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: Trevor Graham und die Frage der Wahrheit

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NEW YORK. Auch drei Jahre nachdem die größte Dopingaffäre in der Geschichte des amerikanischen Sports ins Rollen kam, sind ein paar zentrale Fragen noch immer ungeklärt. Aus welchem Grund hat Sprintertrainer Trevor Graham damals ...

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          NEW YORK. Auch drei Jahre nachdem die größte Dopingaffäre in der Geschichte des amerikanischen Sports ins Rollen kam, sind ein paar zentrale Fragen noch immer ungeklärt. Aus welchem Grund hat Sprintertrainer Trevor Graham damals anonym eine Kanüle weitergegeben, in der Experten im Labor später das Designersteroid THG entdeckten? Und wie tief war die viermalige Goldmedaillengewinnerin Marion Jones verwickelt?

          Die Antwort auf die beiden Fragen werden die Strafverfolgungsbehörden in Kalifornien vermutlich in den kommenden Monaten geben können. Das legt eine Veröffentlichung in der "New York Times" nahe, die erstmals im Detail darüber berichtete, wie Graham, der einst Marion Jones und die gesperrten Leichtathleten Tim Montgomery, Michelle Collins und Alvin Harrison betreute, jahrelang aus Mexiko mit Anabolika, Wachstumshormonen und Erythropoietin (Epo) beliefert wurde.

          Graham war der geheimnisvolle Absender jener Spritze, die 2003 im Dopinglabor an der University of California in Los Angeles eintraf. In der Spritze wurde das bis dahin unbekannte Designersteroid Tetrahydrogestrinon (THG) identifiziert. Der Coach hat bislang nur einmal - bei den Olympischen Spielen in Athen, wo sein Athlet Justin Gatlin die Goldmedaille über 100 Meter gewann - öffentlich zu der Affäre Stellung genommen. Damals sagte er: "Ich habe einfach nur als Trainer das Richtige getan. Ich bedaure nichts." Inzwischen dürfte er eine andere Auffassung von der Sachlage haben. Denn die Behörden ermitteln gegen ihn. Ihr Verdacht: Der ehemalige 400-Meter-Läufer aus Jamaika, der 1988 in der Staffel eine Silbermedaille gewann, soll bei seiner Vernehmung im Rahmen des Verfahrens um das kalifornische Doping-Labor Balco wissentlich die Unwahrheit gesagt haben.

          Die Untersuchungen gegen Graham bringen abermals Marion Jones in Schwierigkeiten, über deren Verwicklungen in das Netz der Leistungsmanipulation nach wie vor Unklarheit besteht. Die Enthüllungen kommen denkbar ungünstig. Nachdem sie nach einer Babypause lange Zeit ihrer alten Form hinterherlief, war sie in dieser Saison erstmals wieder über 100 Meter eine Zeit unter 11 Sekunden gelaufen und wurde von europäischen Veranstaltern eingeladen, die inzwischen die einzige Basis für ihr Einkommen bilden, nachdem ihr einstiger Sponsor, der Sportausrüster Nike, den Vertrag nicht verlängerte,

          Der neuerliche Druck entsteht aufgrund der juristischen Ausgangslage. Die Staatsanwaltschaft hatte bei ihren Ermittlungen gegen die zentralen Figuren des Skandals - darunter den Inhaber des Balco-Labors Victor Conte - allen verhörten Sportlern und Trainern Straffreiheit zugesichert, falls sie wahrheitsgemäß aussagen. Der illegale Besitz von verschreibungspflichtigen Substanzen wie Anabolika steht in den Vereinigten Staaten eigentlich unter Strafe. Das wohlwollende Angebot müssen einige Zeugen ignoriert haben. So läuft derzeit gegen den prominenten Baseballprofi Barry Bonds ein Untersuchungsverfahren wegen des Verdachts auf Meineid. Trevor Graham, der bei seiner Vernehmung nicht vereidigt wurde, muß mit einer Anklage wegen uneidlicher Falschaussage rechnen.

          Die Ermittlungen finden auch weiterhin hinter verschlossenen Türen statt. Kommt es zum Prozeß, werden die Beschuldigungen erstmals öffentlich ausgebreitet. Und alle ehemaligen Kunden und Mitarbeiter von Trevor Graham können damit rechnen, als Zeugen - unter Eid - aussagen zu müssen. Grahams Anwalt hat am Donnerstag verlauten lassen, daß sein Klient "noch nie an der Verbreitung illegaler Substanzen" beteiligt gewesen sei. Die Beschuldigungen des in Texas lebenden Sportlers Angel Guillermo Heredia, der zwischen 1996 und 2000 als Dopinglieferant im Einsatz gewesen sein will und angeblich das Blut von Grahams Athleten vorsorglich in mexikanischen Labors hat testen lassen, seien falsch. "Und wir sind bestens darauf vorbereitet, diese Tatsache zu beweisen." Heredia soll aber auch Marion Jones belastet haben, für die er genau Pläne erstellt haben will, wann sie welche Substanzen nehmen soll. Er legte der Staatsanwaltschaft laut "New York Times" unter anderem Abrechnungsbelege sowie Kopien von E-Mails und Blut- und Urin-Untersuchungen vor.

          Die Zeitung fand heraus, wie vorsichtig die Athleten im Umfeld von Trevor Graham waren, der in Raleigh im Bundesstaat North Carolina arbeitet. So gab der ehemalige Assistenztrainer John Burks zu, daß es Verhaltensmaßregeln für den Fall gab, daß Dopingtester unangekündigt auf dem Trainingsplatz auftauchen. Dann "liefen die Athleten davon und sprangen über Zäune und haben sich versteckt", sagte er.

          Weshalb Graham die THG-Kanüle weitergab, darüber gibt es bis heute nur Spekulationen. Heredia und Burks haben der Staatsanwaltschaft erklärt, sie glaubten, daß es ihm nicht darum ging, die illegalen Praktiken in der Leichtathletik aufzuklären, sondern darum, Balco und Victor Conte zu schaden, mit dem er sich zerstritten hatte, nachdem er anfänglich mit ihm zusammengearbeitet hatte. Das ist auch die Auffassung von Conte, der zur Zeit die letzten Tage einer achtmonatigen Strafe als Hausarrest absitzt. JÜRGEN KALWA

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