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Halbzeit bei Tour de France : Von wegen Ende der Dominanz

  • -Aktualisiert am

Doppelspitze: Egan Bernal (links) und Geraint Thomas haben Platz eins im Visier Bild: AFP

Ohne großen Stress hat das Team Ineos seine Doppelspitze bei Halbzeit der Tour in eine perfekte Position gebracht. Aber auch Emanuel Buchmann gerät in den Fokus.

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          Die Hälfte der Tour ist rum. Und alle Fragen sind offen? Nein, es gibt schon Antworten nach zehn bewältigten Etappen. Wer sich um das Wetter gesorgt haben sollte, wird erfreut feststellen: viel Sonnenschein, quasi kein Regen, noch keine große Hitze.

          Die Hoffnung vieler, dass das Team Ineos nach Jahren ermüdender, den Wettbewerb nahezu erstickender Dominanz erheblich an Schlagkraft eingebüßt haben könnte, war trügerisch. Wer meinte, dass auf Emanuel Buchmanns schmalen Schultern zu viel Druck lasten würde als deutscher Klassementfahrer mit Ambitionen, der lag daneben. Wer glaubte, dass Flachetappen in Frankreich ein notwendiges wie langweiliges Übel sind, wurde am Montag eines Besseren belehrt. Das überwiegend flache Teilstück nach Albi hat das Peloton buchstäblich durcheinandergewirbelt.

          Es war ein kleines Meisterstück, wie eine Reihe von Profis etwa 30 Kilometer vor dem Ziel die Windkantensituation erkannten, in Sekundenschnelle ungekannte Allianzen schmiedeten und ein sagenhaftes Tempo anschlugen. Profis von Ineos, Deceuninck-Quickstep und der deutschen Equipe Bora-hansgrohe wechselten, als das Feld zersplitterte, gemeinsam in den Vollgas-Modus. Es wirkte wie ein 30 Kilometer langes Teamzeitfahren, nur dass das Team 28 Fahrer groß war und die Rennfahrer verschiedenfarbige Trikots trugen. Zum Leidwesen einiger Klassementfahrer, deren Hoffnungen auf das Podium oder gar den Sieg in Paris zunächst einmal vom Winde verweht wurden.

          Tour de France


          Die Franzosen berauschen sich zwar weiterhin an Julian Alaphilippe, der gar nicht daran denkt, sich das Gelbe Trikot abspenstig machen zu lassen. „Ich bin in der Form meines Lebens. Das ist ein Gefühl, als ob etwas Unnormales passiert. Ich werde versuchen, das Maillot Jaune so lange wie möglich zu tragen. Ich weiß aber, dass ich die Tour nicht gewinnen kann“, sagt der Radsportliebling der Grande Nation.

          Leidtragender der Entwicklungen am Montag war aber jener Franzose, dem der erste Gesamtsieg der Tour de France seit Bernard Hinault 1985 zugetraut wird. Mit 1:40 Minuten Rückstand kam Thibaut Pinot in Albi an – ein sehr hoher Preis für eine windige Unaufmerksamkeit von ihm und seinem Team Groupama-FDJ. Mit Jakob Fuglsang (Astana), einem der erfolgreichsten Profis dieser Saison, Rigobert Uran (EF Education) und Richie Porte (Trek-Segafredo) erlitten noch drei weitere Mitfavoriten jenen 1:40-Schaden. Der seine Wirkung im Klassement entfaltet und schwer zu verarbeitende Spuren in den Köpfen hinterlassen dürfte.

          „Da beginnt die Tour für mich so richtig“

          Der Australier Porte ist auf dem Weg, zum Dauerpechvogel der Tour de France zu werden. In den beiden Jahren zuvor war für den Hochambitionierten jeweils auf der neunten Etappe nach schweren Stürzen Schluss. In diesem Jahr wurde nach der neunten Etappe augenzwinkernd einiges Aufhebens darum gemacht, dass Porte weiter im Rennen ist – und dann erfolgt der Tiefschlag auf Teilstück zehn. „Es saßen ja einige Klassement-Jungs in meinem Boot. Für uns gilt nun: Wir müssen etwas tun“, sagte Porte.

