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Tour de France : Aus Greipels Horror wird Hoffnung

  • -Aktualisiert am

Kein Freund der Bergtouren: André Greipel sehnt sich nach den Sprints. Bild: EPA

Für André Greipel vom Team Israel Start-Up Nation beginnt die Tour de France mit vielen Qualen. Die Bergfahrten werden zur Tortur. Doch jetzt sieht die Welt wieder ganz anders aus.

          3 Min.

          Viele Rennfahrer träumen von der Tour de France. Einmal dabei sein, einmal in Paris ankommen! Es gibt aber auch Tage, ganze Wochen, da wird die Tour zum Albtraum, zu einer wahren Horrorfahrt. André Greipel kann davon ein Lied singen. Der Rostocker, der mit seiner Familie im Rheinischen lebt, ist 38 Jahre alt und hat schon so ziemlich alles erlebt, was der Radsport an Unwägbarkeiten bereithält. Dieses Jahr aber übertrifft alles. Anfang des Jahres ein Sturz im Training, Bruch des Schulterblattes, Operation, Reha. Dann legte das Coronavirus den Sport lahm, Lockdown.

          Und dann, als es wieder losging im August mit den ersten Rennterminen, nahm sein Team Israel Start-Up Nation die Vorgabe des Weltverbandes sehr ernst, die besagte, dass jede Mannschaft feste Teams bilden soll, die dann die Rennen konsequent gemeinsam bestreiten. So kam Greipel in den zweifelhaften Genuss, die Dauphiné-Rundfahrt zu bestreiten, eine Berg- und Talfahrt mit Höhenmetern ohne Ende.

          Nun muss man wissen, André Greipel ist Sprinter. Und Berge, das sind die natürlichen Feinde von Sprintern. Für zügige Bergfahrten sind schnelle Männer der alten Schule wie Greipel zu groß, zu schwer, zu wenig ausdauernd. Er tritt im Sprint knapp 1600 Watt, aber eben nur für ein paar Sekunden. Seine Muskulatur hat mit der eines Bergfahrers nichts zu tun. Sie nennen ihn „Gorilla“, seine Oberschenkel wurden vermutlich aus Baumstämmen geformt.

          Wenig Lust auf Berge

          So quälte sich Greipel durch die Dauphiné. Er war einer von zwei Sprintern im Feld bei einer Rundfahrt ohne jede Aussicht auf einen Sprint. Fünf Etappen, und vom ersten Tag an wurde er am ersten Berg abgehängt, jeden Tag fuhr er hinterher. „Ich habe auf jeder Etappe den Arsch voll bekommen“, sagt er. „Das ist mental nicht einfach, auch wenn man vorher weiß, dass es so kommt. Es war das falsche Rennen für mich, aber wir waren halt das einzige Team, das diese Rennblase, wie vom Weltverband gefordert, eingehalten hat.“ Am vierten Tag stieg Greipel aus.

          Ob ihn sein Team für die Tour de France nominieren würde, war noch eine Woche vor dem Start offen. Die ganz große Lust darauf hatte Greipel nicht. Auch die Tour ist in diesem Jahr auf Bergfahrer zugeschnitten, mehr noch als im vergangenen Jahr. „Wenn ich auf den Streckenplan der Tour schaue“, sagte er, „hält sich die Lust in Grenzen. Natürlich freue ich mich auf die paar Sprints, die es gibt, aber ehrlich: Das bei der Dauphiné hat nicht wirklich Lust gemacht inmitten der ganzen Bergfahrer.“

