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Tour de France : Wie aus einer anderen Zeit

  • -Aktualisiert am

Egan Bernal fährt im Gelben Trikot durch Paris bei der letzten Etappe der Tour de France. Bild: Reuters

Egan Bernal fährt in Gelb nach Paris. Es gab schon jüngere Tour-Sieger als ihn – aber das war vor mehr als hundert Jahren. Buchmann ist nun Vierter.

          Die 50-Euro-Frage: Kann man die Tour de France mit 22 Jahren gewinnen? Natürlich nicht. Die Tour de France, eine der härtesten Prüfungen in der Welt des Sports, 21 Etappen, 3410 Kilometer, eine Achterbahnfahrt durch Alpen und Pyrenäen, eine Hatz über glühend heiße Landstraßen – die kann natürlich kein 22-Jähriger gewinnen. Das schaffen nur alte Haudegen, die sich die nötige Härte über sehr, sehr viele Jahre erschuftet haben. Männer mit Furchen im Gesicht.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Das alles galt bis gestern, das alles galt, bis der Kolumbianer Egan Bernal am Samstag auf der Alpenetappe von Albertville nach Val Thorens sein Meisterstück machte, Etappe und Gegner ohne Probleme kontrollierte und als Vierter mit 17 Sekunden Rückstand im Wintersportort Val Thorens ins Ziel fuhr. Damit liegt er vor der Schlussetappe an diesem Sonntag in der Gesamtwertung 1:11 Minuten vor seinem Ineos-Teamkollegen Geraint Thomas, 1:31 Minuten vor dem Niederländer Steven Kruijswijk (Jumbo-Visma) und 1:56 Minuten vor Emanuel Buchmann vom Team Bora-hansgrohe.

          Mit 22 Jahren, mit keiner einzigen Furche, keiner einzigen Falte im Gesicht, hat Bernal die Tour de France so gut wie gewonnen. Das gab es noch nie im modernen Radsport. Nur zweimal waren Tour-Sieger jünger, aber das war in einer anderen Zeit, 1904 und 1909. So gut wie gewonnen? Das ist eine theoretische Einschränkung. Nur ein Sturz oder eine Aufgabe auf der Schlussetappe nach Paris könnte Bernal noch stoppen. Auf dem finalen Teilstück der Tour de France wird der Führende traditionell nicht mehr angegriffen, so will es das ungeschriebene Gesetz. Bernal wäre der erste Kolumbianer, der die Tour gewinnt, und schon jetzt steht seine radsportbegeisterte Heimat kopf.

          Die Ziellinie in Val Thorens überfuhr er 17 Sekunden nach dem italienischen Etappengewinner Vincenzo Nibali Hand in Hand mit Thomas, der seinem jungen Teamkollegen diesmal den Vortritt lassen musste und die Tour, sollte auch er Paris unversehrt erreichen, als Zweiter beenden wird. Thomas, er ein Routinier von 33 Jahren, hatte die Frankreich-Rundfahrt im vergangenen Jahr gewonnen und war in diese Tour als Ineos-Kapitän gegangen. Doch die Wachablösung konnte er nicht verhindern. Bernal war der stärkere Mann in den Bergen, dominierte alle drei Alpenetappen.

          Eine brillante Rundfahrt fuhr auch Emanuel Buchmann. Der 26 Jahre alte Ravensburger verbesserte sich am Samstag um einen Rang auf Platz vier der Gesamtwertung – ein Ergebnis, das der deutsche Radsport lange nicht verbuchen konnte. Buchmann überholte auf der verkürzten, nur 59 Kilometer langen, aber extrem schweren letzten Alpenetappe in der Gesamtwertung noch den Franzosen Julian Alaphilippe, der vierzehn Tage in Gelb gefahren war, das Trikot aber tags zuvor an Bernal verloren hatte. Am Samstag konnte er 13 Kilometer vor dem Ziel dem Tempo der Favoritengruppe nicht mehr folgen und wurde nach hinten durchgereicht.

          Neben Bernal und Thomas wird in Paris Steven Kruijswijk auf dem Podium stehen. Der Kapitän des Teams Jumbo-Visma verteidigte seinen knappen Vorsprung vor Buchmann, wofür er den vollen Einsatz seiner starken Mannschaft benötigte, die am Berg ein Tempo anschlug, das am Ende eine Attacke von Buchmann nicht mehr zuließ. Für den Ravensburger ist Platz vier, auch wenn er nur um 25 Sekunden am Podium vorbeifuhr, ein großartiger Erfolg. „Ein absolutes Traumergebnis“, sagte er. „Mehr war nicht drin. Drei waren stärker, das muss man anerkennen.“ Angetreten war er, um in die Top Ten der Tour zu fahren. Geschafft hat er den Aufstieg in die Champions League der Rundfahrer.

          Der einzige Konkurrent, der nach den Eindrücken der ersten beiden Tour-Wochen Bernal hätte gefährlich werden können, der Franzose Thibaut Pinot, hatte am Freitag auf der 19. Etappe verletzt und unter Tränen aufgeben müssen. Ihn stoppte ein Muskelriss im linken Oberschenkel. „Ich war sicher, dass ich die Tour gewinne“, gab Pinot nach seinem bitteren Ausscheiden zu Protokoll. Den Beweis musste er schuldig bleiben.

          Hagel, Schnee, Schlamm, überschwemmte Straßen. Am Freitag hatte noch Weltuntergangsstimmung geherrscht, als die zweite von drei Alpenetappe 30 Kilometer vor dem Ziel abgebrochen werden musste. Die Profis waren auf der Abfahrt vom 2764 Meter hohen Col de l’Iseran gestoppt worden, weil weiter unten Schneeräumer beim verzweifelten Versuch scheiterten, die Straße von den Wassermassen zu befreien. Die Jury wertete die Durchgangszeiten auf dem Gipfel des Iseran, was Bernal das Gelbe Trikot bescherte. Alaphilippe der es bis dahin trug, fiel auf den zweiten Platz zurück. Er hatte dabei noch Glück im Unglück, denn Bernal hätte bei einer Etappe in Gänze wohl noch deutlich mehr Zeit herausgefahren. Auch die anderen Favoriten auf den Gesamtsieg oder zumindest auf einen Podiumsplatz in Paris, Thomas, Kruijswijk und Buchmann, hatten Alaphilippe bereits abgehängt.

          Am Freitagabend hatte die Tourleitung dann beschlossen, die letzte Alpenetappe von Albertville nach Val Thorens von 130 auf 59 Kilometer zu verkürzen, weil auch hier auf der geplanten Strecke Wetterkapriolen für unbefahrbare Straßen gesorgt hatten. Somit führte die vorletzte Etappe nicht wie geplant über den Cormet de Roselend, einen Berg der ersten Kategorie, und die Côte de Longefoy, einen der zweiten, sondern ohne weitere Umwege und Hindernisse in den 33 Kilometer langen Anstieg hinauf nach Val Thorens. Aus der Monsteretappe war ein Bergsprint mit rund 2000 Höhenmetern geworden. Eine Beute für Egan Bernal.

          Tour de France

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