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Triathlon : Erste blinde Athletin beim Ironman

  • -Aktualisiert am

Triathlon-Tandem: Regina Vollbrecht und Ehemann Harald Bild: Liwocha

Beim 14. Ironman-Europe geht am Sonntag in Roth mit der Berlinerin Regina Vollbrecht erstmals eine blinde Triathletin an den Start.

          Das Bild ging um die Welt. Erik Weihenmayer stand im Juni auf dem höchsten Gipfel der Welt. Berauscht vor Glück. Vor ihm bezwangen schon etliche Bergsteiger den 8848 Meter hohen Mount Everest, doch der Amerikaner ist der erste Blinde. Eine unvorstellbare Leistung.

          Regina Vollbrecht hörte in den Nachrichten davon. „Zuerst konnte ich es nicht glauben", erzählt die Berlinerin, „und ich weiß wirklich nicht, wie er es geschafft hat." Die 24-Jährige kann sehr gut einschätzen, wie sensationell Weihenmayers Gipfelsturm war. Denn Regina Vollbrecht ist ebenfalls blind. Wie der 33-Jährige Bergsteiger hat auch die junge Frau ein besonderes sportliches Ziel vor Augen. Allerdings ein paar Nummern kleiner: „Solche verrückten Träume wie die Besteigung des Mount Everest habe ich nicht, das ist mir zuviel."

          „Ich hoffe, dass ich es schaffe“

          Ihr Hindernis liegt im fränkischen Roth, wo am Sonntag 2.600 Triathleten aus 40 Nationen beim 14. Ironman Europe starten. Natürlich werden vor 130.000 Zuschauern die Profis im Mittelpunkt stehen. Etwa Vorjahressieger Lothar Leder aus Darmstadt oder Peter Reid aus Kanada, der zuletzt bei der Weltmeisterschaft auf Hawaii triumphierte. Sie können ein Preisgeld von 150.000 Dollar gewinnen, falls sie die 1997 vom Belgier Luc van Lierde aufgestellte Weltbestzeit von 7:50:26 Stunden knacken.

          Regina Vollbrecht denkt da in ganz anderen Dimensionen. „Ich hoffe, dass ich es schaffe und das Ziel erreiche", sagt die Athletin des Berliner Blindensportvereins, „15 Stunden sind das Limit, eine Zeit darunter wäre klasse." Vollbrecht kann in Roth Geschichte schreiben. Und zwar als erste blinde deutsche Triathletin, die die schmerztreibende Tortur mit 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen erfolgreicht absolviert.

          Unsicherheitsfaktor Schwimmen

          Doch es geht ihr weniger um den Eintrag in die Annalen, als vielmehr um das Gefühl etwas Außergewöhnliches geleistet zu haben. Lange habe sie überlegt ob sie in Roth antreten soll und Freunde und Verwandte wissen immer noch nichts von ihrem Plan. „Das ist ein Geheimnis," erzählt sie, „vielleicht halten mich die Leute ja für verrückt." Also machte sich Regina Vollbrecht mit ihrem Mann Harald ohne großes Ballyhoe auf den Weg ins Frankenland, um dort im übertragenen Sinn ihren ganz persönlichen Mount Everest zu erklimmen.

          Es ist ihr erster Ironman überhaupt, vorher absolvierte Vollbrecht seit 1998 sogenannte „Jedermann"-Wettbewerbe (750 Meter Schwimmen, 22 Kilometer Radfahren, 5 Kilometer Laufen) und kam auch beim Berliner Marathon in 4:40 Stunden ins Ziel. „Ich habe gut trainiert und ein gutes Gefühl", meint die 24-Jährige, „aber ein paar Unsicherheiten gibt es doch. Gerade vor den vielen anderen Schwimmern im Wasser habe ich Angst." Eine wichtige Rolle spielt daher Harald Vollbrecht (45), der seiner Frau während des gesamten Rennens zur Seite stehen wird. Denn ohne die Hilfe eines Sehenden ist ein Ironman-Abenteuer nicht zu bewältigen.

          20.000 Kilometer auf Tandem

          Beim Schwimmen sind beide mit einem abgeschnittenen Fahrradschlauch miteinander verbunden, das Radfahren geht per Tandem und beim abschließenden Marathon erleichtert eine Schnur die Orientierung. „Eine stressige Aufgabe, denn in Roth kann die Konzentration nachlassen", weiß Harald Vollbrecht, der schon einmal vor 13 Jahren beim populären Ironman-Europe startete: „Normalerweise setzt ein Automatismus ein, aber mit Blinden muss man aufmerksamer laufen."

          Die Vollbrechts aus Berlin-Tempelhof sind ein erfahrenes Team. Allein mit dem Tandem haben sie bereits über 20.000 Kilometer zurückgelegt, darüber hinaus trainieren sie fünfmal pro Woche Schwimmen und Laufen. Doch das zweisitzige Fahrrad hat in ihrem Leben eine besondere Bedeutung, lernten sie sich doch bei dem Berliner Tandem-Pilotprojekt kennen. Und natürlich lief die Hochzeitsreise 1998 in Neuseeland nicht ohne eine ordentliche Fahrradtour ab. Ein „phantastisches Erlebnis" für Regina Vollbrecht, die seit ihrer Geburt durch eine Netzhautablösung blind ist, aber seit jeher couragiert mit ihrem Schicksal umgeht.

          Vor Hawaii sind die Wellen zu hoch

          Der Sport war von Kindheit an ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Früher turnte sie und bestritt Schwimmwettkämpfe, heute ist sie nicht nur im Triathlon aktiv sondern spielt zudem noch in der Goalball-Nationalmannschaft. Vollbrecht, die im April an der Fachhochschule Potsdam ein Sozialpädagogikstudium abschloss und sich als „Arbeitssuchende" bezeichnet, will als gutes Beispiel vorangehen, ohne dabei im Rampenlicht zu stehen. „Vielleicht werde ich ja durch den Ironman in Roth zum Vorbild für andere Blinde", sagt die 24-Jährige, die nach einem bestandenen Härtetest in Roth keineswegs nach höherem streben wird. Reizt nicht etwa ein Start beim legendären Ironman auf Hawaii? „Davon träume ich nicht," meint Vollbrecht, „da sind mir die Wellen zu hoch."

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