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Tour de France : Showdown an der Planke der schönen Mädchen

  • -Aktualisiert am

Eine Sternstunde der Tour: Im Zeifahren 1989 machte Greg LeMond mehr als 50 Sekunden auf Laurent Fignon und gewann das Gelbe Trikot. Bild: Picture-Alliance

Kann Roglic die Tour de France für sich entscheiden? Im Zeitfahren muss der Slowene 57 Sekunden Vorsprung verteidigen. Doch die Vergangenheit zeigt, auch das ging schon mal schief.

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          Wäre die Tour de France ein Fußballspiel, so ginge sie an diesem Samstag in die 90. Minute. Nur noch ein 36,5 Kilometer langes Zeitfahren und eine Triumphfahrt nach Paris am Sonntag trennen den 30 Jahre alten Slowenen Primoz Roglic von seinem ersten Sieg beim wichtigsten Radrennen der Welt. Roglic hat in den Bergen 57 Sekunden Vorsprung vor seinem Landsmann und ärgsten Verfolger Tadej Pogacar herausgefahren, dank der überlegenen Klasse seiner Mannschaft, die ihn nun schon fast drei Wochen durch alle Widrigkeiten und lauernde Gefahren eskortierte.

          Die ihn die Anstiege hinauf und die Abfahrten hinunter trug wie ein rohes Ei, ein perfektes Team von Dienern, Butlern und Bodyguards. Und er hat diesen Vorsprung herausgefahren dank seiner eigenen Klasse, seinem explosiven Antritt in finalen Anstiegen, der ihn nur einmal, auf der 15. Etappe, kurz verließ, als er seinem jungen Herausforderer Pogacar den Vortritt lassen musste. Es war die einzige kleine Niederlage, die er einstecken musste, sie kostete ihn acht Sekunden, das war zu verschmerzen. Die Hoffnung von Pogacar, dass der Favorit in den Bergen verwundbar sei, trog. Roglic zeigte fortan keine Schwäche mehr.

          Ist damit der große Showdown, der schön gestrickte Plan der Streckenmacher dieser 107. Tour de France, an diesem Samstag nur noch Makulatur, ist das Einzelzeitfahren in den Vogesen nur noch ein Schaulaufen für Roglic? Es sind nur noch diese 36,5 Kilometer, die ihn vom Gesamtsieg trennen, diese 36,5 Kilometer hinauf La Planche des Belles Filles, hinauf zur Planke der schönen Mädchen, die dorthin, so erzählt es die Legende, während des Dreißigjährigen Krieges vor schwedischen Söldnern flohen. Ja, im Grunde ist die Sache entschieden. Roglics Vorsprung ist komfortabel. Und doch gibt es ein warnendes Beispiel für den Favoriten, eine Sternstunde in der Geschichte der Tour de France, in der eine ähnliche Ausgangslage zu einem unerwarteten und spektakulären Ende führte.

          Start in Versailles, Ziel in Paris

          Es war der 23. Juli 1989, als die Schlussetappe der Tour de France letztmals als Zeitfahren ausgetragen wurde. Start in Versailles, Ziel in Paris auf den Champs-Élysées. Streckenlänge 24,5 Kilometer. Bis dahin hatten die Fahrer 3260 Kilometer kreuz und quer durch Frankreich hinter sich gebracht, in Erinnerung bleiben sollten aber die nur letzten, die noch folgten. Der Franzose Laurent Fignon startete in Gelb mit 50 Sekunden Vorsprung vor dem Amerikaner Greg LeMond. Die Sache war entschieden, im Prinzip. Fignon verzichtete auf einen windschnittigen Helm und band sich die Haare zu einem Pferdeschwanz. LeMond ging mit Aerohelm und Triathlonlenker ins Rennen und fuhr Sekunde um Sekunde heraus. Je näher er Paris kam, desto näher kam er an Fignon heran. Als der Franzose die Gefahr erkannte und verzweifelt um jeden Meter kämpfte, war es zu spät. LeMond gewann das knappste Finale der Tour-Geschichte, gewann dieses Zeitfahren mit 58 Sekunden Vorsprung. Acht Sekunden lag er in der Endabrechnung dieser 76. Tour de France vor seinem französischen Konkurrenten.

