https://www.faz.net/-gtl-6s8ct

: Überraschungssieger mit Durchblick

  • Aktualisiert am

Val d'isère. Der Kanadier John Kucera hatte in dieser Saison in der Schussfahrt die Plätze 32, 22, 29, 12 und 21 belegt - am Samstag aber durfte er sich in Val d'Isère als Weltmeister feiern lassen, noch dazu als erster Kanadier überhaupt.

          3 Min.

          Von Peter Penders

          Val d'isère. Der Kanadier John Kucera hatte in dieser Saison in der Schussfahrt die Plätze 32, 22, 29, 12 und 21 belegt - am Samstag aber durfte er sich in Val d'Isère als Weltmeister feiern lassen, noch dazu als erster Kanadier überhaupt. "Das ist unglaublich. Ich hätte mir dafür keinen besseren Ort aussuchen können", sagte er. Einen besseren hätte es vielleicht doch gegeben: Im kommenden Jahr finden in Vancouver die Olympischen Winterspiele statt.

          Seit einer Ewigkeit also hatten die Kanadier auf diesen großen Moment gewartet, und eine kleine Ewigkeit musste an diesem historischen Tag auch Kucera warten. Mit Startnummer zwei war der neue Weltmeister ins Rennen gegangen und hatte die idealen Bedingungen auf der extrem schwierigen Piste "Face de Bellevarde" zu einer nahezu fehlerfreien Fahrt genutzt. Alle, die von Nummer sechs an noch kamen, hatten nicht nur mit den zunehmenden Schlägen und Rillen in der Eispiste zu tun, ihnen machten vor allem die sich ständig verändernden Sichtbedingungen schwer zu schaffen. Dem Kanadier nahe kamen nur noch zwei, die zwar etwas schlechtere, aber immer noch annehmbare Bedingungen vorfanden: Der Schweizer Carlo Janka, der mit 17 Hundertstelsekunden Rückstand Platz drei belegte, und dessen Landsmann Didier Cuche, der eine kurze Aufheiterung am Himmel nutzte. Zwei Tage nach seinem Sieg im Superriesenslalom verpasste er einen weiteren Titel nur um vier Hundertstelsekunden. "Aber ich habe heute nicht Gold verloren, sondern Silber gewonnen. Und für mich hat das Rennen schon gestern begonnen, als ich die Startnummer 16 bekam. Danach hatte man heute erst einmal keine Chance", sagte Cuche.

          Die Wolken ziehen nämlich schnell durch Hochsavoyen, und alle nach Cuche stocherten erst einmal im Nebel herum. Für einen WM-Titel aber muss viel zusammenpassen, nicht nur die Form, das Material und das nötige Glück, im richtigen Moment die perfekte Fahrt zu erwischen. Schon nur ein wenig schlechtere Sichtbedingungen ändern viel, wenn man mit 130 Kilometern pro Stunde einen Berg hinunterrast. Die Favoriten aber erwischten bei dieser WM-Abfahrt sogar extrem schlechte Bedingungen. Am ärgsten erwischte es mit Bode Miller, Aksel Lund Svindal und Michael Walchhofer jenes Trio, das gemeinsam mit Cuche das Abschlusstraining dominiert hatte, beim Ernstfall aber von vornherein keinerlei Chance besaß. "Ich hätte hier heute der Schnellste sein können, aber zwischendurch habe ich fast überhaupt nichts mehr gesehen", sagte Miller, der seinen Blindflug aber trotzdem auf Platz acht mit 1,27 Sekunden Rückstand beendete.

          Das Warten hatte für Kucera und auch für Cuche und Janka selbst dann noch kein Ende, als schon alle ernstzunehmenden Konkurrenten unten im Ziel standen. Der Österreicher Michael Walchhofer, Weltmeister 2003 in St. Moritz, durfte nach einiger Verwirrung um seine Fahrt (siehe Bericht unten) noch einmal starten. "Natürlich habe ich gedacht, dass dafür seine Kraft nicht reichen kann. Aber abschreiben darf man so einen Fahrer natürlich nie", sagte Kucera. Als Vorletzter der 38 Starter wagte sich Walchhofer noch einmal auf die Strecke, aber schon die zweite Zwischenzeit signalisierte dem wartenden Trio auf dem Siegerpodium, dass ihre Medaillen nicht mehr gefährdet waren.

          Während die Kanadier ausgiebig feierten, dass es von ihren vier Fahrern zwar nur einer ins Ziel, dafür aber gleich als Schnellster geschafft hatte, schauten alle sehr betroffen drein, die einen rot-weiß-roten Team-Anorak trugen. Die österreichische Mannschaft war schon ohne Medaillengewinn im Superriesenslalom geblieben, aber nun standen sie auch mit leeren Händen in jener Disziplin da, die wichtiger ist als alles andere in der Alpenrepublik. Hermann Maier, um dessen Aufstellung die österreichischen Skifans in diversen Foren ausgiebig und kontrovers diskutiert hatten, war auf Platz sechs noch der Beste des Quartetts, hatte aber den Sonnenschein bei seiner Startnummer eins (ebenso wie der Deutsche Stephan Keppler, der mit Startnummer 3 auf Platz 15 landete) nicht zu einem besseren Ergebnis nutzen können.

          Ein paar kleine Fehler attestierte sich Maier, der einstige Seriensieger, "und da habe ich die Medaille hergeschenkt". Ob er noch eine weitere WM-Teilnahme in zwei Jahren in Garmisch-Partenkirchen anstrebt, wo er sein erstes Weltcuprennen vor zwölf Jahren gewonnen hat und noch vor einer Woche die Trainingsbestzeit erreicht hatte, ließ der mittlerweile 36 Jahre alte Flachauer mit seinem typischen Schmäh offen: "Garmisch liegt mir ja", sagte er, "und mit einem WM-Titel hätte ich ja ein persönliches Startrecht besessen." Daraus wurde nichts, stattdessen gab es ein weiteres historisches Ergebnis: So schlecht hatten die Österreicher in den schnellen Disziplinen seit 1989 nicht mehr abgeschnitten - damals, als mit dem Oberstdorfer Hansjörg Tauscher der letzte große Außenseiter gewann.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.