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Wasserträger bei der Tour : Der Schattenmann

  • -Aktualisiert am

Danke: André Greipel (im Grünen Trikot) weiß, was er an seinem Anfahrer Marcel Sieberg hat Bild: Augenklick/Roth

Mühsamer Alltag eines unbekannten Siegers: Marcel Sieberg muss sich bei der Tour de France für einen anderen zerreißen. Er ist Wasserträger von André Greipel. Und sagt, er sei damit zufrieden.

          2 Min.

          Das Gesicht ist keineswegs von Sommerbräune gezeichnet, im Gegenteil. Marcel Sieberg sieht blass aus. Kein Wunder, schließlich war er tagelang krank. Eine Bronchitis, die mit Antibiotika behandelt wurde. „Heute habe ich meine letzte Tablette genommen“, sagte er. Das war am Dienstag, dem zweiten und letzten Ruhetag bei der Tour de France. Sieberg wird sich durchbeißen, er ist das gewohnt. Wird versuchen, seine Aufgabe zu erfüllen als Radprofi, wie immer, auch wenn es am Mittwoch wieder in die Berge ging, in die Alpen, wo das Peloton sich bis Samstag verausgaben wird. „Vier Tage Hölle“, sagt Sieberg.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Eine einzige Schinderei, für alle, aber besonders für Fahrer wie Sieberg, die nicht für die Höhe geschaffen sind. Er ist ein Profi mit Gardemaß, 1,98 Meter lang, 84 Kilogramm schwer. Da fällt jeder Pedaltritt in alpinem Gelände schwer. Aber Sieberg, 33 Jahre alt und zum sechsten Mal bei der Tour am Start, kennt die Kniffe, um zu „überleben“. Er wird sich wie in all den Jahren zuvor einer Gruppe von Leidensgenossen anschließen und mit ihnen die Gipfel erklimmen. Weit hinter der Spitze des Feldes, hinter Männern wie Christopher Froome. Er wird darauf achten, im Zeitlimit zu bleiben. Das ist nun die tägliche Fron des Radrennfahrers Sieberg, der aus Castrop-Rauxel stammt, in Bocholt lebt und dessen Name der breiten Öffentlichkeit vermutlich wenig sagt. Obwohl er doch ein ziemlich erfolgreicher Profi ist, auch bei der Tour, bei der er in diesem Jahr, im Prinzip, schon dreifacher Etappensieger ist. So sieht es Sieberg.

          Radsport ist Teamwork: Siebergs Reaktion auf Greipels Sieg bei der zweiten Etappe
          Radsport ist Teamwork: Siebergs Reaktion auf Greipels Sieg bei der zweiten Etappe : Bild: dpa

          Er steht bei der belgischen Equipe Lotto-Soudal unter Vertrag, wie der Sprintstar André Greipel. Für Sieberg ist das eine äußerst angenehme Situation. Er hilft Greipel, er profitiert von Greipel, es ist ein Geben und Nehmen. „Wenn Greipel siegt“, sagt er, „dann ist das fast so, als würde ich selbst gewinnen.“ Greipel ist schon dreimal der Schnellste gewesen bei der 102. Tour, im Spurt macht ihm so leicht keiner etwas vor. Und das hat eine Menge mit einem Mann wie Sieberg zu tun, der zu der Spezies von Profis zählt, die Wasserträger genannt werden.

          Wenn es zum Sprint kommt, muss Sieberg mächtig buckeln, den so genannten Zug für Greipel auf Touren bringen, in dem er die drittletzte Position einnimmt. Tempo machen zwischen 1200 und 800 Meter vor dem Ziel - und darauf hoffen, dass sein deutscher Kompagnon das Werk wie gewünscht vollendet.

          Zufrieden mit dem Dasein im Schatten

          Sieberg steht seit mehreren Jahren an der Seite von Greipel, in 95 Prozent seiner Rennen richtet er sich ganz nach dem gebürtigen Rostocker. Die beiden sind Freunde geworden, Greipel ist Siebergs Trauzeuge, im Rennen verstehen sie sich ohne Worte. Er behauptet, zufrieden zu sein mit seinem Dasein im Schatten, dass es ihn nicht störe, kaum Aufmerksamkeit zu erregen. Er kennt die Grenzen seines Leistungsvermögens. In seinen größeren Teams war er immer mit bekannten Fahrern zusammen, mit Erik Zabel, mit Michael Rogers oder mit Kim Kirchen. Er rutschte zwangsläufig in die Rolle des Dienenden. „Es war schwer, auf eigene Kappe zu fahren.“

          Tour de France

          Manchmal ergibt sich dazu heute eine Möglichkeit für Sieberg, jenseits von Greipel, in kleineren Rennen. Er hat dann Freiheiten wie sonst nie. Und er sagt, dass es gar nicht so einfach sei, den „Schalter umzulegen“, wenn man darauf gedrillt sei, Adjutant zu sein. Immerhin hat er schon wirkliche, eigene Siege errungen, sehr wenige allerdings, „drei oder vier“. Beim Giro d’Italia hatte er sogar mal die Chance, in das Rosa Trikot zu schlüpfen. Aber für Greipel war das ebenfalls möglich, und so genoss der selbstverständlich Priorität. „Schließlich“, sagt Sieberg, „ist er eigentlich eine sichere Bank.“ Ein Trugschluss in diesem Fall: „Er hatte zwei Tage Durchfall, plötzlich ging nichts mehr.“ Nichts mit Rosa, für keinen von beiden.

          Am Mittwoch passierte die Tour die Gebirgsregion, in der im März ein Germanwings-Airbus abgestürzt war. Sieberg beschäftigt die Tragödie mit fast 70 deutschen Opfern; viele von ihnen stammten aus Haltern, das in der Nähe seines Wohnortes Bocholt liegt. Aber die Hatz erlaubt kaum Momente des Innehaltens. „Wir werden daran vorbeihuschen“, sagte Sieberg, „man ist so vertieft in das Rennen, man kämpft um jede Minute.“ Und am Sonntag, beim Finale der Tour in Paris, wieder um Sekunden. Um den nächsten, den vierten großen Tour-Tag für Greipel. Und für Sieberg, den unbekannten Sieger.

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