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Amerikaner bei der Tour : Armstrongs geschrumpfte Erben

  • -Aktualisiert am

Der Kopf der Mannschaft: Tejay van Garderen (r.) ist der erste Verfolger von Christopher Froome Bild: AP

Der tiefe Sturz von Lance Armstrong hat im amerikanischen Radsport seine Spuren hinterlassen. Bei der Tour de France kämpfen drei Landsleute nun gegen die enormen Altlasten einer verseuchten Generation an.

          3 Min.

          Tejay van Garderen macht einen sehr selbstbewussten Eindruck, er versprüht Zuversicht ganz nach amerikanischer Art. Er sei bereit für die Schlacht, sagt er. Für den ersten großen Schlagabtausch in den Bergen. Für die Fahrt durch die Pyrenäen, wo die 102. Tour de France nun ihre Flamme hochdreht. Van Garderen steigt in die Gipfeltour an diesem Dienstag als erster Verfolger von Christopher Froome ein, mit einem Rückstand von nur zwölf Sekunden auf den Mann im Gelben Trikot.

          Rainer Seele
          Sportredakteur.

          Er ist bisher deutlich besser mit der Tour zurechtgekommen als andere Stars, als die hoch gehandelten Alberto Contador, Nairo Quintana oder Vincenzo Nibali. Er betont, dass er sich dem Briten doch ziemlich nahe fühle, sportlich betrachtet. Dass er hoffe, ein wirklicher Rivale für den Kapitän des Teams Sky zu sein, der sich als souveräner Regent der Tour in die nächsten schweren Aufgaben stürzt. Es gebe keinen Grund für ihn, eingeschüchtert zu sein. „Aber die Tour“, sagt van Garderen auch, „ist ein Marathon.“

          In der Übergangsphase

          Amerika ist nicht mehr groß vertreten beim bedeutendsten Radrennen der Welt, der tiefe Sturz von Lance Armstrong hat seine Spuren hinterlassen. Es ist in diesem Sommer lediglich ein Fall für drei, für van Garderen, für Andrew Talansky und für Tyler Farrar. Allerdings ist die vorläufige Bilanz, nicht allein wegen van Garderen, durchaus beachtlich. Talansky ist nach neun Etappen immerhin Neunzehnter, und der Haudegen Farrar rückte zumindest mit seiner Equipe in das Rampenlicht. Farrar steht bei MTN-Qhubeka unter Vertrag, das als erstes afrikanisches Team bei der Tour dabei ist – und nun durch Daniel Teklehaimanot aus Eritrea Aufsehen erregt, der überraschend das Bergtrikot erobert hat und zu einem Volkshelden in seiner Heimat geworden ist.

          Einst Fan von Armstrong: Der Amerikaner Tejay von Garderen ist vor der Dienstags-Etappe Zweiter
          Einst Fan von Armstrong: Der Amerikaner Tejay von Garderen ist vor der Dienstags-Etappe Zweiter : Bild: Reuters

          Drei für Amerika: ein kleines Grüppchen, ein anderes, ein geschrumpftes Amerika, eines, das um frisches Vertrauen ringen muss nach den Skandalen um den Texaner Armstrong, der den Radsport in den Vereinigten Staaten einst populär gemacht hatte – und dann, entlarvt als notorischer Doper, wieder zu einer Randerscheinung werden ließ. Ein amerikanisches Magazin schrieb neulich, dass sich der amerikanische Radsport in einer Übergangsphase befinde und dass dadurch der Rückgang amerikanischer Rennfahrer bei der Tour zu erklären sei. „Die letzte Generation ging unrühmlich in Doping-Anschuldigungen unter.“ Das betrifft Armstrong, vor allem, aber es geht auch um Männer wie Floyd Landis, Levi Leipheimer oder David Zabriskie, allesamt Doping-Sünder.

          Einst Fan von Armstrong

          Die große Sause ist längst vorüber, verdrängt durch die Ernüchterung darüber, dass Armstrong und Co. ein weitreichendes Betrugssystem installiert hatten. Die alte Fahrer-Garde ist im Schmutz versunken, allerdings gibt es im Peloton immer noch ein paar Pfeiler der Strukturen von Armstrong. So ist ein Mann wie Jim Ochowicz, mit dem Armstrong früher gemeinsame Sache gemacht hatte, weiterhin aktiv; er leitet das Team BMC, mit dem van Garderen am Sonntag bei der Tour das Mannschaftszeitfahren gewonnen hat, als Manager. BMC nimmt mit amerikanischer Lizenz am Rennbetrieb teil, wird aber hauptsächlich durch den Schweizer Unternehmer Andy Rihs alimentiert.

          Tour de France

          Van Garderen, der vor der Tour bei der anspruchsvollen Dauphiné-Rundfahrt Zweiter hinter Froome geworden war, sagt, dass er mal ein Fan von Armstrong gewesen sei. Und dass es enttäuschend für ihn gewesen sei, das wahre Gesicht des Radprofis Armstrong zu erkennen. Das hinderte van Garderen aber nicht, den in seiner Nähe wohnenden Armstrong im vergangenen November kurzfristig für eine Trainingseinheit zu engagieren, nachdem sein eigener Schrittmacher auf dem Motorrad ausgefallen war. Diese Aktion sorgte für eine Menge Wirbel, was van Garderen nicht so recht nachvollziehen konnte. Schließlich gebe es doch viele Leute im Radsport mit dunkler Vergangenheit, sagte er, und er findet, dass Armstrongs Taten nicht schlimmer als die der anderen gewesen seien.

          Van Garderen ist 26 Jahre alt, er war im vergangenen Jahr Fünfter bei der Tour, er möchte nun bei diesem Rennen wieder ein Stück vorankommen. Er sagt, dass die erste Woche der Tour ihm einen moralischen Schub gegeben habe. Und für seinen sportlichen Leiter Yvon Ledanois zeigte sich, dass der Amerikaner ein wirklicher Team-Patron sei. Der führende Froome konstatierte am Montag, dem ersten Ruhetag, dass van Garderen für ihn – im Moment – die größte Gefahr darstelle. Einer vielleicht also, der Amerikas Wunsch nach einem neuen Radsportstar erfüllen könnte.

          Dazu zählt auch ein 24 Jahre alter Radprofi, der noch nicht bei der Tour startet: Joe Dombrowski vom Team Cannondale-Garmin, dem auch Talansky angehört. Dombrowski gilt als ein Versprechen für den amerikanischen Radsport, und das hat – pikante Fügung – viel mit Armstrong zu tun. Das Nachwuchsteam, das Armstrong einst unter dem Dach seiner Krebsstiftung Livestrong gegründet hatte, entdeckte und förderte Dombrowski. Er sei Armstrong dankbar, sagt Dombrowski, dass er ihm diese Chance ermöglicht habe. Aber er distanziert sich auch von dem Mentor von gestern. Er erzählt, dass er natürlich auch große Ziele habe, dass er sie aber nicht auf Armstrongs Art erreichen wolle.

          Das nächste Amerika im Radsport nimmt Kontur an, ein bisschen wenigstens. Ein äußerst steiniger Weg für van Garderen und seine Mitstreiter, die auch gegen einen Gegner abseits ihrer Rennen kämpfen müssen. Gegen eine enorme Altlast.

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