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Turnen : „Wo gibt es heute noch richtige Geräteturner?“

Sport verbindet: Sebastian Deeg und Inge Hammer in der Bornheimer Turnhalle Bild: von Siebenthal, Jakob

Zwei Generationen sprechen über eine Leidenschaft: Sport. Inge Hammer erzählt vom Seilspringen, Sebastian Deeg nennt es Rope Skipping. Ein Gespräch über Bewegung, Kunst und über das, was ein Turnverein mit der Kirche zu tun hat.

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          Als Sebastian Deeg das Springseil durch die Luft wirbelt und dabei noch einen Salto zeigt, staunt auch Inge Hammer. Zwei Generationen kommen an diesem Abend zusammen, sie eint eine Leidenschaft: der Sport. Sie ist 77 Jahre alt, fast genau so lange ist Inge Hammer Mitglied bei der TG Bornheim in Frankfurt, sie hat geturnt, am Reck, am Barren oder Boden - so lange, wie ihr Körper wollte. Er ist 27 Jahre alt und hatte irgendwann keine Lust mehr auf das, was oft als traditioneller Sport bezeichnet wird, und entdeckte bei der TG 1862 Rüsselsheim das Rope Skipping für sich. Vor dem Beginn des Deutschen Turnfestes in der Rhein-Neckar-Region an diesem Wochenende sprechen beide über das, was Bewegung für sie ausmacht.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Frau Hammer, haben Sie schon einmal gesehen, was Sebastian Deeg da macht?

          INGE HAMMER:  Natürlich, aber bei uns hieß das noch Seilspringen. Da ging es nicht um Akrobatik oder irgendwelche Kunststücke - dass so etwas überhaupt möglich sein soll, konnten wir uns damals gar nicht vorstellen. Wir haben geturnt, ganz klassisch. Einer ging ans Gerät, man hat die Übungen nachgemacht - schön die Beine strecken und so weiter. Wenn einer nicht pariert hat, dann mussten wir es noch einmal machen. Oder wir haben Prellball und Korbball gespielt. Früher war ein einhändiger Handstand noch etwas ganz Besonderes, heute ist das nichts mehr. Aber wir hatten ja gar nicht die Knochen dazu.

          Klassische Disziplinen wie Prellball oder Korbball - ist das überhaupt noch ein Begriff?

          SEBASTIAN DEEG: Ja, ich habe davon gehört. Aber ich wüsste nicht, wo sie noch aktiv betrieben werden. Ich habe Fußball, Tischtennis und Reiten probiert, beim Rope Skipping bin ich geblieben. Es ist nicht nur irgendein Sport für mich, ich habe den Eindruck, dass ich meine Persönlichkeit dadurch zum Ausdruck bringen kann. Als ich mit zwölf Jahren begonnen habe, dachte ich erst: Ach, das ist doch ein Mädchensport! Dann hat er mich fasziniert. Du versuchst deinen eigenen Style zu entwickeln, deine eigenen Tricks zu schaffen, du kannst ungemein kreativ sein in dieser Sportart. Das beginnt schon damit, dass du die Musik für deine Übung aussuchst. Pop oder Hip-Hop, manche nehmen sogar Schlager.

          INGE HAMMER: Aber wo gibt es denn heute noch richtige Geräteturner? Eine Wettkampfriege haben die wenigsten Sportvereine noch. Die jungen Leute wollen das nicht mehr, und die Eltern drängen sie da auch nicht hinein - da gibt es Sportarten, die mehr Ruhm oder Geld versprechen. Oder diesen Trendsport, aber das ist etwas, das mit dem Sport, den wir früher kannten, kaum noch etwas zu tun hat.

          Anlässlich des Detuschen Turnfestes sprechen Sebastian Deeg und Inge Hammer über Bewegung, Kunst und Vereine im Wandel
          Anlässlich des Detuschen Turnfestes sprechen Sebastian Deeg und Inge Hammer über Bewegung, Kunst und Vereine im Wandel : Bild: von Siebenthal, Jakob

          Hat sich die Situation nicht verbessert, weil die Turner zuletzt etwa durch Fabian Hambüchen oder Marcel Nguyen so häufig im Fokus standen?

          INGE HAMMER: Doch, einige Jungen und Mädchen kommen. Aber sie kommen zumeist nur einmal in der Woche, ihnen fehlt die Zeit und das Interesse am Leistungsgedanken. Es verändert sich alles. Ich finde das sehr schade. Ich schaue im Fernsehen nichts lieber als das Geräteturnen, für mich ist das ein Hochgenuss.

          SEBASTIAN DEEG: Klassisches Turnen kommt bei meinen Freunden quasi gar nicht mehr vor. Sie schauen sich andere Sportarten an, vor allem Fußball, manche interessieren sich noch für Handball, einige für Radrennen. Viele denken vielleicht noch immer, dass in der Turnhalle ein Bock steht und ein Sportler in engen Klamotten hüpft darüber - aber damit hat das Turnen heute nichts mehr zu tun. Da werden Elemente gezeigt, die beinahe schon unmenschlich sind.

          Bis wann haben Sie geturnt, Frau Hammer?

          INGE HAMMER: Ich turne jetzt noch, aber das ist nur Stuhlgymnastik. Einmal in der Woche, das ist wunderbar. Ich habe hier im Verein sehr viele Freunde kennengelernt. Schauen Sie, ich bin ja seit mehr als siebzig Jahren hier, schon als kleines Mädchen wurde ich mit dem Kinderwagen in die Halle geschoben. Die TG Bornheim ist zu meinem zweiten Zuhause geworden, aber es hat sich verändert. Damals hatten wir eine kleine Turnhalle und ein paar hundert Mitglieder, heute haben wir ein riesiges Sportzentrum und 25.000 Mitglieder.

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