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Rad-Team Katjuscha : Auf in den Westen

Einer der wenigen Lichtblicke des Teams: Alexander Kristoff (rechts) beendet die Etappe am Montag als Zweiter hinter Peter Sagan Bild: AFP

Das Team Katjuscha aus Russland wird sein schlechtes Image auch bei dieser Tour nicht los. Neue Geldgeber sollen helfen – vielleicht sogar aus Deutschland.

          Ilnur Zakarin gehört nicht zu den schillerndsten Figuren im Peloton, allerdings ist er doch eine bemerkenswerte Erscheinung. Ein ziemlich harter Bursche, wie es scheint, der in diesem Mai für beträchtliches Aufsehen gesorgt hatte. Mit einem spektakulären Sturz während einer Abfahrt beim Giro d’Italia, bei dem der Russe 20, 30 Meter durch die Luft flog und sich beträchtlich an Schulter und Schlüsselbein verletzte. Der Mann hat aber offenbar gutes Heilfleisch, denn er schlägt sich jetzt durch die Tour de France, als einziger Russe im russischen Team Katjuscha.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Zakarin ist 26 Jahre alt, er gilt als eine russische Hoffnung im Radsport, im vergangenen Jahr hatte er die Tour de Romandie gewonnen. Allerdings hat er auch eine dunkle Vergangenheit. Zakarin hatte bereits eine zweijährige Sperre absitzen müssen, wegen Dopings. Aber wie das häufig so ist in diesem Metier: Der Sünder von einst geriert sich inzwischen als geläuterter Radrennfahrer. Er betrachtet sein Vergehen als einen Fehler, „den ich gemacht habe, als ich jung war. Ich hätte das nicht tun sollen. Aber jetzt habe ich einen anderen Weg eingeschlagen.“

          Solche Aussagen sind natürlich mit Vorsicht zu genießen, zumal das Team Katjuscha, alimentiert von dem russischen Oligarchen Igor Makarow, nicht den allerbesten Ruf genießt. Die Mannschaft stand wegen der Doping-Problematik sogar schon mal kurz vor dem Ende, ehe der Gang vor den Internationalen Gerichtshof die Lizenz zum Weitermachen doch noch sicherte. Immer wieder jedoch gerieten die Russen ins Zwielicht. So wurde Eduard Worganow zu Jahresbeginn vom Internationalen Radsportverband (UCI) aus dem Verkehr gezogen, nachdem er bei einer Trainingskontrolle positiv auf Meldonium getestet worden war. Im vergangenen Jahr hatten die Doping-Jäger den Italiener Luca Paolini erwischt; ihm war Kokainmissbrauch nachgewiesen worden.

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          Das Team Katjuscha hatte Glück, dass die UCI auf Sanktionen gegen den Rennstall verzichtete, trotz zweier Doping-Fälle innerhalb eines Jahres. Der Verband behauptete, dass Paolini das Kokain nicht zu Zwecken der Leistungssteigerung konsumiert habe, sondern in der Freizeit. So entgegenkommend wie die UCI wollte die MPCC, die Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport, nicht sein. Nach ihren Statuten hätte das Team Katjuscha suspendiert werden müssen; das verhinderte die Equipe durch den Austritt aus der MPCC. Vor allem mit der Argumentation, dass man wiederum eine Bestrafung durch die UCI würde befürchten müssen, würde man wegen einer durch die MPCC bedingten Zwangspause nicht an einem WorldTour-Rennen teilnehmen.

          Das Team war als politisches Projekt gedacht

          Die Geschichte verdeutlicht die Zerrissenheit des Radsports, letztlich auch die Machtlosigkeit der MPCC. Und sie warf einen neuen Schatten auf den russischen Radsport, der ungewissen Zeiten entgegenblickt. Das Team Katjuscha, bei dem der Deutsche Hans-Michael Holczer als Manager und Berater fungiert hatte, war als politisches Projekt konzipiert worden. Mit großzügiger Unterstützung durch Makarow, der dem Kreml nahesteht. Er investierte Schätzungen zufolge 50 Millionen Euro pro Jahr in den Radsport. Makarow hat sein Engagement inzwischen reduziert, angeblich sieht er keine große Notwendigkeit mehr darin, mit dem Vehikel Radsport für sich und seine Geschäfte zu werben. Dadurch mussten auch viele Radrennen in Russland abgesagt werden. „Das hatte alles Makarow finanziert“, sagt Holczer. Die heimische Zunft konnte zudem nicht wie gewünscht an die Spitzenklasse herangeführt werden. „Es fehlt an Talenten, es ist ein Loch da“, behauptet Holczer, „die Förderung des russischen Radsports ist gescheitert.“

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          Das Team Katjuscha setzt bei der Tour vor allem auf Männer wie den Norweger Alexander Kristoff oder den Spanier Joaquim Rodriguez, der jedoch von alten Qualitäten deutlich entfernt ist. Der Klassikerspezialist Kristoff hatte immerhin am Montag in Bern ein kleines Feuer entfacht, er wurde im Sprint nur knapp von dem slowakischen Weltmeister Peter Sagan geschlagen. Zakarin hatte sich mal, ohne Fortune, an einem Ausreißversuch beteiligt.

          Das Team mit dem weißen K auf den Trikots und dem angekratzten Image wird die 103. Tour vermutlich ohne nennenswerten Ertrag beenden. Und sich sehr wahrscheinlich neu positionieren. Die Russen sind auf der Suche nach einem westeuropäischen Partner, mit dessen Hilfe ein international ausgerichtetes Team gebildet werden soll. Einer der Anwälte Makarows kümmert sich längst um diese strategische Angelegenheit, er verhandelt zum Beispiel mit dem deutschen Sponsor Alpecin, der noch beim Team Giant-Alpecin involviert ist. Ein Wechsel Richtung Osten wäre allerdings ein heikles Unterfangen für Alpecin, auch wegen der aktuellen sportpolitischen Lage Russlands. Zumal Makarow sich dem Vernehmen nach nicht komplett vom Radsport zurückziehen will. „Ich kann mir nicht vorstellen“, sagt Holczer, „dass er das Ding fallen lässt.“ Und wenn er dem Team weiter verbunden bleibe, „wird es auch einen russischen Charakter haben“. Allein schon, „weil er den Namen Katjuscha liebt“. Diese Begeisterung dürfte nicht jedermann teilen.

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