trainer. Walerij Lobanowski ist für Skripnik "ein richtiger Chef eines ganzen Landes." Er würde zwar kein Theater machen, aber er sehe alles. Die Worte "Respekt, Autorität und Legende" werden zur Beschreibung Lobanowskis genutzt, "und wenn er in der Kabine ganz leise spricht, lauschen alle gespannt zu."

          Das Tun des Trainers

          Skripniks Schilderung lässt erahnen, dass zwar viele auf dem Feld an den Taten von Schwetschenko bestimmt, aber vom Tun des Trainers geprägt wird. Skripnik: "Nach jedem Länderspiel bekommst du als Spieler eine detaillierte Statistik. Das steht genau, wie viele kurze Pässe, Kopfbälle und Zweikämpfe du gemacht hast. Und was du besser machen kannst. Das habe ich in Bremen mal Wolfgang Sidka gezeigt und ihm vorgeschlagen. Der hat ganz interessiert geschaut."

          Mehr aber nicht. Der Ukrainer will sagen: Sollen die Deutschen doch weiter so desinteressiert tun. Sie könnten sich bald wundern.

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