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Triathlon-Tagebuch : „Wenn Träume sterben“

  • -Aktualisiert am

Nicole Leder: Trost für Ehemann Lothar Bild: dpa

Fünfter auf Hawaii - für Lothar Leder zu wenig. Seine Impressionen vom Ironman beschreibt der Weltklasse-Triathlet exklusiv für FAZ.NET.

          Ob ich enttäuscht bin? Natürlich bin ich das. Ich bin leer im Kopf, kaputt, niedergeschlagen. Fünfter. Ist das ein Ergebnis, was meinen Möglichkeiten entspricht? Nein, bestimmt nicht.

          Denn eigentlich muss ich in so einem Rennen mindestens Dritter werden, und vor allem: bester Deutscher. So bin ich nur drittbester Deutscher geworden - als Profi, der von seinen Sponsorengeldern leben muss, ist das kein Ergebnis, mit dem man großartig hausieren kann.

          „Mir ging es körperlich dreckig“

          Eigentlich muss ich ja zufrieden sein über diesen fünften Platz, denn wenn man bedenkt, wer in diesem Rennen alles ausgestiegen ist, ist jedes Top-Ten-Ergebnis ordentlich. Luc Van Lierde raus, Jürgen Zäck und Titelverteidiger Peter Reid auch. Oh ja, Hawaii 2001 war ein knüppelhartes Rennen.

          Deutsche Triathlon-Phalanx: Leder (l), Niedrig und der ausgestiegene Zäck (r)

          Für mich war es das aber nicht wegen der Hitze und des stürmischen Windes - mir ging es einfach körperlich dreckig. Schon beim Radfahren habe ich gemerkt, dass es in meinem Körper nicht stimmt. Viel riskiert habe ich auf der Strecke, ich dachte, das sei meine einzige Chance. Im Nachhinein wäre ich aber besser nicht wie wild an die Spitze gefahren, denn dieses Rennen wurde auf der Laufstrecke entschieden.

          Doch bis ich bis dahin gekommen war, war mein Körper schon am Limit. Denn bei Radkilometer 50 ging es los mit der Übelkeit, ich hatte keinen Appetit und konnte auch nichts essen. Und dann wusste ich, dass es ganz schlimm wird für mich. Denn wenn man in einem Ultratriathlon nichts essen kann, bringt man das Rennen auch nicht ordentlich nach Hause.

          Leders Schinderei: Übelkeit und Durchfall

          Was war das dann für eine Schinderei bei diesem Marathon, schon bei Kilometer acht musste ich mich regelrecht zusammenreißen, um überhaupt voran zu kommen. Kurz danach habe ich mich übergeben, später kam Durchfall dazu - mit jedem Kilometer wurde es schwerer, mich zu motivieren.

          Es war ein endloses Dahingeschleppe auf diesem verdammten Highway, kotzübel war mir, in meinen Gedärmen gluckerte es und bei jedem dieser blauen Toilettenhäuschen an der Strecke dachte ich, hier muss ich jetzt sofort eine Pause machen. Wenn der Körper nicht mehr kann, wird es auch mental immer schwerer, sich zum Weitermachen zu zwingen.

          „Diesmal war es die Hölle“

          Dass ich diesen Ironman nicht gewinnen kann, wusste ich sehr früh. Dafür waren meine Abstände zu groß - mit 13 Minuten Rückstand auf diesen wahnsinnigen Steve Larsen bin ich auf die Laufstrecke gewechselt. 13 Minuten! Dass der Amerikaner mit seiner unglaublichen Radfahrt dieses Rennen derart beeinflussen wird, konnte niemand ahnen.

          Vielleicht, wenn es mir richtig gut gegangen wäre, hätte ich ja noch auf die Spitze mit Tim De Boom auflaufen können - vielleicht. Aber nach meinem ersten Brechanfall war mir klar, dass der Zug ohne mich weiter fährt. Normalerweise genieße ich auch immer dieses Laufen, diesmal war es die Hölle.

          Ehefrau Nicole wurde 13.

          Ich bin nicht gesund an den Start gegangen, meine Frau Nicole auch nicht, aber wir wollten das nicht so breit treten. Das kommt nicht gut an, weil man Gefahr läuft, sich die Ausreden gleich zurecht zu legen, um im Versagensfall gerüstet zu sein. Aber noch zwei Tage nach dem Rennen habe ich starken Husten, Schnupfen - die Übelkeit ist auch noch nicht ganz abgeklungen.

          Nicole ist noch Dreizehnte geworden, das reicht immerhin für den Titel zweitbeste Deutsche - aber kaufen kann sie sich dafür auch nichts. Sie ist auf der Radstrecke regelrecht weggeblasen worden von diesem furchtbaren Wind. Phasenweise, so hat sie mir erzählt, habe sie das Gefühl gehabt, überhaupt nicht voran zu kommen.

          Im Ziel: ab ins medizinische Zelt

          Ich war dann wenigstens froh, als ich auf den Alii Drive eingebogen bin und die Zuschauer gesehen habe. Auf den letzten drei Kilometern bin ich am Anschlag gelaufen, mehr konnte ich nicht geben - und es war doch zu wenig. Vorbei, dachte ich mir als ich im Ziel war. Wie schön.

          Aber auch wieder nicht, denn nun musste ich der Enttäuschung ins Auge blicken. Ich war völlig fertig, den Blumenkranz, den man umgehängt bekommt, habe ich verweigert. Das sah unwirsch aus, hatte aber einen guten Grund - nur ins medizinische Zelt wollte ich, denn ein neuer Brechanfall bahnte sich an.

          Ich habe wenigstens später Normann Stadler noch die Hand geben können, Vierter ist er geworden - aber richtig glücklich sah er auch nicht aus. So ist das eben, wenn Träume sterben. Hawaii 2001 war das härteste Rennen in meine Triathlon-Karriere.

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