https://www.faz.net/-gtl-88zon

EM-Qualifikation : Türkei dankt Kasachstan

  • Aktualisiert am

Euphorisierte Türken: Sieg gegen Island, Qualifikation für Frankreich Bild: AFP

Weil Kasachstan Lettland schlägt, überholt die Türkei Ungarn. Dank der Uefa-Mathematik schaffen die Türken überraschend die direkte EM-Qualifikation. Auch der eigene späte Siegtreffer sorgt für Euphorie.

          2 Min.

          Als die ersehnte EM-Qualifikation endgültig feststand, brach Kapitän Arda Turan vor Freude in Tränen aus. Nach dem 1:0-Sieg der türkischen Fußball-Nationalmannschaft gegen Island rannten Spieler, Betreuer und Funktionäre euphorisiert in die Mitte des Platzes und fielen in einer Jubeltraube übereinander her. Turan herzte den späten Torschützen Selcuk Inan am Dienstagabend in Konya so innig, dass beide auf dem Boden landeten.

          „Unser Land hat diese Freude gebraucht, und wenn sie nur zwei Stunden andauert“, sagte Nationaltrainer Fatih Terim nach der packenden Partie. Die Türkei hätten einen „nationalen Jackpot“ gewonnen, schrieb die Sportzeitung „Fanatik“ auf ihrer Titelseite. Auch Lukas Podolski, deutscher Nationalspieler in Diensten von Galatasaray Istanbul, schickte per Twitter „Glückwünsche“ an die „Milli Takim“.

          In der Tat wirkt die Qualifikation für die Europameisterschaft im kommenden Jahr in Frankreich als bester Gruppen-Dritter sowohl in sportlicher als auch gesellschaftlicher Hinsicht wie Balsam für die türkische Seele. Denn in den vergangenen Jahren musste das Fußballvolk immer wieder zusehen, wenn ein großes internationales Turnier anstand. Der Drittplatzierte der WM 2002 hatte sich seit der EM 2008 für kein großes Turnier mehr qualifiziert.

          Auch in dieser Qualifikationsphase sah es lange düster aus. Spätestens nach dem enttäuschenden 1:1 gegen Lettland Anfang September ging es nur noch um den dritten Platz. Überraschende Siege gegen die Niederlande (3:0) und Tschechien (2:0) sorgten dann für die Wende: Am letzten Spieltag war für die Türkei plötzlich die direkte Qualifikation genauso möglich wie ein Ausscheiden. Dabei lieferte sich die Elf mit den Holländern ein Fernduell um Platz drei.

          Am Boden vor Freude: Kapitän  Arda Turan
          Am Boden vor Freude: Kapitän Arda Turan : Bild: AFP

          Die eigene Partie gegen Island wurde zur emotionalen Achterbahnfahrt für alle Beteiligten. Gegen kompakt stehende Gäste strahlten Terims Schützlinge kaum Gefahr aus. Als der kurz vorher eingewechselte frühere Hamburger Gökhan Töre für ein brutales Foul die Rote Karte sah (78.), wurde die Anspannung im Stadion noch größer. Dann die 89. Minute: Mit einem herrlichen Freistoß aus rund 25 Metern in den Winkel sorgte Inan für nationalen Jubel. Damit waren auf jeden Fall die Holländer abgehängt - unabhängig von deren Resultat gegen Tschechien - und der dritte Platz sicher.

          Kasachstan macht die Türkei froh

          Die Entscheidung über den direkten Startplatz bei der Fußball-EM 2016 in Frankreich fiel dagegen fast unbemerkt im Skonto-Stadion in Riga. Denn nur dank des 22 Jahre alte Kasachen Islambek Kuat, der das Tor zum 1:0-Sieg der Kasachen in Lettland erzielte, löste die Türkei als bester Dritter der neun Quali-Gruppen das Ticket für die EM. Kasachstan rückte durch seinen ersten Sieg im zehnten Gruppenspiel an Lettland vorbei auf den fünften Platz.

          EM-Qualifikation : Große Enttäuschung nach dem Aus der Elftal

          Die komplizierte Uefa-Mathematik sieht vor, dass für die Extra-Tabelle der Gruppendritten die Resultate gegen den jeweiligen Gruppen-Sechsten gestrichen werden - um einen Quervergleich mit der Fünfer-Gruppe I zu ermöglichen. Durch den letzten Platz für Lettland kamen für die Türken beide Siege gegen Kasachstan in die Wertung. Die Türkei gewann so das Ranking mit 16 Punkten vor Ungarn (15). Schon bei einem Remis hätten die Ungarn als bester Gruppendritter gejubelt.

          Spannungen spürbar

          Nach dem Abpfiff in Konya schien es, als würden sich die Fans im Stadion stellvertretend für ein ganzes Land den Schmerz von der Seele schreien. Am vergangenen Samstag waren bei einem Bombenanschlag auf eine regierungskritische Demonstration in der Hauptstadt Ankara 97 Menschen getötet worden. Die Spannungen, die das Attentat im Land auslöste, wurden auch während der Partie in Konya, einer Hochburg der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP, offensichtlich. Eine Schweigeminute für die Opfer begleiteten Zuschauer mit lauten Buhrufen und Pfiffen - was viele bei Twitter als Ausdruck der Verachtung für die Toten kritisierten.

          Ganz für Ablenkung sorgen konnte das sportliche Großereignis also nicht, dabei dürfte die Entwicklung der Nationalelf für einigen Optimismus sorgen. Der sportliche Umbruch ist in vollem Gange. Junge Spieler wie Hakan Calhanoglu (Bayer Leverkusen), Oguzhan Özyakup (Besiktas Istanbul) oder Ozan Tufan (Fenerbahce Istanbul) sind Stützen der Mannschaft. Unter dem erfahrenen Terim, der als großer Motivator gilt, sind die Hoffnungen auf eine erfolgreiche EM groß.

          Die bereinigte Tabelle der Gruppen-Dritten:

          1. Türkei  12:7  16
          2. Ungarn  8:5 15
          3. Ukraine 11:4  13
          4. Norwegen 8:10  13
          5. Dänemark 8:5 12
          6. Schweden 11:9  12
          7. Irland  8:7 12
          8. Bosnien-Herzegowina 11:12 11
          9. Slowenien  10:11 10

          Weitere Themen

          Zu wenig geredet

          Arminia entlässt Neuhaus : Zu wenig geredet

          Arminia Bielefeld trennt sich von Aufstiegstrainer Uwe Neuhaus – was viele Fans erzürnt. Der Klub beschwört im Abstiegskampf nun das „Heben aller Potentiale“.

          Topmeldungen

          Wahlkampf im zweiten Corona-Jahr: Winfried Kretschmann (hier beim Bundesparteitag der Grünen) will seine Position als Ministerpräsident von Baden-Württemberg verteidigen.

          TV-Duell in Baden-Württemberg : 60 Minuten quälender Stellungskrieg

          Beim TV-Duell zwischen Baden-Württembergs amtierenden Ministerpräsidenten und seiner Herausforderin Susanne Eisenmann kann auch der Moderator keine Kontroversen herauskitzeln. Das Publikum wartet – kurz vor der Wahl – vergeblich auf Impulse.
          Die mobilen Impfteams bleiben zusätzlich zu den Impfzentren im Einsatz.

          Coronaviurs : Warum Impfstoffe horten viele Menschenleben kostet

          Die Debatte um den Impfstoff des Herstellers Astra-Zeneca sorgt für eine langsamere Verimpfung. Eine Studie verdeutlicht nun, wie wichtig es ist, auch weniger wirksame Impfstoffe schnellstmöglich zu verimpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.