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Tour de France : Sucht bleibt Sucht

Tour-de-France-Peloton: Das Spitzenfeld ein Spritzenfeld? Bild: Jan Bazing

Doping gehört immer noch zum Radsport wie die Hefe in die Brioche. Wer von einer echten Läuterung spricht, der irrt – oder will es einfach nicht wissen. Ein kleiner Beipackzettel für allzu sorglose Tour-Betrachter.

          Ach, wir können es schon nicht mehr hören. Aber wir müssen wohl. Wir lassen diese ewig lange, beklagenswerte Prozession von Dopern vor unserem geistigen Auge vorüberradeln, Jan Ullrich, Lance Armstrong und all die vielen anderen, die aus dem Heldenhimmel gestürzt sind wie Ikarus, und rufen: Hinfort mit euch! Wir möchten jetzt die 102. Tour de France genießen, die gerade am Wochenende erst in Utrecht losging.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Wir wollen uns erinnern an die langen, trägen Fernsehübertragungen, die rauschhaften Sommer in Magenta. Als es der Nation gelungen war, eine Grundtatsache des Radsports vollkommen zu verdrängen: Dass, solange Radrennen gefahren werden wie die Tour und ihre Anverwandten, dort auch gedopt wird. Doch wir wurden eines Tages schmerzlich daran erinnert: Es gehört dazu wie die Hefe in die Brioche.

          Es wird weiter gedopt

          Und das wird immer so sein. Darum hilft es nichts, jetzt die Augen zu verschließen. Die Läuterungs-Pose, die der Radsport-Weltverband UCI nach einem Machtwechsel an der Spitze eingenommen hat, ist mehr dem Selbsterhaltungstrieb geschuldet als der allgemeinen Überzeugung, man könnte auf pharmazie-unabhängige Weise erfolgreich sein. Den Beweis, dass es sich beim sauberen Neuanfang um eine Illusion handelt, hat der Weltverband im März sogar selbst geliefert mit seinem 227 Seiten langen Bericht der „Cycling Independent Reform Commission“, der sich auch ausführlich mit der aktuellen Lage beschäftigt und zu dem Schluss kommt: Es wird weiter gedopt. Nicht mehr so wirksam wie während der Epo-Orgien der vergangenen beiden Jahrzehnte. Aber dafür von der Elite um so raffinierter.

          Die Kern-Elemente sind unverändert: Es geht um die Erhöhung der Sauerstoff-Aufnahme des Blutes, um Muskelwachstum und um eine schnellere Regeneration. Wenn man davon ausgeht, dass vor der Reue und Umkehr ein Bekenntnis stehen muss, war diese Bestandsaufnahme unumgänglich. Und doch hat das Panorama, das auf Aussagen von 174 Personen aus dem Radsport beruht, unerwünschte Nebenwirkungen.

          Doper vergangener Tage: Lance Armstrong und Jan Ullrich

          Es legt den Eindruck nahe, dass in dem Feld, in dem unzählige Fachkräfte von gestern tätig sind, der Glaube an den Zaubertrank weiter besteht. Die Methoden werden eher an die neue Lage angepasst. Ein potentiell sauberer Nachwuchsfahrer, der den Bericht liest, bräuchte schon eine große Portion Naivität, um nicht in Zweifel zu geraten. „Es ist wünschenswert, aber doch sehr unwahrscheinlich, dass im Radsport nicht mehr zu unlauteren Mitteln gegriffen wird.“ So formuliert es der Kölner Anti-Doping-Experte Mario Thevis. Ein genaues Bild über den Umfang der aktuellen Betrügereien kann sich der Biochemiker nicht machen, weil ihm die Mittel fehlen, ihn zu messen.

          „Da nicht alle verbotenen Mittel und Methoden vollumfänglich mit Hilfe der Doping-Kontrollen und -Analysen zu erfassen sind, kann das Ausmaß des Doping-Problems nicht genauer bestimmt werden.“ Das heißt: Es gibt unzählige Möglichkeiten, künstlich die Leistung zu steigern, mit denen man nicht auffliegen kann. „Die Anzahl an potentiellen ,Optionen‘ für betrügerische Athleten steigt zusehends“, sagt Thevis.

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