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Verdachtsmomente bei der Tour : Was wollte uns Radprofi Mohoric mit seiner Geste sagen?

Zeichensprache: Matej Mohoric Bild: EPA

Reißverschluss-Verfahren: Nach der Doping-Razzia bei der Tour de France sendet der kontrollierte Etappensieger Matej Mohoric eine Botschaft in die Kameras. Für sie gibt es zwei Deutungsansätze.

          3 Min.

          Der Vorhang ist gefallen. Und einige Frage bleiben offen nach der Tour de France. Zum Beispiel diese: Wie ist die Geste von Matej Mohoric im Ziel nach seinem Sieg bei der Etappe am vergangenen Freitag zu interpretieren? Als Pantomime auf dem Rad legte er erst den Finger auf den Mund und zog dann Daumen und Zeigefinger von einem Mundwinkel zum anderen. Als wollte der Slowene einen Reißverschluss schließen. Nach der Botschaft befragt, erklärte der Profi seine Stimmungslage nach der Razzia zwei Tage zuvor im eigenen Team.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Rund 50 Beamte hatten wegen des Verdachts des Besitzes, der Einfuhr und Weitergabe von Dopingmitteln Unterkünfte und den Bus von „Bahrain Victorious“ durchsucht, Handys beschlagnahmt. Unangenehm. Er sei sich wie ein Krimineller vorgekommen. Aber nach reiflicher Überlegung, gab Mohoric Journalisten zu Protokoll, sei es auch ein gutes Zeichen. Weil weiter kontrolliert werde. Und ja, gefunden hätten die Beamten nichts. Die französische Staatsanwaltschaft hat sich zu den Ergebnissen ihrer seit Anfang Juli vorbereiteten Aktion bislang nicht geäußert. Mohoric rechnet also mit der Einstellung des Verfahrens.

          Haltet den Mund – oder legt was vor

          Das soll wohl auch die Botschaft seiner Geste im Moment des Triumphes an alle sein, die sich an Zeiten erinnert fühlen und unglaubliche Leistungen der Tour 2021 skeptisch betrachten, weil sie so oft belogen wurden: Haltet den Mund – oder legt was vor. Es gibt nichts. Vorerst. Keine positiven Kontrollen. Das aber ist nichts Neues. Von Lance Armstrong wurde auch nur eine bekannt, bis er unter dem Druck der amerikanischen Ermittlungen gestehen musste, über Jahre unter Stoff gestanden zu haben. Und diese eine zählte damals nicht, weil sie als Teil eines Nachkontrollverfahrens den formalen Ansprüchen an das Prozedere mit A- und B-Probe nicht entsprach.

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          Gesten hatte Armstrong auch drauf. 2004 machte er vor seinem Welt-Publikum während einer Tour-Etappe den Reißverschluss. Das war als Warnung an laut denkende Kritiker im Feld zu verstehen: Schnauze halten! Wer es nicht tat, wie der Italiener Filippo Simeoni, dem fuhr der Patron – sinngemäß – gewaltig ins Rad.

          Um jedem Missverständnis vorzubeugen: Dem tapferen Mohoric lässt sich nichts Konkretes vorwerfen. Im Gegenteil. Man könnte seine zweite Geste auf den letzten Metern zum Tagessieg auch ganz anders werten: Mit dem Finger auf den Lippen bittet der empfindsame Hörer um Ruhe: „Schweigt stille zu lauschen“ (Schiller). Und siehe, schon hört man, was rund um das Peloton gesäuselt wird. Das Radsportportal Cyclingnews berichtet von mysteriösen Geräuschen, gehört von nicht namentlich genannten Radrennfahrern. Mit großen Ohren glauben sie, Indizien für mechanisches Doping empfangen zu haben.

          Mysteriöse Geräusche

          Es ist nicht von Elektromotörchen die Rede, nein. Stammen die angeblich ungewöhnlichen Geräusche von Hinterrädern etwa von einem Energierückgewinnungssystem, wie es die Formel 1 2009 einführte: Kraft tanken beim Bremsen? Eine schöne Theorie. Wahrscheinlich ist die Umsetzung nur eine Frage der Zeit. Aber einen Beweis soll es nicht geben. Der Internationale Radsport-Verband (UCI) hat bis zum letzten Ruhetag 704 Rad-Kontrollen vorgenommen. 106 Mal wurden Velos nach einer Etappe geröntgt. Das Ergebnis der UCI, schreibt Cyclingnews sinngemäß: Nur Karbon und Metall, alles sauber.

          Die UCI scheint aber auf der Hut zu sein. Jedenfalls will sie am kommenden Samstag, pünktlich zum ersten Radrennen der Männer bei den Olympischen Spielen in Tokio, ein handliches Gerät einsetzen, mit dem die Räder während der Fahrt zu scannen und die Ergebnisse live auf jedem Flecken der Erde zu sehen sein sollen – eine entsprechende Programmverbindung vorausgesetzt. Spitzensportler werden schon lange im Labor gescannt. Inzwischen bemüht man sich um einen Datentransfer in Echtzeit. Dann kommen Trainer in die Lage, frühzeitig zu erkennen, was (noch) in ihren Athleten steckt, etwa beim Mannschaftssport.

          Wie unsicher der Einblick des Menschen in den Menschen ist, hat die ARD am Wochenende vorgeführt. Demnach hat das Rechtsmedizinische Institut der Universität Köln im Auftrag der Sendeanstalten herausgefunden, dass schon flüchtige Hautberührungen mit eigens präparierten, im Sport verbotenen Substanzen zu positiven Dopingproben führen können, selbst bei geringer Dosierung. Das Kölner Anti-Doping-Labor erklärte, die Resultate einer Versuchsgruppe hätten im Ernstfall zu einem positiven Ergebnis geführt. In den meisten Fällen führen solche Ergebnisse zu einer mehrjährigen Sperre durch Sportgerichte, weil sie der Umkehr der Beweislast folgen: Der positiv Getestete muss beweisen, dass er unschuldig ist. Das ist schon gelungen, aber meistens nur mit einem gewaltigen Aufwand. Deutsche Sportrechtsexperten sehen nun die Rechtsgrundlage für Sportgerichtsprozesse gewaltig erschüttert, während die Welt-Anti-Doping-Agentur offenbar auf Zeit spielt mit einer merkwürdigen Anmerkung: Die Zahl von Attentaten sei gering.

          Woher sie das weiß, ist ihr Geheimnis. Plausibler ist diese Vorhersage: Doper werden nach den Erkenntnissen der ARD eine Chance wittern. In Deutschland haben sie allerdings seit Einführung des Anti-Doping-Gesetzes Ende 2015 bei jedem positiven Test auch den Staatsanwalt zu fürchten. Manchmal auch schon vorher. Der braucht mitunter etwas länger für seine Beweissammlung. Deshalb wissen wir noch nicht, was da war bei der Tour – oder was nicht war.

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