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Radsport und Philosophie : Radrennfahrer sind das Gegenteil eines Roboters

  • -Aktualisiert am

Eine Tour-de-France-Skulptur in den Pyrenäen nahe Tarbes Bild: Reuters

Erstaunlich viele Philosophen haben sich mit dem Radfahren und der Tour de France beschäftigt: Mit der Ästhetik, der Intellektualität, mit dem Leidensethos und der Kriegsrhetorik.

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          Man begreift, dass das, was diese Männer leisten, alles übersteigt, was Normalsterbliche begreifen können“, sagte der Hobbyradler und Philosoph Peter Sloterdijk vor Jahren gegenüber dem „Spiegel“, „nämlich der Tour de France alles unterzuordnen, alles zu riskieren, rücksichtslos – sich selbst gegenüber, dem Leben.“

          Erstaunlich viele kluge Menschen haben sich mit dem Radfahren und der Tour de France beschäftigt, erstaunlich viele Philosophen. Man versteht, dass Denker und Ästheten übergroßem, einmaligem Talent huldigen, nicht nur Mozart, sondern auch Messi. Aber Radprofis, deren Ruf weithin zwischen Roboter und Drogenjunkie pendelt? Wie also kommt der französische Schriftsteller und Philosoph Olivier Haralambon zu einem Satz wie diesem: „Radrennen sind etwas zu Großes und Lebendiges, um zu einem wissenschaftlichen Gegenstand eingeschrumpft zu werden“? Wie kann er bitter beklagen, dass „Radrennfahren nur noch anhand grober moralischer Raster bewertet und, in Verleugnung des Offensichtlichen, mit naiven, pseudowissenschaftlichen Erklärungen abgehandelt“ werde?

          Guillaume Martin, auch er Franzose, ist Radprofi, Kapitän eines Tour-Teams und hat einen Master-Abschluss in Philosophie. Er ist 26 Jahre alt, nebenbei schreibt er Kolumnen für „Le Monde“. Auch er ein passionierter Denker, der sich mit Rennradfahren und der Tour auseinandersetzt (das F.A.Z.-Interview mit Guillaume Martin lesen Sie hier). Martin nennt Radrennfahren „eine Frage der Intelligenz, Strategie und Berechnung, der Ohrhörer und Sensoren der Macht“. Intelligenz? Braucht ein Radprofi Intelligenz? Reicht nicht ein Roboter, der in die Pedale tritt, eine reine Kraftmaschine?

          Nichts sei falscher als diese Annahme, schreibt Haralambon. Tatsächlich zweifelt kaum ein Denker, der sich mit Radsport befasst, daran, dass Radrennfahrer auf höchstem Niveau ein besonderes Maß an Intelligenz haben müssen. Wer meine, Radrennen liefen wie eine ewige Wiederholung von Modern Times ab, nur ohne Chaplin und bar jeder Poesie, habe nichts verstanden, schreibt Haralambon. Er habe nicht einmal verstanden, dass bei Radrennen schiere Kraft und Geschwindigkeit zwei grundverschiedene Dinge seien. Dass Kraft ohne Schlauheit, Übersicht, Zähigkeit und das Gefühl für Raum und Zeit nichts wert sei. „Der Radrennfahrer“, so Haralambons Fazit, „ist das Gegenteil eines Roboters.“ Er brauche, bei aller Härte, ein enormes Maß an Feingefühl. Er müsse seine Kräfte taxieren und einteilen, müsse permanent Situationen einschätzen, müsse die ihm gestellten Aufgaben mit den herrschenden Bedingungen abgleichen. Das seien große, meist unsichtbare Leistungen. Auch der französische Philosoph Roland Barthes preist die enormen Anforderungen an einen Radrennfahrer, die er als „privilegiertes Gleichgewicht zwischen dem Zustand der Muskeln, der Schärfe der Intelligenz und der Willensstärke“ beschreibt.

          Denker mit einem Faible für Radfahren und Radrennen befassen sich nicht nur gern mit Ästhetik und Intellektualität, sondern – wie Sloterdijk – auch mit dem Leidensethos, wieder andere mit der kriegerischen Dimension des Profiradsports. Wenn Barthes die Teams der Tour de France mit modernen Armeen vergleicht, die durch die Bedeutung des Materials und die Zahl ihrer Krieger bestimmt werden, so nimmt Martin dies als Ausgangspunkt für eine Betrachtung der Kriegsrhetorik in seinem Metier. „Benimm dich wie ein Krieger“ – viele Male habe er den Satz im Teambus gehört, ehe man die Fahrer auf eine schwere Etappe schickte. Fast schiene es, als würden die Sportdirektoren ihre Briefings anhand eines Militärlexikons vorbereiten, als herrsche Kriegszustand bei der Tour. Für Haralambon offenbart der Radsport das Animalische in jedem. Nichts komme dem von Hobbes beschriebenen „Naturzustand“ näher, dem „Krieg von allen gegen alle“. Martin lässt das so nicht stehen. Zu sagen, ein Radrennen sei Krieg, heiße nicht, dass es tatsächlich so ist. Ein Radrennen werde in seinem Wesen nie mehr sein als ein symbolischer Kampf, da der Konkurrent nur ein Gegner sei, kein Feind. Selbst ein so mörderisches Rennen wie die Tour, in dem es Stürze, schwere Verletzungen und sogar Tote gibt, sei im Grunde nur ein Spiel, wenn auch ernst und gefährlich. So sei auch die Kriegsrhetorik der Sportdirektoren letztlich nur Poesie – und die Tour de France nur eine riesige Metapher.

          Den Leidensethos interpretiert Martin aus der Sicht des Philosophen und Weltklasserennfahrers auf besondere Weise. Was passiert im Kopf des Leidenden, wenn er sich der Anstrengung hingibt, wenn der Schmerz im Rennen unerträglich wird? Was passiert mit dem Menschen in dieser Grenzsituation? Er sei dann einfach nur noch da, reiner Körper, reines Leiden, fast bewusstlos, sagt Martin. Der Fahrer in äußerster Anstrengung sei wie ein Tier, lebe in direktem Kontakt mit der Existenz. Radfahren in der Dimension des Leidens sei eine Reduktion auf die Kunst des Instinkts.

          Und der Sinn des Leidens? Der Sinn, sagt Martin, sei, dass der Körper durch eine äußerste Anstrengung seine ursprüngliche Autonomie wiedererlange. Die Bewegung geschehe dann von selbst. Wenn der Schmerz unerträglich werde und der Kopf sage: Aufhören, dann antworte der Körper schon nicht mehr. Paradoxerweise sei der Körper mit dem Leiden aber offenbar zufrieden und verlange schon bald nach einer Wiederholung. Deshalb eile der Rennfahrer – wie Sisyphus, der den Stein immer wieder den Berg hinaufrollt – von einer Etappe zur nächsten. Man müsse, sagt Martin, sich diesen Rennfahrer als glücklichen Menschen vorstellen.

          Tour de France

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