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Tour de France : Der G-Faktor – oder ein Fall für zwei

  • -Aktualisiert am

Verfolger im Nacken: Geraint Thomas fährt in Gelb vor seinem vermeintlichen Anführer Chris Froome und Tom Dumoulin Bild: AFP

Wer ist der Boss im Team Sky? Geraint Thomas, der Mann in Gelb, oder Christopher Froome, sein Kapitän? Der Doppelspitze kann nur noch Tom Dumoulin gefährlich werden.

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          Nicht, dass Christopher Froome einen sehr ästhetischen Fahrstil pflegen würde, es ist häufig ein unruhig erscheinendes Hin und Her, ein leichtes Schwingen des Körpers. Das hat Froome aber nicht daran gehindert, den geraden Weg einzuschlagen, schnurstracks, all die Jahre. Ein vermeintlich unantastbarer Herrscher über das Peloton. Doch nun könnte der Brite, der viermal die Tour de France gewonnen hat, tatsächlich ins Wanken geraten, grundsätzlich. Er strahlt, zu sehen beim Alpen-Intermezzo der Tour, nicht die gewohnte Souveränität aus, er hatte bei den steilen Anstiegen offensichtlich gewisse Schwierigkeiten – im Gegensatz zu einem Mann, der eigentlich sein bester Adjutant ist.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Aber der Waliser Geraint Thomas wirkte keineswegs wie ein Helfer in den vergangenen Tagen, eher wie ein Kandidat für das Ehrenpodium in Paris, schlichtweg wie ein Kapitän. Und nicht umsonst schmückt Thomas sich mit dem Gelben Trikot: Lohn für famose Darbietungen beim ersten großen Härtetest der Tour, die ihm zudem einen Vorsprung von mehr als eineinhalb Minuten vor Froome einbrachten.

          Der Waliser, zweifacher Etappensieger, ist inzwischen sozusagen der G-Faktor beim Team Sky. Thomas wird kurz „G“ genannt, das ließe sich auch als Kürzel für Größe interpretieren. Doch der 32 Jahre alte Radprofi ist zumindest vorläufig weit davon entfernt, sich über seinen Chef zu erheben, trotz seiner führenden Position. Thomas steht stattdessen offenbar weiterhin in Treue fest zu Froome.

          Der Waliser hatte auch am Donnerstag in Alpe d’Huez behauptet, dass Froome unbestritten der Leader des Teams sei, Punkt. Auch Sportdirektor Nicolas Portal hält, öffentlich, an der ursprünglichen Hierarchie in der Mannschaft fest. Man könne Froome, betonte der Franzose, doch jetzt nicht sagen: „Leider unterstützen wir dich nicht mehr.“ Portal sagte aber auch, dass Thomas „sehr, sehr bereit ist“.

          Suche nach der Hauptrolle

          Die Stallregie könnte sich, vermutlich nicht am Samstag auf dem vergleichbar leichten Weg von Saint-Paul-Trois-Châteaux nach Mende (live im F.A.Z.-Liveticker zur Tour in ARD und Eurosport),  in der nächsten Woche in den Pyrenäen doch ändern – sofern Froome nicht, wie beim Giro d’Italia in diesem Jahr, plötzlich doch aus sich herausgeht und wieder in die Hauptrolle schlüpft. Ein reizvoller Fall für zwei innerhalb des Teams Sky, das in jedem Fall seine Dominanz in den Alpen gefestigt hat. Zudem ist die Zahl der ernst zu nehmenden Rivalen geschrumpft.

