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Tschechien und Slowakei : Nationenbildung mit Exportartikeln

Überflieger des tschechischen Sports: Skispringer Jakub Janda Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Olympischen Spiele haben in Zeiten der Globalisierung an Bedeutung gewonnen, Staaten können sich abgrenzen. Diese Aufbruchstimmung fördert den Sport in den jungen EU-Staaten Tschechien und Slowakei.

          7 Min.

          Wenn es sportlicher Erfolge bedarf, eine Nation ihrer selbst zu versichern - „nation building“ -, haben Tschechen und Slowaken mehr als ihr Soll erfüllt. Trotz der tausendjährigen Geschichte ihrer Völker sind die unabhängigen Staaten Tschechische Republik und Slowakei gerade 13 Jahre alt.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Neben eindrucksvollen fußballerischen Auftritten haben die tschechischen Athleten vor allem im Eishockey reüssiert. Fünfmal ist das Team aus Böhmen und Mähren Weltmeister geworden, zuletzt im Mai vergangenen Jahres in Wien. 1998 in Nagano wurden Jaromir Jagr, Dominik Hasek, Milan Hajduk und ihre Mitstreiter Olympiasieger.

          Platz der slowakischen Eishockey-Revolution

          Auch die in freundschaftlicher Trennung verbundenen Slowaken beherrschen das Spiel mit dem Puck. Bei der Weltmeisterschaft 2000 konnten nur die Tschechen sie am Titelgewinn hindern. Zwei Jahre später waren die Slowaken zum ersten Mal Weltmeister. Das Wundersame daran war nicht nur, daß das Bergland Slowakei seine Talente aus lediglich fünfeinhalb Millionen Einwohnern schöpft; allein Berlin und Brandenburg haben mehr.

          Eishockey-Weltmeister Tschechien 2005

          Nein, der Internationale Eishockey-Verband hatte bei der Teilung von Staat und Sport der Tschechoslowakei zum 1. Januar 1993 die Slowaken auch noch in die C-Gruppe zurückgestuft, die dritte Klasse des internationalen Eishockeys. Die Tschechen durften erstklassig bleiben. Als Champion, der aus dem Keller kam, triumphierte das slowakische Team um Miroslav Satan, Peter Bondra und Zigmund Palffy im Endspiel von Göteborg. Es besiegte die russische Auswahl 4:3, und zu Hause in Preßburg (Bratislava) benannten begeisterte Fans unter dem Jubel von Zehntausenden den Platz des slowakischen Aufstandes von 1848 um in den der slowakischen Eishockey-Revolution.

          Kult, Religion, Herzenssache - und Politik

          Das schnelle Spiel auf der Eisfläche ist mehr als Sport in Tschechien und der Slowakei. Es ist Kult, es ist Religion, es ist Herzenssache. Und es ist Politik. Ein halbes Jahr nach der Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Sowjetunion 1968 schlug die Tschechoslowakei zurück - auf dem einzigen Feld, auf dem das möglich war: dem Eis. Zweimal besiegten ihre Hockeyspieler bei der Weltmeisterschaft 1969 in Schweden die Sowjetunion, 2:0 und 5:2. Nach beiden Partien verweigerten die Sieger den geschlagenen Repräsentanten der Besatzer ihrer Heimat den Handschlag.

          Ein halbes Dutzend von ihnen hatte sogar den roten Stern im Staatswappen auf der Kleidung überklebt. Das tschechische Fernsehen schnitt sie, die Funktionäre bestraften sie, doch bei ihrer Rückkehr nach Prag wurden die Spieler wie Helden von Hunderttausenden umjubelt. Sie hatten die Machtverhältnisse im Ostblock auf den Kopf gestellt. Das Absingen der Nationalhymne wurde für das begeisterte Publikum zum Akt des Widerstandes. Drei Jahre später erkämpfte sich dieser David - im Endspiel der Weltmeisterschaft in Prag - gegen Goliath Sowjetunion sogar die Weltmeisterschaft. Noch dreimal gelang dies der Tschechoslowakei.

          Eine Kehrseite: der traditionelle Export

          So sehr auf den Medaillen Stolz und Selbstbewußtsein gründen mögen, sie haben doch eine Kehrseite: den traditionellen Export tschechischer und slowakischer Leistungsträger. Ivan Lendl und Martina Navratilova, die überragenden Tennisspieler ihrer Zeit, dürften die bekanntesten tschechischen Sportler sein, die der Finsternis des Sozialismus hin zu Ruhm und Reichtum entflohen - und zur amerikanischen Staatsbürgerschaft.

          Die ersten waren sie nicht. Elend, religiöse Verfolgung, Krieg und Diktatur trieben seit dem achtzehnten Jahrhundert Abertausende aus den Ländern zwischen Böhmerwald und Karpaten ins Exil jenseits des Atlantiks. Mobilität ist auch heute wieder ein Muster des Aufstiegs für Tschechen und Slowaken in der Welt und in ihrer Gesellschaft.

          Talent, Ausbildung und Reichtum derUnterhaltungsindustrie

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