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Tour de France : Carapaz und der Schwanentrick

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Oje oje, es tut so weh: Richard Carapaz (l.) lässt sich von Tadej Pogacar (r.) und Jonas Vingegaard ziehen. Bild: AP

Mit der Mitleidstour versucht es Carapaz beim Bergfahren, doch sein Schauspielern bei der Tour nutzt nichts. Pogacar kontert erst dessen Antritt und dann, ebenso trocken, die gesamte Aufführung.

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          Niemand stirbt schöner als ein Schwan. Außer Richard Carapaz. Was der 28 Jahre alte Radprofi aus Tulcán, Ecuador, im Schlussstück der 17. Etappe, der härtesten dieser Tour de France, dem Publikum als Darstellungskünstler bot, übertraf fast noch das, was er als Sportler leistete, und das war nicht wenig. Die 17. Etappe war eine jener Zumutungen, die sich nur die Streckenplaner der großen Rundfahrten einfallen lassen, bei der Italien- und der Spanien-Rundfahrt und natürlich bei der Tour de France, die ihren Mythos solch zweifelhaften Sensationen verdankt.

          Diese Etappe jedenfalls war das Musterbeispiel einer auf die Spitze getriebenen Bergprüfung. Sie führte in den Pyrenäen über 178,4 Kilometer von Muret zum Col du Portet. Die Schinderei begann bei Kilometer 120 am Col de Peyresourde, einem klassischen Pyrenäen-Anstieg der ersten Kategorie, 13,2 Kilometer lang und im Durchschnitt sieben Prozent steil.

          Da radelte Carapaz noch munter mit, gut gelaunt und froh seines Rennfahrerlebens. Weil sein Team, die stolzen, über Jahre erfolgsverwöhnten Ineos-Grenadiers aus Britannien, bei den vergangenen 16 Etappen nicht ein einziges Mal gewonnen hatte (was in Verbindung mit dem verlorenen Fußball-Finale umso bitterer war), war sein Auftrag klar: Diese Etappe musste er gewinnen, egal wie. Als Vierter der Gesamtwertung sollte er dazu in der Lage sein. Auch am zweiten Berg, dem Col de Val Louron-Azet, 7,4 Kilometer lang und im Durchschnitt 8,3 Prozent steil, machte Carapaz noch eine rundum gute Figur. Ein Mann, zu allem entschlossen, stark und schnell, wunderbar unterstützt von seinem Team, das ihn auch diese Steigung hinauftrug wie den kommenden König der Berge, auf dass er dann am dritten Anstieg seinen Job erledige.

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          Dieser Anstieg, der Col du Portet, allerdings ist kein normaler Berg, sondern ein steinernes Ungeheuer. 16 Kilometer geht es bergauf, 8,7 Prozent beträgt die Steigung im Durchschnitt. Das wäre vielleicht gerade noch im Rahmen dessen, was man einem Radprofi zumuten sollte, das Dumme nur war, dass Tadej Pogacar mit um die Wette fuhr. Und da verliert sich schnell der letzte Funke Spaß im Straßengraben.

          Der Mann in Gelb nämlich hat irgendwie ein anderes Verhältnis zu Bergen. Er fährt sie entspannt hoch, in einem absurd hohen Tempo, egal wie steil sie sind. Als er acht Kilometer vor dem Gipfel antrat und die meisten Konkurrenten in einem Zustand vollkommener Verzweiflung zurückließ, fand er nur noch zwei Fahrer an seinem Hinterrad: den jungen Dänen Jonas Vingegaard – und Richard Carapaz. Und nun starb der Ecuadorianer einen sehr langsamen, sehr schmerzhaften Tod. Die beiden anderen machten vorne die Arbeit, versuchten manchmal wegzufahren, Carapaz hielt mit schmerzverzerrtem Gesicht in einem sichtbar jämmerlichen Zustand immer nur mit letzter Kraft den Anschluss. Man hätte den Krankenwagen heranwinken wollen, um ihn mit Sauerstoff zu versorgen, aber er fuhr einfach immer weiter. Sogar die Fernsehkommentatoren, sonst nicht zu Mitleid neigend, sorgten sich um ihn. Der arme Kerl. Am Ende seiner Kräfte.

          Niemand stirbt schöner als ein Schwan. Außer Richard Carapaz. Ganz oben, auf rund 2200 Meter Höhe, knapp vor dem Ziel erwachte der Ecuadorianer plötzlich zum Leben. Dem Nahtod entkommen, schoss er mit mächtigem Antritt an Pogacar und Vingegaard vorbei. War alles nur Bluff gewesen. Quasi Mitleidstour.

          Alle Grimassen haben aber nichts genutzt. Pogacar konterte erst den Antritt des Schauspieltalents und dann, ebenso trocken, dessen gesamte Aufführung. Natürlich, sagte er, habe er gewusst, dass Carapaz bluffe. Muss er also noch ein bisschen üben, der Ecuadorianer. Entweder Bergfahren oder Schauspielern. Bergfahren wäre wahrscheinlich die bessere Wahl. Erfunden hat der Ecuadorianer Carapaz den Schwanentrick im Übrigen nicht.

          Er ist so alt wie der Radsport selbst. Eine der besten Aufführungen hat ausgerechnet der Texaner Lance Armstrong geboten, den sich Carapaz womöglich zum Vorbild nahm. Ausgerechnet Armstrong, der Mann mit der eisernen Maske, der sonst nie eine Miene verzog, gab bei der Tour 2001 den toten Schwan. Am Anstieg zum Col de la Madeleine fiel er ans Ende der Führungsgruppe zurück, verschwitzt, leidend, mit verzerrtem Gesicht. Der gutgläubige Jan Ullrich ließ seine Helfer Tempo fahren, sah sich schon als Triumphator im Ziel, doch als es im Finale die Rampen hinauf zur Alpe d’Huez ging, jagte Armstrong in gewohnter Frische auf und davon.

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