          Am Donnerstag war auch der Italiener Vincenzo Nibali, der bei einem Sturz einen Wirbelbruch erlitt, aus diesem Kreis ausgeschieden. Der hartnäckigste Verfolger des britischen Duos ist mittlerweile der Niederländer Tom Dumoulin vom deutschen Team Sunweb. Dumoulin, der den Spitznamen „Schmetterling von Maastricht“ trägt, ist ein exzellenter Zeitfahrer, er hatte das auch mit seiner Gold-Fahrt bei den Weltmeisterschaften im vergangenen Jahr in Bergen in Norwegen bewiesen. Froome war damals unter den Geschlagenen. Und er sagte über den hinter ihm gestarteten Niederländer: „Ich habe kurz über die Schulter geschaut und ein orangenes Trikot gesehen. Er ist geflogen.“ Froome entging jedoch der Schmach, überholt zu werden. Dumoulin, der sich zu einem formidablen Rundfahrer entwickelt hat, dürfte auf den anspruchsvollen Kampf gegen die Uhr am vorletzten Tour-Tag fixiert sein; eine fordernde, 31 Kilometer lange Strecke.

          Die Tour hat nun immerhin, wenn auch unfreiwillig, Platz geschaffen für die Favoriten. Der Pulk der Fahrer ist ein gehöriges Stück kleiner geworden ist – und damit sind die Gefahren, die auf der Strecke lauern, auch für Thomas, Froome oder Dumoulin, ein wenig eingedämmt worden. Mehr als 20 Profis hatten bis zum Freitag die Tour verlassen, unter ihnen etliche Sprinter wie André Greipel, die den Strapazen in den Alpen nicht gewachsen waren. „Ich bin schon siebenmal die Tour gefahren, aber es war noch nie so schwer wie in diesem Jahr“, klagte Greipel nach seiner Aufgabe am Donnerstag.

          Ein anderer aus seiner Zunft, Weltmeister Peter Sagan, biss sich hingegen durch – und wurde am Freitag in Valence in einer Spurtentscheidung mit seinem dritten Tageserfolg bei dieser Tour belohnt. Greipel warf der Tour vor, zu sehr auf Show zu setzen. „Für mich ist dieses Spektakel einfach zu viel gewesen in diesem Jahr.“ Rolf Aldag dagegen, einer der Verantwortlichen beim Team Dimension Data, mochte die Tour wegen ihrer Programmgestaltung nicht kritisieren. „Ich bin relativ entspannt“, sagte Aldag. Der Kurs sei schließlich seit dem vergangenen Oktober bekannt, „man hätte damals schon über ihn meckern können“. Eine Debatte, die für das Team Sky allem Anschein nach keine Relevanz hat. Dort muss man sich ohnehin mit anderem beschäftigen. Mit einem spannungsgeladenen Innenleben vor allem.

          Hüter des Zahnrades In den Sattel schwingen und losfahren? So einfach geht das nicht. Wer Radsportler sein will, muss Regeln beachten. Und zwar 95, wie eine Gruppe Gralshüter behauptet. Die „Velomenati“ haben einen „Kodex für Radsportjünger“ verfasst. Wir zitieren im Etappenrhythmus kluge, lustige und sinnfreie Vorschriften. Regel #84: Bewahre den Anstand Erläuterung: Wenn jemand anzeigt, dass er eine Reifenpanne hat, sind gemäß den Benimm-Regeln für Domestiken alle Fahrer, die sich zu diesem Zeitpunkt in der Gruppe befinden, berechtigt – keineswegs verpflichtet –, ebenfalls anzuhalten, ohne als Weicheier abgestempelt zu werden. Alle Fahrer sind auch berechtigt, dem mit dem Reifenwechsel befassten Kollegen mit Rat und Tat und/oder mit strenger Kritik an seiner Reparaturtechnik beizustehen. Das Bemerkenswerte daran ist nicht die Unzahl an Möglichkeiten, wie man eine Reifenpanne behebt, sondern vielmehr die totale Unfähigkeit von Radfahrern, ihre Ratschläge für sich zu behalten, bis man sie darum bittet. Die Dauer eines Regel-#84-Stopps ist im Allgemeinen umgekehrt proportional zu der Zeit, die nach dem Training für den Espresso bleibt.“ Empfehlung: Schweigend zupacken. (Entnommen aus: „Die Regeln“, Kodex für Radsportjünger, Cavadonga Verlag 2018)

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