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Transferstreit : Geteiltes Echo auf den Brüsseler „Fußball-Frieden“

  • Aktualisiert am

          Ist der Transferstreit nun gelöst? Hilft der Kompromiss der Bundesliga? Uli Hoeneß, Manager des Bayern München, lässt kein gutes Haar an der Lösung: „Oberflächlich gesehen ist das eine mittlere Katastrophe für den deutschen und auch den internationalen Fußball. Es werden keine Lösungen geboten, das Konzept wirkt konfus.“

          Trügerischer Frieden

          Der Brüsseler „Fußball-Frieden“ scheint trügerisch. Die Reaktionen auf die beim Gipfeltreffen verabschiedeten Regularien zur Neuregelung des Vertragsrechts und Transferwesens im internationalen Fußball bewegen sich zwischen großer Zustimmung und harscher Kritik.

          Zufriedenheit bei EU, Fifa und Uefa, Zurückhaltung bis Skepsis beim DFB und der Bundesliga, Zustimmung durch die deutsche Spielergewerkschaft VdV sowie Ablehnung durch die internationale Profi-Organisation FIFPro: Unterschiedlicher könnten die Reaktionen kaum ausfallen.

          Rummenigge: „Gehälter steigen“

          Der designierte DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder wertete den Beschluss von Brüssel als „vertretbar“: „Den geschlossenen Kompromiss halte ich aus Sicht der Verbände, aber auch der Vereine für akzeptabel.“ Werner Hackmann, der Präsident des neu gegründeten Liga-Verbandes, meinte: „Ich begrüße sehr, dass die Ausbildungs-Entschädigung festgeschrieben ist, dass es künftig nur noch feste Transferperioden geben soll, weil dies den Markt beruhigt.“ Allerdings will der Chef des Hamburger SV bei allen weiteren Punkten „zuerst genau das Kleingedruckte lesen“.

          Auch Bayern Münchens Vize-Präsident Karl-Heinz Rummenigge äußerte sich kritisch: „Das neue Transfersystem verbessert den Status der Spieler und geht zu Lasten der Vereine. Die Macht der Spieler wurde schon durch den Fall Bosman sehr groß. Jetzt hat sie sich nochmal vergrößert“, kommentierte der „Vize“ des Zusammenschlusses der mächtigsten Klubs Europas („G14“): „Die Ablösesummen jenseits der 100 Millionen Mark werden der Vergangenheit angehören. Aber im Spitzenbereich werden die Gehälter anziehen. Das ausgegebene Geld wird nicht geringer.“

          Blatter: „Großer Erfolg“

          Während EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti, seine Amts-Kolleginnen Viviane Reding (Sport) und Anna Diamantopoulou (Soziales) sowie Fifa-Präsident Joseph Blatter und UEFA-Chef Lennart Johansson den nach neunmonatiger Kontroverse geschmiedeten Kompromiss als „großen Erfolg für den Fußball“ feierten, hegen Vereinsvertreter aus der deutschen Bundesliga große Zweifel an der juristischen Unantastbarkeit der Grundsatz-Vereinbarung.

          Die internationale Spielervereinigung FIFPro sprach sogar von einem „schwarzen Tag für den europäischen Sport und die Fußballer“ und schloss Klagen vor den höchsten internationalen Gerichten nicht aus. „Wir akzeptieren dieses Abkommen nicht“, kündigte FIFPro-Sprecher Laurent Denis aus England an.

          „Die Fußball- Welt hat keine einheitlich akzeptierte Entscheidung getroffen“, monierte auch FIFPro-Chef Gordon Taylor. FIFPro-Sprecher Denis schloss eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH), dem internationalen Arbeitsgericht oder dem Straßburger Gerichtshof für Menschenrechte nicht aus.

          Holzhäuser will juristische Schritte prüfen

          Deutsche Club-Vertreter äußerten sich zurückhaltend bis überaus kritisch. Der Geschäftsführer von Bayer Leverkusen, Wolfgang Holzhäuser, regte eine „sorgfältige Prüfung juristischer Schritte“ gegen den Kompromiss an. Die Regelung, dass Vereine mit Spielern (bis zum Alter von 28 Jahren) künftig maximal geschützte Drei-Jahres-Verträge (danach zwei Jahre) abschließen können, geht ihm nicht weit genug. Nach deutschem Arbeitsrecht könnten Profis fünf Jahre gebunden werden, sagte der Bayer-Finanzchef. Borussia Dortmunds Präsident, Jurist Gerd Niebaum, hält das Abkommen für einen „willkürlichen Eingriff in das Recht auf Vertragsfreiheit“.
          Bayern Münchens Vizepräsident Fritz Scherer spricht von einer „neuen Etappe bei der Zerstörung des Fußballs“.

          Ausbildungsentschädigung begrüßt

          Nicht ganz so weit geht sein Amtskollege Karl-Heinz Rummenigge, der als G 14-Sprecher aber eine Bevorzugung der Spieler sieht: „Das Ganze ist ein Spagat zwischen den Römischen Verträgen und den Spezifika des Fußballs zu Gunsten der Spieler und zu Lasten der Clubs.“ Die G 14 werde die neuen Regularien „juristisch sezieren“. Vor allem die auf 28 Jahre festgesetzte Altergrenze leuchtet vielen Clubs wie Profis nicht ein.

          Aus der Bundesliga gab es aber auch Zustimmung. Wolfsburgs Manager Peter Pander, Bremens Sportdirektor Klaus Allofs und Kaiserslauterns Vorstandsmitglied Gerhard Herzog können mit der Vereinbarung „leben“. Vor allem die Regelungen und Initiativen zum Schutz junger Spieler und die daraus resultierenden Ausbildungsentschädigungen für Vereine, die viel in den Nachwuchs investieren, werden begrüßt.

          Blatter und Monti besiegelten den Kompromiss durch den Austausch entsprechender Schriftstücke. „Ich bin glücklich über die Einigung zwischen der Kommission und der Fußball-Familie. Die Vorschläge zur Verbesserung verschaffen uns ein sehr solides Fundament für die Zukunft unseres Spiels“, sagte Blatter, der den „sozialen Dialog“ mit der EU, den kontinentalen Verbänden sowie Spielern und Vereinen „im Sinne des Fußballs“ fortführen will. Sport-Kommissarin Viviane Reding hob nach dem „großartigen Abend für den Fußball und den europäischen Sport“ die soziale Dimension der Abmachung hervor. Die Solidarität zwischen armen und reichen Clubs werde gestärkt.

          Auch UEFA-Chef Johansson zeigte sich zufrieden mit dem „für alle Parteien akzeptablen Ergebnis“. Damit werde „die Balance zwischen den Notwendigkeiten des Fußballs und den Anforderungen des EU-Rechts“ repräsentiert.

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