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Tour de France : Wachablösung auf dem Dach der Tour

  • -Aktualisiert am

Geraint Thomas steht vor seinem ersten Sieg bei der Tour den France Bild: Reuters

Fast schon eine Vorentscheidung: Auf der spektakulären, 65 Kilometer langen Jagd über drei Berge stellt Thomas beim Team Sky die Zeichen auf Gesamtsieg. Auch weil Teamkollege Froome schwächelt.

          3 Min.

          Achtung, hochgefährlich! Der Tour de France wohnt eine Art Sprengstoff inne, den sie selbst geschaffen hat, mit einer Schinderei sondergleichen, in besonderem Maße in diesem Sommer. Wie am Mittwoch, einem Tag mit speziellem Knalleffekt – auch weil der Waliser Geraint Thomas beim Etappensieg des Kolumbianers Nairo Quintana endgültig die Macht im Peloton übernommen hat und dicht vor seinem ersten Tour-Triumph steht.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Christopher Froome, ursprünglich Kapitän des Teams Sky, rutschte auf Platz drei der Gesamtwertung zurück, hinter Thomas und dem Niederländer Tom Dumoulin. Froome, der die Tour bereits viermal für sich entschieden hat, fehlte auf den letzten Kilometern die Power, er erlebte einen kleinen Einbruch – und steht jetzt in der Hierarchie seines Rennstalls nur noch an zweiter Stelle, als Adjutant des neuen Anführers Thomas, dem das Gelbe Trikot kaum noch zu entreißen sein dürfte.

          Die Zeitung „L’Équipe“ hatte den Mittwoch mit einem einzigen Wort betitelt: „Explosiv“. Was Wunder auch, schließlich war es bei der 105. Tour der vermutlich intensivste Tag für das Peloton, gespickt mit Höchstschwierigkeiten, inklusive der Hatz hinauf auf das Dach dieser Tour, auf den 2215 Meter hohen Col du Portet.

          Froome kraftlos

          Eine Etappe, die Schaudern ausgelöst hatte unter nicht wenigen Radprofis, weil gleich drei happige Anstiege zu bewältigen waren, fast im Spurt, ohne Verschnaufpause bei einer Streckenlänge von insgesamt nur 65 Kilometern. Ein im wahrsten Wortsinn atemraubender Parcours, den der Franzose Romain Bardet, der am Mittwoch weiter an Boden verlor, so bezeichnete: „Grausam.“

          Das Feld war in jedem Fall schnell zerrissen – und das Team Sky, genauer gesagt Thomas, blieb Herr des Geschehens. Die Briten ließen Quintana gewähren, der die 17.Etappe mit einem Solo gewann. Und sie konterten Attacken vor allem von Primoz Roglic. Dabei hatte zunächst auch Froome noch geholfen.

          Später aber verließen den Briten, der in diesem Jahr den Giro d’Italia für sich entschieden hatte, die Kräfte – die Wachablösung bei der Tour war manifestiert. Thomas, Tagesdritter hinter Quintana und dem Iren Dan Martin, bewies beeindruckende Stabilität und führt nun mit fast zwei Minuten Vorsprung vor Dumoulin. Der geschlagene Froome bescheinigte Thomas ein „absolut brillantes Rennen“. Er habe Gelb völlig verdient, und er hoffe, dass Thomas seinen Job nun auch erledige.

          Geschlagen von der Konkurrenz und von Teamkollege Geraint Thomas - Sky-Kapitän Chris Froome

          Ein Wendepunkt in den Karrieren von Thomas und Froome – bei einer Tour, die in diesem Jahr ganz auf das Spektakel setzt. Und als den großen Fixpunkt dabei betrachtete sie den Col du Portet, der zu einem Tour-Mythos werden soll. „Diese schöne Entdeckung ist so schwer wie der Mont Ventoux“, hatte zufrieden Thierry Gouvenou gesagt, der sozusagen der Architekt des Tour-Kurses ist. Gipfel des Leidens: 16 Kilometer zum Schluss in Serpentinen mit einer durchschnittlichen Steigung von 8,7 Prozent, die den bisherigen Patron Froome zermürbten.

          Der Radsport in einem Wunderland gewissermaßen: Die Tour führt ihn in Gegenden und auf Höhen, mit denen sie sich prächtig darstellen kann als schillernder Showbetrieb des Sports. Und sie nimmt das Scheitern in Kauf, zumindest jenes von Fahrern. Abgeschlagen und aussortiert: Schon in den Alpen waren Profis mit den strapaziösen Grenzerfahrungen in dünner Luft reihenweise überfordert gewesen, unter ihnen etliche Sprinter wie Marcel Kittel oder André Greipel.

          Wobei nicht immer extreme Kletterprüfungen dafür verantwortlich sind, dass Fahrer nicht mehr mithalten können und aufgeben. So lauern die Risiken auch auf normalen Routen, wie sie seit jeher gang und gäbe sind bei der Tour, auf Abfahrten zum Beispiel bei rasendem Tempo. So war am Dienstag der Belgier Philippe Gilbert ins Schlingern geraten und zu Fall gekommen: Kniescheibe gebrochen, Rennen beendet.

          Der Kolumbianer Nairo Quintana kämpfte sich am Ende erfolgreich sämtliche Anstiege hinauf.

          Die Ausfallquote bei der Tour 2018 ist beachtlich. Bei einer Rundfahrt, die darum bemüht ist, sich ein besonders scharfes Profil zu geben mit hohen Hürden für die Fahrer. Und trotzdem Anstrengungen unternimmt, auch ein anderes Gesicht zu zeigen, indem sie geschichtsträchtige Regionen ansteuert, Städte mit außergewöhnlicher Strahlkraft. Den Wallfahrtsort Lourdes beispielsweise, wo am Freitag die 19. Etappe beginnt.

          Eine Pilgerstätte für Millionen in jedem Jahr, die auf Heilung hoffen und Seelenfrieden. In Lourdes, vollgepfropft mit Geschäften und Hotels, blüht aber auch der Kommerz. Eine passende Station im Prinzip für die Tour, die ebenfalls als eine Verheißung gilt und ein beträchtlicher Wirtschaftsfaktor in Frankreich ist.

          So passiert die Tour immer wieder prägnante Punkte im Land. Die Macher der Rundfahrt hatten diesmal unter anderem das Plateau des Glières ins Programm genommen, wo der Tross am Denkmal der Resistance vorbeizog – eine Hommage an die Helden des Widerstandes in Frankreich. Eine Rückkehr zu den Wurzeln? Nur bedingt.

          Die Hinwendung zur Tradition wurde überlagert von der Dynamik, mit der die Tour sich – auf sportlicher Ebene – der vermeintlichen Moderne zuwandte und aufsehenerregende Neuerungen einführte wie das Bergzeitfahren am Mittwoch samt einer Startaufstellung teilweise im Formel-1-Stil.

          Ein Unterfangen, das den Pulk der Fahrer ziemlich durcheinanderwirbelte, schon vor dem Mittwoch, und manchen Profi, wie jetzt Christopher Froome, jäh aus allen Träumen riss. Diese Strategie skizzierte jedoch auch klar das Selbstverständnis der Tour: Sie steht im Radsport über allem – und über all jenen, die die Große Schleife auf dem Rad zu meistern versuchen.

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