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Tour de France : Der Leader hinter dem Leader

Christopher Froome (Mitte, links) gefolgt von Teamkollege Geraint Thomas (Mitte, rechts). Bild: AFP

Geraint Thomas steht im Team Sky klar im Schatten von Christopher Froome. Das könnte sich aus einem bestimmten Grund aber bald ändern.

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          Ein treuer Vasall, eigentlich. Einer, der betont, dass er sich wohl fühlt in seiner Umgebung, als jemand, der einen Helferauftrag auszufüllen hat. Er sei glücklich beim Team Sky, sagte Geraint Thomas dieser Tage bei der Tour. Und man kann ihm das ohne weiteres abnehmen, zumal der Radprofi Thomas in dieser Mannschaft sehr gutes Geld verdienen kann.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Der Waliser machte aber auch deutlich, dass er sich seiner Qualitäten sehr wohl bewusst ist. Und dass damit durchaus auch etwas ganz anderes anzufangen wäre. Er könnte aus dem Schatten treten, mühelos, sich einer neuen, größeren Aufgabe zuwenden. „Ich könnte ins Auge fassen, der Leader eines Teams zu sein“, sagte Thomas. Wie Christopher Froome, dem er jetzt zu Diensten zu sein hat, für den er, im Prinzip, seine ganze Kraft opfern muss, vor allem dann, wenn die Tour de France ihre Flamme wirklich hochdreht, in den Alpen und in den Pyrenäen.

          Aus Froomes Schatten

          Froome hatte häufig Männer an seiner Seite gehabt, die über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügten – und manchmal sogar besser in Schuss zu sein schienen als ihr Kapitän, ohne ihn deswegen in Frage zu stellen. Der Australier Richie Porte zum Beispiel, der sich für Froome abrackerte, ehe er – als Anführer – zum Team BMC wechselte. Oder der Spanier Mikel Landa, der im Vorjahr, bei Froomes viertem Tour-Sieg, eine exzellente Zugmaschine für den Briten abgab und sich danach entschied, eine exponierte Position beim Team Movistar zu übernehmen, als Teamkollege des Kolumbianers Nairo Quintana oder des spanischen Routiniers Alejandro Valverde. Zwei, die gewissermaßen die Flucht ergriffen haben vor Froome und dessen Ausnahmestellung im Team Sky. Dass Landa gewillt war, mit Quintana, einem anderen „Alphatier des Radsports“, zusammenzuarbeiten, überraschte zwar, doch offensichtlich fühlte sich der Spanier nach der Trennung von Froomes Equipe wie befreit. „Free Landa“, rief er gelöst bei einer Gala des Internationalen Radsportverbandes in der chinesischen Stadt Guilin. Und später präsentierte sich der Baske sogar in einer Art Gefangenenkostüm – ein eigenwilliger Hinweis darauf, dass er sich dem Patron Froome bedingungslos hatte unterordnen müssen.

          Über solche Aktionen ist im Fall Thomas nichts bekannt. Ein loyaler Gefährte, vorläufig zumindest, keiner, den Froome als Feind im eigenen Lager betrachten müsste. Trotzdem sind die Aktien des Walisers gestiegen, nach einem halben Dutzend Tour-Etappen lag Thomas in der Gesamtwertung zwölf Plätze vor Froome, der durch einen Crash bei der Tour-Ouvertüre einen Zeitverlust erlitten hatte. Und die Zeitung „L’Equipe“ merkte bereits an, dass der Anführer Froome, der in diesem Sommer wegen der Salbutamol-Affäre einen besonders schweren Stand in Frankreich hat, nun interne Konkurrenz habe. Doch noch deutet sich keine Machtverschiebung beim Team Sky an. Sportdirektor Nicolas Portal bescheinigt Thomas, der in diesem Jahr das prestigeträchtige Rennen Critérium du Dauphiné gewonnen hat, zwar eine ausgezeichnete Verfassung. Die Rolle Froomes bleibt für Portal aber unantastbar: „Chris ist die Nummer eins.“

          In jedem Fall ist sicher, dass Thomas zu den Besten der Branche zählt. Er hatte im Vorjahr, als die Tour in Düsseldorf gestartet wurde, auch das Gelbe Trikot getragen, ehe eine Sturzverletzung ihn zur Aufgabe zwang; wie beim Giro d’Italia zuvor, als der Waliser mit einem am Straßenrand stehenden Polizeimotorrad kollidierte. Dunkle Momente, die Thomas jedoch nicht bremsen konnten. Der Waliser macht gehörig Tempo. Und er sorgt für eine äußerst komfortable Situation beim Team Sky. Portal spricht von Thomas als Backup, von der Möglichkeit also, einen Plan B wirksam werden zu lassen, sollte die Karte Froome wider Erwarten nicht stechen.

          Froome wird, wegen seines Rückstandes auf die Rivalen Porte oder Landa, vermutlich demnächst die Initiative ergreifen; von Dienstag an bietet sich dazu in den Alpen die Gelegenheit. Doch an diesem Sonntag (10.50 Uhr) wird das Peloton erst noch über das gefürchtete Kopfsteinpflaster im Norden Frankreichs gehetzt, auf der Strecke zwischen Arras und Roubaix – eine Region, mit der Froome unangenehme Erinnerungen verbindet. Dort war für den Briten bei der Tour 2014, schwer gezeichnet nach mehreren Karambolagen, vorzeitig Schluss. Seine Adjutanten werden ihn, weil selbst stark gefordert, am Sonntag nur bedingt unterstützen können. Einer von ihnen könnte sich immerhin, im Fall des Falles, umgehend der „Sträflingskleidung“ entledigen – und beim Team Sky die neue Spitze verkörpern.

          Hüter des Zahnrades

          In den Sattel schwingen und losfahren? So einfach geht das nicht. Wer Radsportler sein will, muss Regeln beachten. Und zwar 95, wie eine Gruppe selbsternannter Gralshüter behauptet. Die „Velominati“ haben einen „Kodex für Radsportjünger“ aufgeschrieben. Wir zitieren im Etappenrhythmus kluge, lustige und sinnfreie Vorschriften. Regel #27: „Hosen und Socken sollten die perfekte Länge haben.“ Erläuterung: „Es ist ein schmaler Grat zwischen fantastischem und idiotischem Aussehen. Keine Socken zu tragen, geht nicht, knöchellange Kurzsocken nur im Tennis. Der Radsportler sollte sich an einer Länge von fünf bis zwölf Zentimetern orientieren, gemessen vom Knöchel bis zum Bündchen. Der obere Abschluss der Socken sollte sich am schmalsten Punkt zwischen Sprunggelenk und Wade befinden. Bei stummeligen Beinen sollten Socken und Hosen so kurz wie möglich sein. Wenn die Beine nicht gut aussehen, hast du ein Problem. Bringe deine Geschütze optisch bestmöglich zur Geltung!“ Empfehlung: Mit den Socken ist es wie mit Hirnhälften, eine fehlt immer. (Entnommen aus: „Die Regeln“, Kodex für Radsportjünger, Covadonga Verlag 2018)

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