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Tour de France : Eine neue Zeitrechnung im Radsport

Die Zukunft: Egan Arley Bernal. Bild: Reuters

Chris Froome? Der viermalige Tour-Sieger ist wohl Vergangenheit. Geraint Thomas? Der Waliser ist der neue Trumpf im Team Sky. Einem anderen Fahrer gehört aber die Zukunft.

          3 Min.

          Es war kein Tag, der Christopher Froome in besonders angenehmer Erinnerung bleiben wird, auch wegen eines ungewöhnlichen Nachspiels: Als das Rennen beendet war, das Froome wahrscheinlich einer großen Hoffnung beraubt hat, legte der Brite noch ein Stück mit dem Rad zurück, talwärts, in Richtung Teambus. Mit einem dunklen Regencape über seinem Trikot. Aber plötzlich lag Froome am Boden, rüde gebremst von einem Polizisten, der den Radprofi für einen Hobbyfahrer gehalten hatte. Der wütende Froome zog sich zwar keine Blessur zu, aber der Zwischenfall am Mittwoch konnte symbolisch betrachtet werden für die Beziehung zwischen ihm und der Tour de France 2018. Nicht dass Froome komplett aus dem Gleichgewicht geraten wäre, aber die Tour zeigt ihm doch in gewisser Weise die kalte Schulter. Er kann allem Anschein nach immer noch einen Ehrenplatz ergattern, er kann am Sonntagabend wohl wieder auf dem Podium in Paris stehen, aber Froome wird, wie es scheint, nicht mehr für die höchste Stufe in Frage kommen können.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Froome ist 33 Jahre alt, er hat einiges zustande gebracht in seinem Beruf. Er hat die Vuelta gewonnen, den Giro und viermal die Tour, und er wollte in diesem Jahr ein besonderes Kunststück schaffen – nach dem Giro auch die Tour für sich zu entscheiden. Das war zuletzt dem Italiener Marco Pantani gelungen, vor 20 Jahren, im Jahr 1998, in dem der Doping-Skandal um das Team Festina die Tour und den Radsport generell schwer erschüttert hatte. Nachuntersuchungen ergaben, dass Pantani, der „Pirat“, sich 1998 mit Epo gedopt hatte. Der Italiener starb 2004 in einem Hotelzimmer in Rimini an einer Überdosis Kokain.

          Giro und Tour, ein fragwürdiges Double, offensichtlich auch eine zu große Herausforderung für Froome. Nicht auszuschließen, dass er in diesem Sommer den Preis bezahlt für den Start bei der Italien-Rundfahrt, der eine Menge Kraft gekostet hatte. Froome war in jedem Fall am Mittwoch am Col du Portet nicht in der Lage gewesen, mit seinem Gefährten Geraint Thomas mitzuhalten, er war zudem langsamer als der Slowene Primož Roglič, ein ehemaliger Skispringer, und er musste außerdem den Niederländer Tom Dumoulin an sich vorbeiziehen lassen. Er ist nach diesem Schwächemoment zwar noch Dritter in der Gesamtwertung, doch Froome hat zweieinhalb Minuten Rückstand auf den Waliser Thomas, den Mann im Gelben Trikot. Die Verschiebung der Machtverhältnisse innerhalb des Teams Sky hat eindeutig schärfere Konturen angenommen am Mittwoch.

          Auch wenn Dave Brailsford, der Manager der britischen Equipe, behauptete, dass Froome noch nicht abzuschreiben sei. Er vertraut offensichtlich den Nehmerqualitäten Froomes. „Wenn jemand wieder aufstehen kann, dann er.“ Und Froome machte klar, dass der Kampf weitergeht – in einer anderen Form für ihn, als Helfer seines bisherigen Adjutanten Thomas. Froome bleiben noch zwei Möglichkeiten, um selbst ein wenig Boden gutzumachen und den Schaden zu begrenzen. An diesem Freitag auf dem Weg von Lourdes nach Laruns, auf dem der Tourmalet und der Aubisque zu bezwingen sind. Und am Samstag in einem anspruchsvollen, 31 Kilometer langen Zeitfahren. Zumindest lässt sich auf diesen beiden Etappen für Froome, der im Prinzip täglich Beschimpfungen vom Straßenrand ausgesetzt ist wegen der Affäre um einen zu ausgiebigen Gebrauch des Asthmamittels Salbutamol, die Sache mit einer kleinen Auszeichnung in Paris noch regeln.

          Das öffentliche Urteil aber steht fest: Am Mittwoch hat endgültig eine neue Zeitrechnung im Radsport begonnen. Die französische Sportzeitung „L’Equipe“ schrieb von einer „neuen Welt“. Froome, bedeutet dies, ist jetzt eigentlich Vergangenheit, die Gegenwart wird von dem ein Jahr jüngeren Thomas verkörpert. Im Team Sky geht es allerdings auch schon um das Morgen. „Ich bin dafür verantwortlich, schon zwei oder drei Jahre vorauszublicken“, sagte Brailsford. Sein Erfolgshunger scheint noch längst nicht gestillt, seine Mannschaft, von reichlich Argwohn begleitet, soll weiterhin die Tour beherrschen. Brailsford hat dafür bereits eine Strategie entwickelt. Dabei nimmt ein 21 Jahre alter Kolumbianer die zentrale Rolle ein: Egan Bernal.

          Der Kletterspezialist bestreitet in diesem Jahr zum ersten Mal die Tour, und er entpuppte sich dabei als exzellente Zugmaschine in seinem Team. „Ich habe gesucht und gesucht und gesucht, wer der nächste Froome werden könnte“, sagte Brailsford, „meine Wahl ist auf Bernal gefallen.“ Der Kolumbianer kam vom italienischen Continentalteam Androni Giocattoli zu der britischen Radsport-Streitmacht, bei der er einen Dreijahresvertrag erhielt. Bernals einstiger Rennstall war 2015 unrühmlich aufgefallen: Der internationale Radsportverband sperrte ihn für 30 Tage, nachdem zwei seiner Fahrer des Dopings überführt worden waren.

          Brailsford bezeichnete Bernal als „die Zukunft“ des Teams Sky. Vorläufig aber muss der aufstrebende Kolumbianer seine Fähigkeiten in den Dienst des Teams stellen. Und – wie der vermutlich geschlagene Froome – dafür sorgen, dass der walisische Trumpf in Paris sticht. Denn erst mal ist wohl Thomas der neue Froome.

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