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Die Kunst des Sprintens : Voll Stoff bei der Tour de France

  • -Aktualisiert am

Der unerschütterliche Wille zum Sieg steht den Sprinter ins Gesicht geschrieben. Bild: dpa

Der letzte Kilometer auf den Etappen der Tour ist oft ein schmaler Grat zwischen Rückgrat und Rücksichtslosigkeit. Die Deutschen Sprinter beklagen fehlenden Respekt – und sind in diesem Jahr wohl chancenlos.

          Ein Sprint bei der Tour de France wird auch mit den Ohren entschieden. In der Kampfzone auf dem letzten Kilometer gilt es für die schnellen Männer, aus dem Wust an Geräuschen das wichtige und vor allem das richtige herauszufiltern. „Die Zuschauer, die einen halben Meter neben dir hinter der Bande stehen, schreien. Aus dem Teamfahrzeug wird via Funk direkt aufs Ohr gerufen, wir Fahrer schreien uns Kommandos zu. Dazu kommen die Windgeräusche bei Tempo 60 und mehr“, erzählt Roger Kluge, deutscher Profi in Diensten der belgischen Equipe Lotto-Soudal. Stress pur also. Zumal bei der Tour, wo mit einem einzigen Etappensieg quasi eine ganze Saison für das Team gerettet und Geldgeber gnädig gestimmt werden können. „Da werden im Finale schon so manche Türen brutal zugeschlagen. Da wird sich durchgequetscht, wo eigentlich keine Lücke ist. Ich hoffe noch immer auf den gesunden Menschenverstand“, sagt der Berliner Kluge. Es ist ein schmaler Grat im Peloton zwischen Rückgrat und Rücksichtslosigkeit.

          Kluge gehört in seinem Team zu den Anfahrern für Topsprinter Caleb Ewan. Der Job des 33-Jährigen ist es, als Lotse dem Australier den Weg durch die verbissen geführten Positionskämpfe im Feld in die Spitze zu bahnen. Im richtigen Moment. Denn wer an Schlüsselstellen wie der letzten Kurve vor der Zielgerade nicht in Position ist, hat schon verloren. Oder muss bei der verspäteten Hast durch die rasende Ellbogengesellschaft nach vorne zu viel Energie aufwenden, die dann im Spurt Mann gegen Mann um den Sieg fehlt. An diesem Freitag wird es auf der 230 Kilometer langen Etappe von Belfort nach Chalon-sur-Saône voraussichtlich die nächste Chance für die schnellen Jungs geben. Während einer Tour 2019, welche mit ihrem fast durchgängig welligen bis bergigen Profil die Sprinter stiefmütterlich behandelt. Dann gilt es wieder: Sehen, entscheiden, handeln in Sekundenbruchteilen – bei einschießendem Adrenalin und rund 1000 Watt auf den Pedalen.

          Der Druck auf Ewan, den Kluge beim Giro im Mai zu zwei Tagessiegen führte, der aber bei der Tour bislang leer ausging, ist enorm gestiegen. Es gehe immer früher los mit dem Geschacher um die Positionen. 20 Kilometer vor dem Ziel, mitunter sogar schon 50 Kilometer, so Kluge, der nach fünfjähriger Pause seine dritte Frankreich-Rundfahrt bestreitet und als aktueller Bahnrad-Weltmeister eine außergewöhnliche Erscheinung im Peloton ist. „Im fortgeschrittenen Alter mit eigener Familie zu Hause fällt es mir schwerer, voll reinzuhalten“, sagt der Domestike.

          Tour de France

          Die Tour ist die Härte, Sprints bei der Tour sind brutal. Sie sind in diesem Jahr besonders turbulent, weil die Teams kaum richtige Sprintzüge aufbauen. Die Teamchefs haben ihre Teams mehr nach Kletterfähigkeiten denn nach Endschnelligkeit nominiert. Könner wie Mark Cavendish und Fernando Gaviria sind beispielsweise zu Hause gelassen worden. Ewan, Dylan Groenewegen (Jumbo-Visma) und Elia Viviani (Deceuninck-Quickstep) sind nun die einzigen Topsprinter im Feld mit eigener Entourage im Finale. So versuchen in diesem Jahr auch diverse Einzelkämpfer ihr Glück auf den letzten Metern. Dazu kommen die Teams der Favoriten, die ebenfalls nach vorne drängen, um ihre Kapitäne aus der vermeintlichen Sturzzone weiter hinten im Feld herauszuhalten.

          „Der Respekt untereinander ist geringer geworden. Am Ende muss man bei einem solchen Sprint froh sein, dass man auf dem Rad geblieben ist“, sagte André Greipel in Nancy. Und wirkte dabei ernüchtert und desillusioniert. Er steht symbolisch dafür, dass der Sprint in diesem Jahr keine deutsche Domäne mehr ist. Ohne Punch und ohne Unterstützung seines Teams, des französischen Zweitdivisionärs Arkea-Samsic, ist Greipel nur noch eine Randfigur. Und vermutlich auf Abschiedstour von der Frankreich-Rundfahrt, bei der der 36-Jährige elf Tagessiege erreichte. Ewan, der Greipels jahrelangen Sprinterplatz bei Lotto-Soudal eingenommen hat, wiegt etwa 65 Kilogramm, der deutsche Veteran dagegen 83. „Es hat sich von den Sprintertypen her viel verändert, es hat sich in Richtung kleinere und aerodynamischere Fahrer entwickelt. So Dicke wie ich, welche die Berge nicht hochkommen, gibt es kaum noch“, sagt Greipel.

          Peter Sagan ist das beste Beispiel eines Allrounders mit enormer Sprintfähigkeit. Der Slowake gewann das Teilstück am Mittwoch in Colmar souverän. Auf seine Art – ohne Sprintzug. Sagan will von seinen Kameraden nur bis 800 bis 1000 Meter vor dem Ziel eskortiert werden und dann sein eigenes Ding machen. Dank seiner Steuerkunst und seines Instinkts, an welchem Hinterrad die Sprint-Sterne des Tages günstig stehen, kommt er auf verschlungenen Pfaden immer weit vorne an. „Man braucht Geduld, dann kommt auch der Sieg“, sagt Sagan, der auf dem besten Weg ist, zum siebten Mal in Serie im Grünen Trikot des besten Sprinters in Paris einzufahren. Sagans Stil bringt den Vorteil mit sich, im Lärm auf der Zielgeraden die Ohren auf Durchzug schalten zu können. „Es kommt bei dem ganzen Geschreie auch mal zu Missverständnissen“, erzählt Kluge. „Da kann man schon mal ,no‘ verstehen, obwohl ,go‘ gemeint war.“

          Tour de France

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