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Tour de France : Tony Martin fährt ins Gelbe Trikot

  • -Aktualisiert am

Überglücklich: Tony Martin im Gelben Trikot – und mit Stofftier Bild: AP

„Das Pech der letzten Tage hat sich heute in Glück gewandelt“: Für die vierte Etappe der Tour der France hat Tony Martin alles auf eine Karte gesetzt – und sich das begehrte Leibchen gesichert.

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          Die Hölle auf Rädern? Wahrscheinlich hatten dies nicht wenige Radrennfahrer so gesehen am Dienstag, als sie von der Tour de France in die Stein-Zeit geschickt wurden. Kopfsteinpflaster, sieben Passagen mit unebenem Untergrund, Rüttelpisten von insgesamt 13,3 Kilometer Länge. Im Prinzip ein Anachronismus, das Peloton über solche Wege zu hetzen. Die Hölle? Nicht für Tony Martin, denn der Dienstag wurde endlich zu seinem großen Tag bei der 102. Tour. Martin saß, als das Werk erledigt war, am Boden, erschöpft, aber glückselig. Er nahm seine Teamkameraden in den Arm, einen nach dem anderen. Er teilte seine Freude, seine Kollegen hatten schließlich auch einen Beitrag zu diesem Coup geleistet.

          Rainer Seele
          Sportredakteur.

          Es war Martins vierter Anlauf, bei dieser Tour in das Gelbe Trikot schlüpfen, und er schaffte das nun auf beeindruckende Weise. Mit einem finalen Solo, das ihm auch noch den Etappensieg bescherte. Ein hoher Ertrag für einen Mann, der in den ersten Tagen der Tour noch mit dem Schicksal gehadert hatte, weil er immer wieder um Sekunden das begehrteste Trikot der Tour verpasst hatte. „Das ganze Pech der letzten Tage hat sich heute in Glück gewandelt“, sagte Martin nun gelöst: „Das ist mein schönster Tag bei der Tour.“

          Er trägt Gelb jetzt zum ersten Mal bei der Frankreich-Rundfahrt. Und nachdem er über den Zielstrich in Cambrai gerollt war, schwang er immer wieder den Arm, er war außer Rand und Band, weil er seine große Sehnsucht jetzt gestillt hat. Martin, längst ein Protagonist des deutschen Radsports, gewann am Dienstag vor einem Landsmann, vor John Degenkolb, der mit dem Terrain im Norden Frankreichs gut vertraut ist; er hatte dort in diesem Frühjahr den Klassiker Paris–Roubaix für sich entschieden.

          Degenkolb enttäuscht trotz guter Leistung

          Auch der Frankfurter Degenkolb zeigte eine beherzte Darbietung, er empfand es aber als Enttäuschung, von Martin geschlagen worden zu sein. Doch letztlich hatte er keine Chance gegen den Wahlschweizer, der sich etwa drei Kilometer vor dem Ziel aus der führenden Gruppe löste und eine Art Zeitfahren startete – unwiderstehlich. Er vollendete den Tag mit einer Alleinfahrt, und das war umso bemerkenswerter, als Martin zuvor einen Defekt an seiner Rennmaschine erlitten hatte und mit seinen Mitstreitern erst wieder Anschluss an das Spitzenfeld finden musste. Er hatte wegen eines Plattens kurzerhand das Rad des Italieners Matteo Trentin übernommen.

          Martin hatte sich, weil er erst wieder Boden gutmachen musste, eigentlich schon „am Limit“ gefühlt, „ich hatte sehr viel Power verloren.“ Dann aber erwachte doch wieder der große Kämpfer in dem dreifachen Zeitfahr-Weltmeister: „Ich habe alles riskiert, alles auf eine Karte gesetzt.“ Und mit seinem plötzlichen Vorstoß hatte offenbar keiner der Konkurrenten gerechnet. „Scheinbar“, sagte Martin, „waren die anderen überrascht.“ Er hatte schon in den vergangenen Tagen, die nicht nach Wunsch verliefen, immer wieder auch betont, dass es doch noch Möglichkeiten für ihn gebe, sich seinen Traum zu erfüllen – und er hat am Dienstag, als es über insgesamt 223,5 Kilometer ging, entschlossen zugepackt.

          Martin, der für den belgischen Rennstall Etixx-Quick Step fährt, hat jetzt in der Gesamtwertung einen Vorsprung von zwölf Sekunden vor dem Briten Christopher Froome. Und möglicherweise wird er Gelb sogar einige Tage lang behalten.

          Ein Deutscher muss am Dienstag aufgeben

          Für Martin waren die 223,5 Kilometer zwischen Seraing und Cambrai also ein gutes Pflaster. Es hatte auch am Dienstag Stürze gegeben, aber sie waren nicht so gravierend wie der große Crash vom Montag, bei dem der Schweizer Fabian Cancellara das prominenteste Opfer war. Was für ihn blieb, war ein Röntgenbild. Die Aufnahme von zwei Brüchen im Lendenwirbelbereich. Damit nahm Cancellara Abschied von der 102. Tour.

          Geballte Faust: Tony Martin bejubelt seinen Etappensieg
          Geballte Faust: Tony Martin bejubelt seinen Etappensieg : Bild: dpa

          Am Dienstag war auch ein Deutscher nicht mehr dabei. Der Amberger Andreas Schillinger vom Team Bora musste allerdings nicht wegen einer Verletzung, sondern wegen eines Infekts aufgeben. So erklärte es jedenfalls sein Rennstall. Schillinger hätte speziell am Dienstag eine wichtige Rolle spielen sollen. Er war als Zugpferd für seinen Kapitän Dominik Nerz vorgesehen. „Es ist für ihn extrem schade, dass er die Tour verlassen muss, aber wir bleiben bei unserer Philosophie: Die Gesundheit der Fahrer steht immer im Vordergrund. Andreas hatte eine schwere Nacht, und so geschwächt kann dieser Tag nicht in Angriff genommen werden“, sagte Sportdirektor Enrico Poitschke.

          Sehr engagiert war am Dienstag nicht zuletzt das Team Astana, das gerade wegen des Falls Lars Boom vorläufig aus der Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport ausgeschlossen wurde. Der Italiener Vincenzo Nibali, Galionsfigur der Kasachen, fuhr auf dem Kopfsteinpflaster häufig in vorderster Reihe. Wohl auch aus Sicherheitsgründen. Dem wuchtigen Antritt von Martin war schließlich aber auch er nicht gewachsen.

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