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Chronik eines Events : Frankfurt, die Turnfest-Königin

  • -Aktualisiert am

International: Zwei dänische Turner auf Frankfurtbesuch im Jahr 1983 Bild:

Kaum eine Stadt hat einen solch guten Ruf bei Turnern wie die Metropole am Main. Wenn am Samstag das 41. Turnfest beginnt, ist Frankfurt zum fünften Mal Gastgeber. Nicht immer war das Event von Heiterkeit und Freude bestimmt.

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          Auf das Deutsche Turnfest 1880 hatte sich die Stadt gut vorbereitet. Es war das fünfte insgesamt - und das erste in Frankfurt. Es dauerte vom 24. bis 28. Juli, und die Stadtverwaltung mit Oberbürgermeister Johannes von Miquel an der Spitze und die Bürger identifizierten und engagierten sich. Die Damen aus „gutbürgerlichen Häusern“ hatten das wertvolle Bundesbanner gestiftet, das seitdem wie ein Wanderpokal der jeweils aktuellen Turnfeststadt vom vorherigen Ausrichter überreicht wird. Friedrich Stoltze, ein begeisterter Turner, schuf Begrüßungsverse wie diesen: „Wir haben noch niemals wohl lumpen uns lassen. Wir wollen Euch brüderlich alle umfassen, damit Ihr, in schöne Erinnerung versenkt, der Mainstadt einst immer nur freundlich gedenkt.“ Unmittelbar vor dem Fest erschien ein längeres Gedicht, aus dem noch heute gern folgende Zeilen zitiert werden: „Un es is kaa Stadt uff de weite Welt, die merr wie mei Frankfurt gefällt. Un es will merr net in mein Kopp enei: Wie kann nor e Mensch net aus Frankfort sei!“

          1880 platzte auf dem Festplatz ein Mörser - fünf Menschen starben

          Doch für Großveranstaltungen - 1880 wurden rund 10.000 Turnfestteilnehmer erwartet - gab es in Deutschland keine geeigneten Sportanlagen oder Hallen. Erst zum 11. Deutschen Turnfest 1908 in Frankfurt stand die Festhalle, damals die größte freitragende Halle Europas. Die Frankfurter wussten sich zu helfen: Sie mieteten „draußen“, hinter dem Friedberger Tor, das Gelände des Freiherrn Meyer Karl von Rothschild, auf dem 1862 das erste Deutsche Bundesschießen stattgefunden hatte. Auf 20.000 Quadratmetern entstand dort ein stattlicher Festplatz. An der Finanzierung der Anlage, die nach dem Fest abgerissen wurde, beteiligten sich die Brauereien: Sie kannten den legendären Durst der Turner.

          Turnfest 1983: Leistungsprüfung im Rebstockbad
          Turnfest 1983: Leistungsprüfung im Rebstockbad :

          Besondere Freude löste das Preisturnen aus: Es gewann mit großem Vorsprung der Frankfurter Christian Meller. Sein jüngster Bruder Michael, der in Frankfurt den 22. Rang erreichte, war bei den folgenden Festen 1885 in Dresden, 1889 in München, 1894 in Breslau und 1898 in Hamburg als Turnfestsieger einer der populärsten Akteure jener Zeit. Doch so fröhlich das Fest begonnen hatte und die Wettkämpfe Teilnehmer und Zuschauer begeistert hatten, so traurig war der Abschluss: Auf dem Festplatz, beim Abbrennen eines Feuerwerks, platzte ein Mörser. Fünf Menschen starben, unter ihnen zwei Kinder. Viele Besucher wurden verletzt.

          Eine Wurst mit Kraut und Kartoffeln kostete 50 Pfennig

          Seinen Status als Turnfest-Königin begründete Frankfurt 1908. Nach 28 Jahren war die Stadt die erste, die zum zweiten Mal ein Deutsches Turnfest ausrichten durfte. Es wurde eine Rekordveranstaltung mit rund 55.000 Teilnehmern aus 3326 Vereinen - es war die erste in der neuen, noch nicht ganz fertigen Festhalle. Der Kronprinz aus Berlin und 200 Sonderzüge mit 200.000 Besuchern wurden erwartet. In den Festausschüssen saßen alle, die Rang und Namen in Frankfurt hatten, an der Spitze Oberbürgermeister Franz Adickes. Dem Finanzausschuss, der von Stadtrat Carl von Grunelius geleitet wurde, gehörten allein neun Bankiers an, die damals noch einen untadeligen Ruf besaßen, unter ihnen Hugo Metzler, Robert de Neufville und Fritz von Mumm, neben ihnen bekannte Fabrikanten wie Generalkonsul Carl von Weinberg und Carl Binding. Zu den 160 Freiwilligen des Ordnungsausschusses zählten 44 Kaufleute und 16 Ärzte.

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