          Die sich nach der überwiegend flachen Etappe an diesem Mittwoch nach Toulouse vor den Lenkern auftürmenden Pyrenäen sind geeignetes Terrain dafür. „Da beginnt die Tour für mich so richtig“, sagt Bergfahrer Buchmann. Das klang nicht wie eine Kampfansage – Kampfansagen gehören nicht zum Repertoire des stillen Schwaben. Aber es war Ausdruck eines vor der Tour schon großen und während der Tour noch mal gewachsenen Selbstvertrauens. Der Wind blies ihn vorwärts auf Rang fünf mit nur 1:45 Minuten Rückstand auf Alaphilippe (aber nur 33 Sekunden hinter Titelverteidiger Geraint Thomas). Eine Ausgangslage wie gemalt vor den schweren Bergprüfungen in den Pyrenäen und dann in der dritten Tour-Woche in den Alpen.

          Stiller Schwabe: keine Kampfansage von Buchmann, aber eine gute Position
          Stiller Schwabe: keine Kampfansage von Buchmann, aber eine gute Position : Bild: dpa

          Zumal sich das ganze Team Bora-hansgrohe bislang voll auf der Höhe präsentiert. Die Raublinger haben eine starke Präsenz im Feld, und ihr Star Peter Sagan scheint auf dem Weg zum Rekordgewinn – sieben Mal Träger des Grünen Trikots auf den Champs-Elysées – nicht aufzuhalten. Und was Buchmann angeht: Sogar Geraint Thomas hat sich von den Leistungen seines deutschen Konkurrenten beeindruckt gezeigt. „Er fährt eine herausragende Saison, hat sich gewaltig entwickelt. Er ist sicher zu beachten, weil er so dicht an uns dran ist“, sagte der Waliser am Montag.

          Thomas und Bernal auf zwei und drei

          Dennoch spricht viel dafür, dass die altbekannte Frage, wer denn das Team Ineos aufhalten kann, in Kürze wieder zum Standardprogramm der Tour gehören wird. Die Kapitäne der britischen Radsport-Großmacht, Thomas und Egan Bernal, haben sich – nur vier Sekunden voneinander getrennt – schon auf Rang zwei und drei eingenistet. Sie wirken, als ob alles nach Plan liefe. Dass sie nach zehn Etappen genau dort plaziert sind, wo sie sein wollen. Ohne den Stress der Mehrarbeit, wenn man schon jetzt das Gelbe Trikot verteidigen müsste. „Es fühlt sich an, als hätten wir ein Tor erzielt“, sagt Ineos-Chef Dave Brailsford. Und Thomas ergänzt unmissverständlich: „Wir haben ein Ziel, nur dieses eine.“

          Die Briten haben viele Trümpfe in der Hand. Einer ist das einzige Einzelzeitfahren dieser Großen Schleife an diesem Freitag in Pau. Wenn Thomas, ein ausgesprochener Spezialist im Kampf gegen die Uhr, dort die starken Eindrücke der ersten Tour-Hälfte bestätigt, dürfte sein Vorsprung vor anderen Klassementfahrern weiter anwachsen. Und ein paar Minuten nimmt dem auf allen Terrains herausragend besetzten Team Ineos niemand so leicht ab. Die Grundlagen zum siebten Tour-Triumph in acht Jahren sind jedenfalls gelegt. Auch wenn das vielen nicht gefällt.

          Umso mehr gefällt sich das niederländische Team Jumbo-Visma in der Rolle des gelben Blitzes, der im Peloton eingeschlagen hat. Die sympathische Formation hat der Tour bislang ihren Stempel aufgedrückt. Vier Tagessiege nach zehn Etappen sind ein starkes Stück. Zumal niemand weiß, wer als Nächstes zuschlägt. Am Montag war es der Tour-Neuling und dreimalige Weltmeister im Radcross Wout van Aert, der die Sprintelite düpierte. „Das ist das Größte“, sagte der Belgier. „Das ist erst mein zehnter Tag bei diesem Rennen.“ Und die andere Hälfte der Tour kommt ja erst noch.

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