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Tour de France : Die slowenische Meisterschaft

  • -Aktualisiert am

Primoz Roglic (links) gegen Tadej Pogačar: Ein ehemaliger Skispringer und ein Newcomer kämpfen um den Gesamtsieg bei der Tour de France. Bild: EPA

Primoz Roglic oder Tadej Pogačar? Die dritte Tour-Woche wird zum Zweikampf der beiden Slowenen um das Gelbe Trikot. Ein ehemaliger Skispringer gegen einen Newcomer. Da kommen auch Zweifel auf.

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          Primoz Roglic oder Egan Bernal? Seit Sonntag ist das die falsche Frage. Die richtige Frage ist: Primoz Roglic oder Tadej Pogačar? Einer von beiden wird, so nichts Außergewöhnliches passiert, die 107. Auflage der Tour de France gewinnen. Es wird ein Slowene sein.

          Bernal, der Vorjahressieger aus Kolumbien, hat auf dem Schlussanstieg der schweren 15. Etappe hinauf zum Grand Colombier 7:21 Minuten verloren und damit auch alle Hoffnungen, das Gelbe Trikot wieder nach Paris zu tragen. Man hat bei dieser Tour früh gesehen, dass Bernal mit dem Team Ineos nicht mehr über eine konkurrenzlose Mannschaft verfügt. Dass seine Form weitaus schwächer ist als im vergangenen Jahr, konnte man bei Schwierigkeiten ahnen, die sich bei anspruchsvollen Teilstücken angedeutet hatten.

          Vierzehn Etappen lang konnte Bernal seine Schwächen verstecken, auf der fünfzehnten, der schwersten bislang, war das nicht mehr möglich. Zwei Berge der ersten Kategorie saugten früh Energie aus den Körpern, und als es zum Grand Colombier 17 Kilometer steil nach oben ging, zu einer Bergankunft auf 1500 Meter Höhe, mussten die Karten auf den Tisch. Es zeigte sich, dass Bernal nicht viel auf der Hand hatte.

          Jumbo-Visma, Roglics Team, fuhr mit fünf Fahrern in den Berg hinein, eine schwarz-gelbe Prozession mit Höllentempo, und als Bernal zurückfiel, wirkte das vorn noch einmal als Beschleuniger. Wie groß die Demütigung des 23 Jahre alten Kolumbianers war, ließ sich erahnen, als sich Wout van Aert, einer von Rogličs Tempomachern, nach getaner Arbeit in die abgehängte Gruppe von Bernal zurückfallen ließ und fortan entspannt, fast gelangweilt, am Hinterrad des Kolumbianers dahinradelte.

          Bild: F.A.Z.

          Jetzt also Roglic gegen Pogacar. Eine slowenische Meisterschaft. Der 30 Jahre alte Kapitän von Jumbo-Visma gegen den erst 21 Jahre alten Newcomer. Der Routinier, einst Skispringer von Weltformat, mit einer Supermannschaft im Rücken, gegen den unbekümmerten Draufgänger, der im Hochgebirge mehr oder weniger als Solist unterwegs ist, seit er im Team UAE seine besten Helfer Fabio Aru und Davide Formolo durch Verletzung und Aufgabe verlor.

          Man ist geneigt zu sagen, für Pogacar wäre auch ein zweiter Platz in Paris ein brillantes Ergebnis, mehr wird auch nicht drin sein, aber da sollte man vorsichtig sein. Pogacar ist auf Angriff gepolt, er ist einer jener Rennfahrer, die jederzeit ihre Chance suchen. Am Sonntag, bei der Kletterei hinauf zum Grand Colombier, fand er den Moment zum Angriff nicht, weil Jumbo-Visma das Tempo über viele Kilometer zu hoch hielt. Pogacar war klug genug, auf den Sprint zu warten und Roglic dabei noch vier Sekunden abzunehmen. Der Erste im Ziel erhielt zehn Bonussekunden, der zweite sechs. Auf den letzten 250 Metern aber war Pogacar der Stärkere, sein Antritt explosiver.

          Zwei Slowenen vorn. Zwei Fahrer aus einem Land mit nur zwei Millionen Einwohnern, der eine Umsteiger vom Skispringen, der andere im Juniorenalter. Da kommen, gerade bei der Tour de France, Zweifel auf, gefüttert auch von einer 2019 angekündigten Untersuchung des Radsportweltverbandes (UCI) in Sachen slowenischer Radsport. „Es gibt dort Fahrer und Manager, deren Situation wir eng verfolgen“, sagte UCI-Präsident David Lappartient seinerzeit. Ergebnisse dieser Untersuchung liegen bis heute nicht vor. Das Thema Doping und Slowenien wird auch beim Prozess gegen Dr. Mark S. eine Rolle spielen, der am Mittwoch in München beginnt. Zu den Kunden des mutmaßlichen Doping-Arztes aus Erfurt zählen auch slowenische Sportler. Auf das Thema Doping angesprochen, sagte Roglic am Sonntag: „Es gibt nichts zu verbergen. Allein heute hatte ich zwei Kontrollen, eine morgens kurz nach sechs, eine nach der Etappe.“

          Showdown in den Vogesen

          Zurück zum Sportlichen: Vierzig Sekunden Vorsprung an der Spitze der Gesamtwertung sind nicht viel. In der dritten Tour-Woche stehen den Fahrern in den Alpen die schwersten Etappen noch bevor. Am Mittwoch und Donnerstag vor allem ist Showtime. Roglic wird versuchen, Pogacar mit Hilfe seines famosen Teams im Hochgebirge abzuschütteln. Schafft er es nicht, kommt ihm Pogacar näher. Bleibt es bei den vierzig Sekunden Abstand, wird die Entscheidung erst am Samstag fallen.

          Gezeichnet am Grand Colombier: Auf der fünfzehnten Etappe konnte Egan Bernal seine Schwächen nicht mehr verstecken.
          Gezeichnet am Grand Colombier: Auf der fünfzehnten Etappe konnte Egan Bernal seine Schwächen nicht mehr verstecken. : Bild: AP

          Showdown dann in den Vogesen beim Zeitfahren über 36,5 Kilometer von Lure nach La Planche des Belles Filles. Das Besondere: Die Strecke führt bergauf, erst sanft, gegen Ende immer unangenehmer bis hin zu einer 17 Prozent steilen Rampe im Finale. Auf dieser Strecke kann man viel Zeit verlieren, viel Zeit gewinnen. Roglic sagt, er würde die 40 Sekunden Vorsprung gerne mitnehmen ins Zeitfahren. Pogacar sagt, er werde, wenn er die Chance noch hat, auch am Samstag versuchen, Roglic das Gelbe Trikot abzunehmen. „Es kann in dieser dritten Woche viel passieren“, sagt er. Auf ein mögliches Entscheidungsfahren am Samstag wäre er vorbereitet. Er hat sich die Strecke vor der Tour angeschaut, ist hinaufgefahren und hat sie für gut befunden. „Mir gefällt dieses Zeitfahren“, sagt er. „Ich freue mich sehr auf diesen Tag.“

          Tour de France

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