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Übersteiger : Münchner Nervenspiele

  • -Aktualisiert am

Der Übersteiger - die FAZ.NET Fußball-Kolumne Bild: FEM

Bayern München ist wieder mittendrin im Titelkampf: Beinahe wie erwartet versagen Bayer Leverkusen die Nerven.

          2 Min.

          Sich vorstellen, dass Bayer bei Bayern gewinnen würde, konnte sich kaum einer. Jahr für Jahr hat das Leverkusener Lager vor der Reise nach München große Sprüche von sich gegeben, um nachher leise den Rückzug anzutreten.

          Wer nun das achte Jahr in Folge nicht gewinnen kann, dem werden Komplexe und mentale Probleme angedichtet. Und sogleich die Fähigkeit zum Titel abgeschrieben. Bayer wird sich solche Vorwürfe jetzt wieder anhören müssen. Die Nerven versagen in entscheidenden Momenten der zweiten Saisonhälfte. Alles wie immer.

          Selbstüberschätzung

          Doch ist es das wirklich? Bayern hat nach sieben Spielen und das erste Mal mit Stefan Effenberg drei Punkte gewonnen. Sogleich setzten altbekannte Münchner Mechanismen ein: Effenberg, der in der allgemeinen Bewertung die gleiche Durchschnittsnote wie die Kicker-Kollegen Linke und Fink erhält, stellt sich nach dem Spiel vor alle Mikrofone und Kameras und redet in erster Linie sich selbst stark.

          Und dass er Ottmar Hitzfeld neben seiner Familie für die Unterstützung dankte, hat eine besonders pikante Note. Trainer und Funktionäre des FC Bayern haben sich beinahe blind für den Rest der Saison der Linie Effenberg verschrieben. Das beweist das kritiklose Vertrauen, dass der mitunter pfauenhaft herum spazierende Spielmacher genießt, das zeigte die Nominierung der Effenberg-Gefolgschaft in Person von Thorsten Fink, Owen Hargreaves oder Carsten Jancker.

          Zu viel Ballyhoo

          Ob Effenberg nach zwei Elfmeter-Toren begriffen hat, dass er noch nicht obenauf ist? Dass seine 64 Ballkontakte gegen Bayer genauso durchschnittlich waren wie 14 gewonnene Zweikämpfe von insgesamt 27 Duellen? Als Kapitän wandle er auf einem schmalen Grat, sagte Effenberg hinterher. Der FC Bayern damit auch, ist anzufügen. Auf jeden Fall ist den Münchner Machern schon jetzt dazu zu beglückwünschen, dass sie die Ära Effenberg zur rechten Zeit beenden.

          Das Ballyhoo um Bayern gegen Bayer war wiedereinmal größer als die dann dargebotene Ballfertigkeit selbst. Vor allem Michael Ballack, der Stratege, an dem das Duell im Vorfeld personifiziert worden war, trat an diesem Tag kaum in Erscheinung. Passend zur Partie: Mehr Schein als Sein. Ob Ballack gemeinsam mit dem verletzungsanfälligen Sebastian Deisler im sensiblen Gebilde des Star-Ensembles ab Sommer 2002 die Mittelfeld-Chefrolle übernehmen kann, erscheint fraglich. Nervenstärke ist da gefragt.

          Zu wenig Zuschauer

          Auch manch Fußball-Interessierter hatte offensichtlich die Nerven verloren: 20.000 leere Plätze in der Betonschüssel Olympiastadion sind zum einen bester Beleg für den Unsinn von Sonntagsspielen, zum anderen aber auch untrügliches Zeichen, dass manch Bayern-Anhänger den Glauben an meisterliche bajuwarische Qualität verlustig geglaubt hatte.

          Aber nicht der weiß-blaue Vordenker. "Wenn wir am Sonntag nicht gewinnen, schreibe ich die Meisterschaft ab", hatte Uli Hoeneß vorher verlautbart. Hinterher durfte er wieder über Titel und Triumphe philosophieren, die in München wieder möglich sind. Motto: "Mir san mir." Zwei Mal hat das nun zur Meisterschaft gelangt - trotz zeitweise beträchtlichem Rückstand, trotz Fokussierung auf die Champions League. Dass es dann stets noch zum nationalen Championat reichte, hing eng mit der Schwäche der Konkurrenz zusammen. Oder besser deren Nervenschwäche.

          Fortsetzung am Samstag

          Nun wäre es ein Trugschluss, diesen Automatismus auf die Spielzeit 2001/2002 zu übertragen. An der Tabellenspitze steht Borussia Dortmund, sechs Punkte vor den Bayern. Aber auch das kann sich ändern: Dortmund gastiert zur Fortsetzung der Nervenspiele schon am Samstag in München.

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