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Tour de France : Seltsamer Fahrstil, verdächtige Resultate

  • -Aktualisiert am

Vorfahrer: Christopher Froome lässt beim Critérium du Dauphiné die Fahrer hinter sich - ein Fingerzeig für die Tour? Bild: AFP

Tour-Favorit Christopher Froome hat das Zeug zum Patron. Gegen seinen Kontrahenten Alberto Contador führt der Brite in dieser Saison bereits mit drei zu null. Doch der Doping-Diskussion kann auch er nicht enteilen.

          Der Fall ist eindeutig, jedenfalls nach den nackten Zahlen. 3:0 für Christopher Froome. Dreimal hat Froome in dieser Saison schon die Kräfte mit Alberto Contador gemessen, und dreimal schnitt der Brite besser ab als der Spanier. Ein kleiner Fingerzeig zumindest für die 100. Tour de France, wo ein Duell um das Gelbe Trikot zwischen Froome und dem Mann aus Pinto bei Madrid erwartet wird. Froome gilt als der aussichtsreichste Kandidat für das begehrteste Hemd der Tour, er verfügt im Team Sky über ein prächtig funktionierendes Ensemble. Und er hatte im Vorjahr, als Zweiter hinter seinem Kapitän Bradley Wiggins, bereits gezeigt, dass er das Zeug zu einem Patron hat.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Jetzt ist Froome zum Chef aufgestiegen; er hätte selbst dann diese Rolle übernommen, wenn Wiggins, körperlich angeschlagen und vermutlich auch ausgelaugt, nicht für die Jubiläums-Tour abgesagt hätte. Er sei nervös, aber zuversichtlich, ließ Froome unlängst wissen; es gibt im Prinzip auch keinen Grund für ihn, an sich zu zweifeln. Wie der Brite sich in den vergangenen Wochen auf dem Rad präsentiert hatte, wie souverän er zum Beispiel beim Critérium du Dauphiné siegte, machte ihn bereits zum Mann der Stunde im Profiradsport.

          Keine einzige positive Kontrolle

          Christopher Froome ist außerdem überzeugt, einen Qualitätssprung gemacht zu haben: „Ich habe jetzt viel größeres Zutrauen in meine Fähigkeiten.“ Obwohl mancher doch ziemlich erstaunt darüber ist, wie der Brite sich im Sattel verhält, wie er seine Rennmaschine beschleunigt. Dietrich Thurau etwa, einstiger deutscher Tour-Star, findet den Fahrstil von Froome eigenartig: „Seine Sitzposition ist so schlecht und unorthodox, dass ich mich als Fachmann schon wundere, wie das geht.“ Dass der Brite nun trotz seiner vielversprechenden Vorbereitung auch zu einer gewissen Vorsicht neigt, dass er von seinen Mitstreitern hohe Aufmerksamkeit vom ersten Kilometer an fordert, hat mit dem Terrain der Tour zu tun - auch auf Korsika. Immerhin weist schon die Ouvertüre der Tour einige Erhebungen auf, zumindest auf der zweiten und dritten Etappe. „Das Rennen wird auf Korsika nicht gewonnen, aber es kann hier verloren werden. Wir müssen uns aus jedem Trubel heraushalten“, sagte Froome.

          Hinterherfahrer: Alberto Contador (Mitte) sieht Froome (r.) bei der Dauphiné nur von hinten

          Das lässt sich auf dem Rad bewerkstelligen, in anderer Hinsicht ist das deutlich schwieriger - beim Thema Doping beispielsweise, dem auch Froome nicht entkommen kann. Gerade hat sich der Brite, nachdem er ins Gerede gekommen war, sehr verärgert gegeben. Und gleichzeitig kategorisch ausgeschlossen, dass es ihm eines Tages so ergehen könnte wie dem Texaner Lance Armstrong, der wegen Dopings aus der Ehrenliste der Tour gestrichen wurde. „Ich weiß, wie ich für meine Ergebnisse arbeite, und ich weiß, dass meine Ergebnisse in sechs, sieben Jahren nicht aberkannt werden“, sagte der Brite, in dessen Karriere es keine einzige positive Probe gab. Seine Aussage bezog sich auf Behauptungen von Antoine Vayer, der einst Trainer und Mediziner beim Team Festina war, das 1998 für einen der größten Doping-Skandale der Tour gesorgt hatte.

          Vayer deutete nun an, dass einige Resultate Froomes verdächtig seien; der Franzose hatte entsprechende Untersuchungen angestellt. „Es ist schwierig, nicht wütend über solche Berichte zu werden. Man hat das Gefühl, je besser wir unseren Job machen, desto mehr glauben die Leute, dass wir dopen“, sagte Froome. Und brach dazu eine Lanze für seine Branche. Der Radsport sei in der besten Situation seit zwanzig, dreißig Jahren. Nach den Enthüllungen in der Causa Armstrong lasse sich deutlich machen, „dass sich der Radsport verändert hat“.

          Vayer versuchte, auf wissenschaftlicher Basis zu ermitteln, mit welchem Antrieb Profis die letzte schwere Steigung einer Bergetappe bewältigen. Die Leistung der Rennfahrer wurde - im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht - in Watt gemessen. Werte über 410 Watt klassifizierte Vayer als verdächtig, über 430 Watt als wundersam und über 450 Watt als mutantenartig. Froome sortiert das „Radar“ von Vayer mit durchschnittlich 411 Watt ein - fragwürdig also. Am auffälligsten war Froome allerdings nicht bei der Tour, sondern bei der Spanien-Rundfahrt 2012; da ermittelte Vayer 433 Watt. Natürlich sind das keine wirklichen Belege für Doping, allenfalls Indizien. Vayer bat die Profis, deren Darbietungen er durchleuchtete, um Stellungnahmen; die meisten von ihnen reagierten nicht. Das britische Team Sky antwortete immerhin - und betonte, dass der Rennstall der reinen Lehre des Radsports folge und seine Fahrer beweisen würden, dass man „sauber“ gewinnen könne. Und damit auch Froome.

          Nichts gefunden beim Rest des Teams

          Der 28 Jahre alte Profi, als Sohn einer Kenianerin und eines Briten in Nairobi geboren, hatte 2008 mit dem Team Barloworld erstmals an der Tour de France teilgenommen. Und just in diesem Jahr war die Equipe ins Visier der Doping-Jäger geraten. Gendarmen einer Spezialeinheit der französischen Polizei durchsuchten das Teamhotel in Tarbes, nachdem Barloworld-Fahrer Moises Nevado Duenas positiv auf das Blutdopingmittel Epo getestet worden war. Die Beamten entdeckten im Gepäck des Spaniers verbotene Substanzen; beim Rest des Teams fanden sie nichts. Ende 2009 schloss Froome sich dem Team Sky an, wo Bobby Julich sich als Coach um ihn kümmerte. Nachdem Julich im Oktober 2012 zugab, in den Jahren 1996 bis 1998 als Profi bei Motorola und Cofidis mit Epo gedopt zu haben, musste der Amerikaner die Mannschaft verlassen, wie die ebenfalls geständigen Sportlichen Leiter Steven de Jongh und Sean Yates.

          Aber mit Froome, der sich jetzt als nächster Brite mit Gelb bei der Tour schmücken möchte, soll das alles ja nichts zu tun haben.

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