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Tony Martin bei Rad-Spektakel : Der Polizist der Tour de France

  • -Aktualisiert am

Vater der Kompanie: Nicht nur bei seinen Teamkollegen genießt Tony Martin (rechts) viel Respekt. Bild: Augenklick/Roth

Vom Tempomacher zum Wortführer: Beim Auftakt der Frankreich-Rundfahrt handelt der deutsche Radprofi Tony Martin einen Waffenstillstand aus – zum Wohl seiner Kollegen.

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          Tony Martin ist gelernter Polizist. Den Verkehr auf einer Kreuzung zu regeln gehörte zu seinem Ausbildungsprogramm damals, als die Uniformen hierzulande noch grün waren. Was die Polizei hingegen nicht lehrt: Ein Peloton auf französischen Landstraßen komplett einzubremsen, 176 in Topform befindliche, in Frankreich auf der größten Bühne zu allem entschlossene Radrennfahrer davon abzuhalten, wofür sie angereist sind – Radrennen fahren. Zumindest zeitweise hatte der deutsche Profi etwa am Samstag bei der Tour de France die Lizenz zum Verlangsamen.

          Es hatte etwas Ikonisches, als Martin sich an der Spitze des Feldes auf seinem Rad aufrichtete und die Arme ausbreitete, als wollte er mitsamt seines Drahtesels zum Flug ansetzen. Doch ganz im Gegenteil: Der 35-Jährige wollte den Blindflug mitsamt dem hohem Blutzoll stoppen, in dem sich das Fahrerfeld in der außergewöhnlichen Auftaktetappe rund um das verregnete Nizza befand. Hätte Martin ein Megaphon zur Hand gehabt, er hätte vermutlich in mehreren Sprachen „ruhig bleiben“, „Piano“ hineingerufen. Die Sturzflut vom Himmel über der Côte d’Azur hatte, mitunter vermengt mit Öl, die Straßen in glitschig-schmierige Pisten verwandelt und eine Sturzflut im Peloton ausgelöst. Die Liste der zu Boden gegangenen und verwundeten Profis war lang beim Sprintsieg des Norwegers Alexander Kristoff (Team UAE).

          Plötzlich Chefdiplomat

          Martin sah im Rennen die Zeit gekommen, zu handeln und seine Rolle zu wechseln. Vom Tempomacher zum Wortführer bis hin zum Chefdiplomaten des Fahrerfelds, als er sich mit diversen Profis verschiedener Teams austauschte und quasi einen Waffenstillstand bis zum Rennfinale aushandelte. „Im Prinzip hatten wir keine Chance, ein relativ sicheres und verantwortungsvolles Rennen zu fahren. Alle wollten gern neutralisieren, aber keiner machte den ersten Schritt. Ich habe dann die Initiative ergriffen“, sagte der in Cottbus geborene und in Eschborn aufgewachsene Profi, der seine zwölfte Frankreich-Rundfahrt fährt und an diesem Montag in die dritte Etappe der Tour von Nizza nach Sisteron geht – niemand im Peloton hat mehr Erfahrung in diesem für die Fahrer stressigsten aller Rennen.

          Der viermalige Zeitfahr-Weltmeister handelte nicht als Patron des Pelotons, diese Spezies ist seit den unrühmlichen Tagen von Lance Armstrong quasi ausgestorben. Hinault, Merckx, später auch mal Cancellara – das waren beispielsweise Profis mit solch ellenlanger Erfolgsliste, die qua ihrer Wirkmacht besonderen Einfluss im Rennen geltend machen konnten. Martins Autorität gründete auf dem Respekt, den er in der Szene genießt aufgrund seiner vergangenen Erfolge und seiner nimmermüden Helferdienste im Wind für seine Equipe Jumbo-Visma. Martin handelte also nicht als Patron, zumal ihm als eher stillen Zeitgenossen die große Geste und machtvolles Gehabe von Natur aus abgehen. Martin handelte mit kühlem Kopf zuvorderst als sogenannter „Road Captain“.

          Die 21 Etappen der 107. Tour de France.
          Die 21 Etappen der 107. Tour de France. : Bild: F.A.Z.