          Knappste Niederlage der Tour de France: Laurent Fignon gibt den Sieg mit einem Abstand von acht Sekunden ab.
          Knappste Niederlage der Tour de France: Laurent Fignon gibt den Sieg mit einem Abstand von acht Sekunden ab. : Bild: Picture-Alliance

          Die Geschichte von damals dürfte Roglic als Warnung dienen. Und seinem Verfolger Pogacar als Hoffnungsschimmer, den Landsmann auf den letzten Drücker vielleicht doch noch überholen zu können und im Alter von nur 21 Jahren die Tour de France zu gewinnen. Auf Überheblichkeit und Fehler des führenden Gegners, wie damals bei Laurent Fignon, kann er freilich nicht hoffen. Heute fahren alle Profis vergleichbares Material auf höchstem technischem Niveau. Selbst der Verlauf von Nähten an Rennanzügen wird im Windkanal optimiert. Jedes Watt Leistung, das die Fahrer dadurch mehr auf die Straße bringen, ist den Teams und Ausrüstern gerade im Zeitfahren größten Aufwand wert.

          Was alles schief gehen kann

          Und doch kann viel passieren auf 36,5 Kilometern. Die völlige Konzentration unterwegs geht einher mit großem Bangen. Geht alles gut? Ein Platten, ein technischer Defekt, ein Versagen der elektronischen Schaltung, ein Rhythmusverlust, gar ein Sturz können alles zunichte machen. Ein solches Zeitfahren ist nicht nur eine Probe für die Muskeln, sondern auch für die Nerven. Roglic darf sich bei der Fahrt hinauf zu den schönen Mädchen nicht von der Versuchung verführen lassen, angesichts seines komfortablen Vorsprungs ein wenig vorsichtiger, ein wenig defensiver, ein wenig abwartend zu fahren – auch wenn Pogacar sagt, dass seine Hoffnung, dem Landsmann das Gelbe Trikot im Zeitfahren noch abnehmen zu können, so gut wie vorbei sei und er sich lieber darauf konzentrieren wolle, den zweiten Platz zu sichern. Aber was soll er auch sagen?

          Die Strecke in den Vogesen ist tückisch. Die ersten 15 Kilometer sind flach, da wird auf den Zeitfahrmaschinen in allerhöchstem Tempo gefahren. Dann geht es leicht bergan zum Col de la Chevestraye, bis dahin haben die Fahrer rund 320 Höhenmeter in den Beinen. Es folgen fünf flache Kilometer, und schließlich der sechs Kilometer lange Schlussanstieg mit bis zu 17 Prozent Steigung.

          Am Fuß des Anstiegs werden manche Fahrer ihre Zeitfahrmaschinen gegen berggängige Rennräder tauschen, die Regularien erlauben das. Pogacar hat schon angedeutet, dass er das Rad wechseln wird. Zu verlieren hat er nichts. „Wenn Primoz einen superschlechten Tag hat, habe ich vielleicht eine Chance“, sagt er.

          Tour de France

          Hausbesuch

          Sie haben viel Schweiß und einiges an Haut da draußen auf den Straßen gelassen. Und mancher auch ein Stück seiner Seele. 3326 Kilometer haben sich die Rennfahrer bei dieser besonders bergigen Tour abgestrampelt, läppische rund 160 fehlen noch an diesem Schlusswochenende. Bei denjenigen im Peloton, die am Sonntag in Paris nichts zu feiern haben werden – also die allermeisten – bricht sich gerade der Gedanke Bahn: nur nach Hause. Denn wer glaubt, dass Radsport einen Glamourfaktor hat, irrt. Die Hotels bei der Tour werden nach einem rollierenden Prinzip an die Teams vergeben. Jeder darf mal ins beste und muss mal ins schlechteste. Es sind miese Absteigen darunter. Muffiger Teppichboden, quietschende Betten, kaputte Aufzüge, so dass geschundene Radler rückwärts die Treppen hochgehen. Nur nach Hause! Zumindest kurz. Denn für nicht wenige im Tour-Tross geht es gleich weiter mit dem Giro d’Italia. Endlich mal wieder drei Wochen Radrennen fahren, 3580 Kilometer lang. Start ist von Paris aus in 13 Tagen. (west.)

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