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Uefa-Cup : Werder hat ein wirtschaftliches und ein Torwart-Problem

  • -Aktualisiert am

Orientierungslos: Werder Bremen Bild: dpa

Nach dem 3:3 gegen Arnheim und dem Aus im Uefa-Cup steckt der SV Werder Bremen sportlich und wirtschaftlich in der Klemme.

          So ein überflüssiges Ausscheiden im Uefa-Cup ärgert den einen mehr , den anderen weniger. Einen Johan Micoud mehr. Ungefähr fünf Minuten saß Bremens Spielmacher nach dem höchst überflüssigen 3:3 (1:0) gegen Vitesse Arnheim im verschwitzten Unterhemd auf den Stufen zum Kabinengang des Weserstadions.

          Der Schweiß kondensierte sichtbar aus dem weißen T-Shirt, dennoch hatte der Franzose mit den hohen Ansprüchen noch nicht genug Dampf abgelassen. Micoud stand auf, ging ein paar Schritte und warf sodann seine Schuhe mit voller Wucht gegen die weiß getünchten Wände. Meterweit rauschten die Treter über die Kacheln. Es folgten ein paar Flüche auf Französisch und ein Abgang, bei dem niemand den am meisten vergrätzten Mann anzusprechen wagte. Schließlich ist Micoud zum SV Werder gewechselt, um international für Aufsehen zu sorgen. Geht nicht mehr, Monsieur Micoud.

          Borel hält auch die Haltbaren nicht

          Ein paar Meter weiter gab Frank Baumann allen nationalen Fernseh- und Radioanstalten Interviews. Der Nationalspieler, Kapitän beim SV Werder, will partout seinen Vertrag verlängern, träumt von einem Engagement bei Borussia Dortmund oder Bayer Leverkusen und erklärt ein Spiel meist mit inhaltslosen Worten. Erst hatte er das erlösende 1:0 erzielt, dann das entscheidende 2:2 mit verschuldet. „Das ist natürlich bitter“, sagte Baumann, „und das war sicher mein Fehler.“

          Doch nicht nur seiner: Als Gert Claessens in der 73. Minute trotz personeller Unterzahl von der Strafraumkante ins kurze Ecke zum 2:2 und den SV Werder bis ins Mark traf, war die Diskussion wieder eröffnet. Haben die Bremer ein Torwart-Problem?

          Pascal Borel patzte in dieser Szene nicht zum ersten Mal in dieser Saison, die Statistik weist ihn gar als schlechtesten Keeper der Liga aus. In der Tat hält der von den Amateuren beförderte Torhüter kaum einen Unhaltbaren, nun wie gegen Arnheim erneut einen entscheidenden Haltbaren nicht. „So viele Tore wie wir bekommen, kann man gar nicht schießen“, sagt Thomas Schaaf.

          „Das hat der Junge nicht verdient“

          Auf Nachfragen zu diesem Thema reagieren die Verantwortlichen gereizt. Vor allem der Trainer, der Borel vor der Saison im Zweikampf mit dem Polen Jakub Wierzchowski den Vorzug gab, verteidigt seinen Schlussmann. „Klar sieht er nicht gut aus. Aber das hat der Junge nicht verdient. Dass er Fehler macht, war einkalkuliert.“ Klaus Allofs sagt: „Wir haben noch kein Spiel wegen ihm verloren.“

          Dabei hatten die Bremer noch vor der Saison nach einem Schlussmann gefahndet: Roman Weidenfeller setzte sich lieber bei Borussia Dortmund auf die Bank, Robert Enke fiel durch. „Viele Torhüter, die wir getestet haben, waren nicht besser“, meint Allofs, der zu bedenken gibt, „dass sich auch Borel noch entwickeln muss“. Ganz mit dem altem Rehhagel-Reflex, der einst Oliver Reck entgegen aller Kritik den Rücken stärkte, versichert Schaaf: „Ich wehre mich gegen jede Kritik an Pascal. Ich werde ihm weiter den Rücken stärken.“ Also wird er ihn auch am Sonntag gegen den 1. FC Kaiserslautern aufstellen.

          Wenig lohnender Wettbewerb

          Baumann und Borel - beide sind Symbolfiguren für die das, was dem SV Werder noch zu einer Spitzenmannschaft von internationalem Zuschnitt fehlt. Konstanz und Konzentration, Cleverness und Erfahrung. „Abspielfehler, Zögern, sich aufeinander verlassen: So bringt man sich immer selbst auf die Verliererstraße“, analysierte der Coach treffend. Schaafs prägnante Kurzform: „Wir waren zu dumm.“

          Doch die Dummheit, gegen eine allenfalls mittelmäßige holländische Mannschaft auszuscheiden, die zusammen mit ihren mehr als 3000 freudetrunkenen Anhängern ihr Glück kaum fassen konnte, kommt dem Verein teuer zu stehen. Erst Ende November wird im Uefa-Cup auch wirklich Geld verdient. „In der ersten Runde haben wir gar nichts, in der zweiten Runde nun durch die Fernseh-Übertragung wenigstens ein bisschen eingenommen“, erklärt Allofs, der Prämien und Reisekosten dagegen rechnen muss. Mehr als eine Million Euro wird Werder aus dem Uefa-Cup unter dem Strich kaum verbuchen können.

          „Im wirtschaftlichen Bereich werden wir nun nicht mehr so beweglich sein, wie wir uns das gewünscht haben“, weiß Werders Sportdirektor. Es fehlen Einnahmen für den finanziellen Handlungsspielraum. Etwa für Vertragsverlängerungen und Neuverpflichtungen. Kalkuliert sei nur die erste Runde gewesen, sagt Allofs, „doch natürlich haben wir auf die Mehreinnahmen geschielt.“ Sein Tenor trifft den wirtschaftlichen und sportlichen Sektor: „Wir müssen unsere Erwartungen zurückschrauben.“

          Glaube und Gefasel

          Flugs erklärte Allofs unmittelbar nach dem Abschied von der internationalen Bühne als einzige deutsche Mannschaft „den Gewinn des DFB-Pokals und das Erreichen eines internationalen Wettbewerbs“ zu den neuen Saisonzielen an der Weser. Gleichwohl: Der Glaube fällt schwer, weil die neu formierte Bremer Mannschaft nicht gefestigt scheint. „Das Gefasel von der deutschen Meisterschaft hat uns geschadet“, glaubt Schaaf. „Ich hoffe, dass die Mannschaft das gut wegsteckt“, sagte er am Tag danach.

          Allofs flog am Freitag zur Sportgerichtsverhandlung nach Frankfurt statt zur Auslosung nach Nyon. „Wir müssen das alle schnell abhaken.“ Wer Johan Micoud am Donnerstagabend sah, hat dabei so seine Bedenken.

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