          Eine Rolle in den Mannschaften, welche die Teamleitungen besonders erfahrenen, umsichtigen und strategisch denkenden Fahrern übertragen. Es gilt, dem Erfolg der Teamkollegen Vorschub zu leisten, aber auch für deren Sicherheit zu sorgen. In seinem starken niederländischen Team, das mit dem Slowenen Primoz Roglic einen Topfavoriten auf den diesjährigen Tour-Sieg beherbergt, ist Martin so etwas wie der Vater der Kompanie, dem enorme Wertschätzung entgegengebracht wird.

          Viel Kommunikationsarbeit

          Bei der mit deutscher Lizenz radelnden Mannschaft Sunweb ist Nikias Arndt der Road Captain. Für den 28-Jährigen bedeutet die Rolle, als Schnittschnelle zwischen den Sportlichen Leitern in den Begleitfahrzeugen und den Profis auf dem Rad zu fungieren. Es sei viel Kommunikationsarbeit gefragt, deren Ergebnisse er bündele und versuche, zu einem klaren Bild vom Rennen, dem Befinden seiner Teamkollegen und den von den Konkurrenten ausgehenden Signalen zusammenzusetzen. „Gerade wenn es im Rennen zur Sache geht und es keine Zeit zum Austausch mit den Sportlichen Leitern gibt, trage ich viel Verantwortung“, sagt Arndt.

          Ein Road Captain braucht nicht nur detaillierte Streckenkenntnis, sondern auch einen Instinkt dafür, wenn und wann sich die Ausreißergruppe des Tages formiert. Um seine Teamgefährten im Peloton rechtzeitig richtig zu plazieren. Dies ist besonders bei Sunweb in diesem Jahr elementar, da die Mannschaft ohne Ambitionen in der Gesamtwertung unterwegs ist, dafür aber angriffslustig auf Etappenjagd gehen will. Arndt muss blitzschnell und weitsichtig reagieren auf die Zusammensetzung der Fluchtgruppen. Denn je nachdem, welche Fahrertypen sich unter den Ausreißern befinden, schickt er denjenigen der Seinigen hinterher, der in dieser Konstellation im Rennfinale dann auch eine reelle Siegchance hat.

          Bei den kommenden Etappen wird es für Arndt auch darauf ankommen, sein Team an neuralgischen Punkten an möglichem Ungemach vorbeizulotsen. „Bei einem Richtungswechsel, also beispielsweise wenn die Strecke nicht mehr gen Norden, sondern gen Westen führt, herrscht aus Angst vor Windkanten besonders große Nervosität im Feld“, so der Norddeutsche. Beim Tour-Auftakt vermochte Arndt aber nicht mal mehr sich selbst zu schützen. Auch er ging zu Boden und trug Schürfwunden davon. Ehe der Tour-Polizist Tony Martin das Peloton zur Vernunft brachte.

          Tour de France

          Die Vernunft ist eine Scheibe

           War das glatt am Samstag in und um Nizza herum. Wasser und Öl verbindet sich auf Asphalt zu Seife, haben wir gelernt. Wer soll sich da noch halten auf zwei Reifchen? Die Vernünftigen! Eine Tour wird nicht am ersten Tag gewonnen. Man kann sie aber schon Monate vorher verlieren. Die Strategen des Teams Ineos wissen das: sieben Siege in acht Jahren. Sie berechnen ihren Erfolg mit einer Goldwaage. Bloß nicht das Minimalgewicht für den Kohlefaseresel von 6,8 Kilogramm überschreiten. 3470 Tour-Kilometer, 29 Bergfahrten, es kommt auf jedes Gramm an, weil es um Sekunden geht. Und so hat Ineos, neben drei anderen Teams unter den 22, auf Scheibenbremsen verzichtet. Sie wiegen ein paar hundert Gramm mehr als die gute alte Felgenklammer. Ja, es sind auch viele Scheibenbremsenfahrer gestürzt. Aber die beiden Ineos-Pedaleure hätten eine größere Chance gehabt, ihren Crash zu vermeiden: Scheibenbremsen packen im Regen schneller, sind dosierbarer, verkürzen den Bremsweg – und verlängern im Zweifel das Überleben im Peloton. (ahe.)

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