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Tour de France : Buchmanns Glanzstück am Tourmalet

  • -Aktualisiert am

Emanuel Buchmann (vorne) und Thibaut Pinot (Zweiter von vorne) bei der Tour de France Bild: Reuters

Bei der Fahrt auf den berüchtigten Tourmalet ist Thibaut Pinot am Schnellsten. Zweiter wird ebenfalls ein Franzose, der das Gelbe Trikot behält. Emanuel Buchmann landet nach einer starken Leistung auf Platz vier.

          Die Tour de France 2019 ist dreizehn Etappen lang ein Maskenball gewesen. Die Favoriten hielten sich bedeckt, geschützt von ihren Vasallen, gesteuert von ihren Bossen in den Begleitfahrzeugen. Sich aus Sturzzonen heraushalten, vorne fahren, den Überblick behalten, Ausreißer kontrollieren – und warten. Warten auf die entscheidenden Tage im Hochgebirge. Der erste dieser Tage stand am Samstag in den Pyrenäen auf dem Programm der 106. Frankreichrundfahrt. Start in Tarbes, 117 Kilometer mit einer Bergankunft auf dem 2115 Meter hohen Tourmalet, einem Urgestein der Frankreich-Rundfahrt, das den Tour-Fahrern nun schon zum 82. Mal im Wege stand. Es war die kürzeste Etappe in diesem Jahr, aber kurz oder lang, das spielte nicht die entscheidende Rolle. Die entscheidende Rolle spielte der Schlussanstieg. Die 19 Kilometer lange Auffahrt zum Tourmalet hat die unangenehme Eigenschaft, nach oben hin immer steiler zu werden.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Rund zehn Prozent beträgt die Steigung auf den letzten drei Kilometern. Als die Masken schließlich gefallen waren auf dem Weg hinauf zum legendären Gipfel vor zehntausenden Zuschauern, stand fest: Die Tour de France ist so offen wie nie zuvor in den vergangenen Jahren. Sie hat einen Mann in Gelb, der rätselhaft schnell ist. Und es gibt wieder einen deutschen Weltklasse-Rundfahrer: Emanuel Buchmann, einen Profi, der in Paris aufs Treppchen fahren kann, der im Hochgebirge mit den Besten der Welt mithalten kann. Der Schwabe fuhr auf dem Tourmalet beim Sieg des Franzosen Thibaut Pinot als fabelhafter Vierter über die Ziellinie und rückte in der Gesamtwertung auf Platz fünf vor. Sein Rückstand auf Alaphilippe in der Gesamtwertung: 3:12 Minuten. „Ich habe mich den ganzen Tag gut gefühlt und bin optimistisch für die nächsten Tage.“, sagte Buchmann nach dem Rennen.

          „Ich weiß, wie hart ich gearbeitet habe“

          Es war ein französischer Feier-Tag, diese 14. Etappe, und er könnte künftig als Tag gelten, der eine Zeitenwende im Spitzenradsport angekündigt hat, das Ende der bleiernen Zeit bei der Tour de France, das Ende der erdrückenden Dominanz des Teams Ineos, das jahrelang als Sky firmierte. Der Erfolg des Bergspezialisten Pinot, der aus einer sechsköpfigen Spitzengruppe heraus zum Sieg sprang, war nicht einmal das Aufregendste an diesem Tag. Das Aufregendste war der zweite Platz von Julian Alaphilippe vom Team Quickstep, mit dem der 27 Jahre alte Franzose das Gelbe Trikot verteidigte und seinen Vorsprung vor dem Sieger des vergangenen Jahres, dem Waliser Geraint Thomas, auf 2:02 Minuten ausbaute. Kaum einer hatte Alaphilippe zugetraut, dass er diese Etappe mit nur sechs Sekunden Rückstand auf den Gewinner beenden könnte.

          Der Sieger des Klassikers Mailand-Sanremo in diesem Jahr aber verblüffte die Beobachter sogar noch mehr als tags zuvor bei seinem Sieg im Zeitfahren vor Thomas. Duelle im Hochgebirge waren bislang nicht die Heimat von Alaphilippe. Auf der Rechnung der möglichen Tour-Sieger stand er beim Start in Brüssel vor gut zwei Wochen nirgendwo. Leistungsexplosionen wie diese sorgen in allen Sportarten für Zweifel, ganz besonders im Straßenradsport. Und so sah sich Alaphilippe schon nach dem Zeitfahren Fragen zum Thema Doping gegenüber. Seine Antwort: „Ich bin nicht hier, um auf Verdächtigungen zu antworten. Ich weiß, wie hart ich gearbeitet habe, um dahin zu kommen, wo ich bin.“

          Extreme Leistungssprünge sind bei Emanuel Buchmann vom Team Bora-hansgrohe nicht zu verzeichnen. Der 26 Jahre alte Schwabe, seit 2015 beim Bora-Team unter Vertrag, hat sich allmählich verbessert und in diesem Jahr den Sprung in die Weltklasse geschafft. Wie er das Ausscheidungsfahren am Tourmalet mitbestimmte, wie er ohne Probleme in der Spitzengruppe blieb, während Fahrer wie der Kolumbianer Nairo Quintana oder die französische Hoffnung Romain Bardet zurückfielen und alle Hoffnungen auf einen Spitzenplatz in der Endabrechnung verloren, lässt auf weitere gute Ergebnisse in den Bergen schließen.

          Einen Kilometer vor dem Ziel übernahm Buchmann sogar noch einmal die Initiative im Feld der verbliebenen sechs Fahrer. Sein Antritt distanzierte Vorjahressieger Thomas, der auf den letzten 800 Metern 36 Sekunden auf Pinot verlor, was umso schwerer wog, da Thomas Teamkollege, der junge Kolumbianer Egan Bernal, knapp hinter Buchmann auf Platz fünf fuhr und den weitaus besseren Eindruck hinterließ als sein Kapitän. Im Team Ineos könnte das einen Chefwechsel einläuten. Thomas blieb zwar auf Platz zwei der Gesamtwertung, als er auf dem letzten Kilometer aber in Schwierigkeiten geriet, sprang ihm Bernal nicht zur Seite – ein Zeichen, dass sich die Machtverhältnisse im Team zu ändern beginnen. So wie im gesamten Peloton. Ineos jedenfalls hat am Tourmalet seinen Schrecken Machtposition fürs erste verloren.

          Auf den letzten, entscheidenden Kilometern war von der über Jahre gewohnten erdrückenden Dominanz der Mannschaft nichts mehr zu sehen. Hatte der britische Zug in den vergangenen Jahren mit irrsinnigen Tempo alle Initiativen der Konkurrenz erstickt, so war davon am Tourmalet nichts mehr übrig. Thomas und Bernal waren auf sich allein gestellt. Statt wie gewohnt Ineos dominierte das Team Jumbo-Visma die letzten Kilometer.

          War das schon die Zeitenwende? Und kann ein Franzose die Tour gewinnen? Julian Alaphilippe? Wie weit kann Emanuel Buchmann kommen? Nach der ersten Hochgebirgsetappe dieser Tour scheint nichts unmöglich.

          Tour de France

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