          Dann aber kam die Nominierung für die Tour. Auf nach Nizza. Und es wurde erst mal alles noch viel schlimmer als befürchtet. Greipel stürzte gleich auf der ersten Etappe, drei Kilometer vor dem Ziel hatte es bei Tempo 60 geknallt, viele Fahrer waren zu Boden gegangen, ihn erwischte es mit am schlimmsten. Knie verdreht, Hautabschürfungen, eine offene Wunde, die der Arzt mit Nadel und Faden flickte. Greipel setzte sich am nächsten Tag wieder aufs Rad. Da ging es schon ins Hochgebirge. An Sprinten war nicht zu denken, nur ans Durchkommen – und auf Besserung hoffen. Bei den beiden Bergetappen der ersten Tage kam Greipel zweimal auf Rang 155 an. Aber er kam an. Dann entzündete sich die Wunde. Er musste Antibiotikum nehmen, ein Stoff, der Gift ist für die Ausdauer. Greipel kämpfte sich durch die nächste Etappe. Dann heftige Magenprobleme, er vertrug das Antibiotikum nicht. Das Medikament wurde abgesetzt. Er kämpfte sich durch die nächste Etappe. „Die Tage in den Pyrenäen waren Horror für meinen Körper, aber mein Wille und Kopf heben mich auf dem Rad bleiben lassen“, sagt er. „In ein paar Tagen“, das war die Hoffnung, die mitfuhr, „sieht die Welt vielleicht wieder anders aus“.

          Quälerei hat sich gelohnt

          Und so war es. Die ganze Quälerei hat sich gelohnt. Am Montag war Ruhetag. Das Knie hielt, die Wunden sahen besser aus, der Körper hatte sich ein Stück weit erholt. Greipel fühlte sich wieder „wie ein Rennfahrer“, nicht mehr wie ein Patient. Dann die Flachetappe am Dienstag, Greipel klinkte sich in den Massensprint ein und fuhr auf Platz sechs. Es war sein erster Sprint seit Januar. Er war aller Ehren wert. „Mit Sicherheit war noch mehr drin“, sagte er hinterher, „aber es war ein Lichtblick.“

          Greipels Bilanz ist eindrucksvoll: Elf Etappen hat er bei der Tour gewonnen (davon zwei auf den Champs-Élysées), sieben beim Giro d’Italia, vier bei der Spanien-Rundfahrt. Die diesjährige Frankreich-Rundfahrt ist seine zehnte, nur einmal ist er nicht in Paris angekommen. Gerade hat er seinen Vertrag um zwei Jahre verlängert. „Ich habe noch immer Spaß am Radfahren“, sagt er. „Die Wattwerte sind dieselben wie vor fünf, sechs Jahren, deshalb sehe ich keinen Grund, warum ich aufhören sollte. Ich denke, dass ich immer noch das Zeug habe, Radrennen zu gewinnen.“

          Ob er mit vierzig tatsächlich noch dabei ist? „Ob es wirklich noch zwei Jahre werden, das weiß ich nicht“, sagt er. „Ich habe verlängert, weil ich meine Karriere mit einer Nummer auf dem Rücken beenden wollte und dachte, dass wir in diesem Jahr eh keine Rennen mehr fahren wegen Corona.“ Jetzt aber fahren sie wieder, Greipel hat noch zwei Jahre Vertrag und kann selbst entscheiden, wann, wo und wie er aufhört als Rennfahrer.

          Tour de France

          Ein haariges Desaster

          Die Fußballer hätten vorgesorgt. Wären sie dreieinhalb lange Wochen als fahrendes Volk in einer Blase zusammengepfercht wie die Tour-de-France-Teams, sie hätten im Tross sicher ein Plätzchen freigehalten für einen Edel-Coiffeur. Der Radsport – man hat wohl geglaubt, dass man das sprießende Haar komplett unter dem Helm verbergen kann – hat dies versäumt. Egan Bernal, Tour-Champion von 2019, fühlte sich in dieser Woche einfach nicht mehr wohl mit seiner Tolle. Und regelte das im laufenden Tour-Betrieb eigenhändig – ein ringsherum offensichtliches Desaster. Fazit: Der Kolumbianer vom Team Ineos ist nicht eitel und weitaus besser in Haarnadelkurven als am Haarschneider. Nun ist der Radsport für seine Protagonisten mitunter ein Sport zum Verrücktwerden, die enormen Anstrengungen, der ewige Druck. Wie im Tennis auch. Andre Agassi fackelte einst, wenn er allein war, fast ganze Hotelzimmer ab. Darum sind wir froh, dass Bernal nicht zur messerscharfen Klinge, sondern nur zum Elektrorasierer griff.

          (west.)

           

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