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Fabian Hambüchen : Aufschwung in eine neue Dimension

  • -Aktualisiert am

Große Inszenierung für einen großen Turner: Fabian Hambüchen Bild: Wonge Bergmann

Das Internationale Deutsche Turnfest ist zu Ende. Im Mittelpunkt stand der beste Deutsche. Der Hambüchen-Hype bewegt Massen und treibt eine junge Turner-Generation zu Weltklasseleistungen. Sie erleben Anerkennung und Glanz.

          Große Inszenierung: Das schwarze Tor öffnet sich, der riesige Scheinwerfer geht an, und der Blick ins gleißende Gegenlicht zeigt die schwarze Silhouette eines Mannes. Begleitet von Musik, geht er durch ein Spalier kleiner Turnbuben, klatscht jeden Einzelnen ab. Das Publikum tobt, Fabian Hambüchen steht an seinem Gerät. Das Reck im Mittelpunkt der Frankfurter Festhalle ist angestrahlt; als er an der Stange hängt, ist es mucksmäuschenstill im Rund. Er turnt, eine „abgespeckte“ Übung, Riesen-Beifall, Jubel, kreischende Mädchen. Der Star des Abends verlässt nach ein paar Worten mit dem Moderator die Manege.

          Fünf Tage später, die Abschlussgala des deutschen Turnfestes: Auch diesmal hat der Regisseur das beinahe eine Million Euro teure Show-Programm auf diesen einen Akt zugespitzt: Hambüchen turnt in der Fußball-Arena, schwieriger, besser als beim ersten Show-Auftritt; der Weltmeister weiß, was er schuldig ist.

          Seit er 2004 bei den Olympischen Spielen von Athen als Junge mit der runden Brille beinahe unvermittelt ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit katapultiert wurde, anschließend per Salto in Fernsehsesseln landete und alle möglichen Spitznamen verpasst bekam, genießt nicht nur er eine Aufmerksamkeit, die jahrelang völlig verschüttet war. Er hat das Turnen hierzulande, einst durch Figuren wie Eberhard Gienger und Andreas Wecker von rein sportlichem Interesse, in bis dahin unbekannte Dimensionen gehievt. Hambüchen ist die Figur, die der Deutsche Turner-Bund (DTB) immer und überall präsentiert, auf Plakaten und live, Hambüchens Privatleben wird auf dem Boulevard notiert.

          Die Kollegen profitieren am Interesse an Hambüchen

          Der Hype um ihn tut dem Turnen gut. Nein, sie sind nicht zu Tausenden in die Vereine gestürmt, die kleinen Jungs, um so zu werden wie er. Es sind eher Mädchen, die ihn immer wieder sehen wollen. Sie füllen die Hallen bei großen Wettkämpfen, und das Fernsehen nimmt Notiz vom Turnen. Mit dem Aufwind, den der DTB spürte, ist ein Turn-Team Deutschland entstanden, das selbstbewusst neben großen TV-Sportarten besteht. Von dem Interesse an Hambüchen profitieren seine Mannschaftskollegen, allen voran Philipp Boy, Marcel Nguyen und Matthias Fahrig. Auch sie repräsentieren eine junge, aufgeschlossene Generation von Sportlern, die neben der Leistung durch offenes Auftreten besticht. Sie erleben Anerkennung und Glanz, der von dem einen Überflieger auch auf sie strahlt.

          Diese Boy-Group hat sich im internationalen Wettbewerb einen festen Platz erobert; den dritten Rang im Mannschaftswettkampf der Weltmeisterschaften von Stuttgart 2007 bezeichnen sie jeweils als eines ihrer schönsten Erlebnisse. Nach den Olympischen Spielen von Peking mit Platz vier musste das Team neu formiert werden, Boy, Nguyen und Fahrig sind neben dem überragenden Mehrkämpfer Hambüchen nicht nur an ihren Spezialgeräten gefragt.

          Gute Pferdturner wie Eugen Spiridonov, Robert Juckel und Thomas Andergassen stehen nicht mehr oder nur noch eingeschränkt zur Verfügung, Verletzungen wie der Kreuzbandriss von Robert Weber setzen dem Cheftrainer zu. Auch er weiß, was er an einem Hambüchen hat – doch sein Blick geht darüber hinaus. Hirsch sieht das Potential der einzelnen Turner und muss eine Strategie für die Einzelnen und das Team gleichermaßen entwickeln, muss abwägen. Zusammen mit den Heimtrainern seiner Kandidaten zieht er Fäden und arbeitet an der Persönlichkeitsentwicklung der jungen Männer.

          „Und auf einmal hat er eine goldene Medaille“

          Endlich ist so bei Bewegungstalent Marcel Nguyen der Ehrgeiz erwacht, und der Münchener erntet dadurch auch Erfolg. Hirsch versucht, den Cottbusser Philipp Boy so zu führen, dass er sich nicht immer selbst im Weg steht. Und er hat das einstige Sorgenkind Matthias Fahrig wieder auf die richtige Schiene gesetzt. Der hochbegabte Hallenser, Dritter der Europameisterschaft 2009, trainiert einen Sprung mit dem Schwierigkeitsgrad 7,2, den nur wenige in der Welt beherrschen – mit Aussicht auf Erfolg. „Jetzt spinne ich mal“, sagt der Cheftrainer, „wenn er wirklich zwei Sprünge von 7,2 und 7,0 im Wettkampf turnen kann und er kracht die Dinger hin, dann ist alles möglich.“ Damit könne man „Meister aller Klassen werden“, so Hirsch, „auf einmal hat er eine goldene Medaille“.

          Und auf einmal käme eben nicht mehr alles nur auf den einen an. Dass aber Fabian Hambüchen unentbehrlich ist, wurde während der Turnfestwoche von Frankfurt überdeutlich. Mochte sich der Hallensprecher noch so sehr schreiend bemühen, andere zu den Lieblingen der Fans zu pushen – gegen das Massen-Gefühl kam er nicht an. Auch Hambüchen selbst machte in eindeutigen Gesten Stimmung für seine Kollegen. Und da zeigte sich wieder einmal, dass er nicht nur ein großer Sportler ist – ein Glücksfall eben. Ein Glücksfall, der dem Turnen so guttut.

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