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Tour de France : Ein deutsches Team in Lauerstellung

  • -Aktualisiert am

Der Chef: Tom Dumoulin, Galionsfigur im Team Sunweb, ist inzwischen der schärfste Verfolger der britischen Speerspitze mit Geraint Thomas und Christopher Froome. Bild: AP

Sunweb hat mit dem Niederländer Tom Dumoulin ein heißes Eisen im Feuer, das sogar von Sky gefürchtet wird. Helfer wie Simon Geschke bekommen dennoch ihre Chance bei der deutschen Equipe.

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          Nicht selbstverständlich, dass einer wie Simon Geschke sich absetzen kann, in dem Versuch, ein eigenes Kapitel bei der Tour de France zu schreiben. Geschke nimmt schließlich in seinem Team die Rolle eines Helfers ein, er muss dem Niederländer Tom Dumoulin zu Diensten sein. Diese Arbeit hat einen hohen Stellenwert, da Dumoulin als einer der aussichtsreichsten Fahrer bei der 105. Tour gestartet ist – und die Erwartungen bislang auch erfüllte. Der Niederländer, Galionsfigur des deutschen Teams Sunweb, ist inzwischen der schärfste Verfolger der britischen Speerspitze mit Geraint Thomas und Christopher Froome.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Geschke hatte am vergangenen Samstag dennoch sozusagen die Flucht ergreifen können, er durfte sich einer Gruppe von Ausreißern anschließen – mit einem „Freifahrtschein“ von seinem Team, wie der Berliner sagte. Dumoulin kam an diesem Tag auch ohne ihn zurecht, er ließ sich beim Anstieg auf den Flugplatz von Mende von Thomas und Froome nicht abschütteln – und einer seiner deutschen Adjutanten konnte zumindest ein bisschen auf sich aufmerksam machen. Das große Ziel, seinen zweiten Etappensieg bei der Tour, verpasste Geschke zwar. Aber er werde sich schon, spätestens nach einer Nacht, „mit dem sechsten Platz anfreunden“, sagte der Berliner.

          Ein achtbares Abschneiden, auch wenn Geschke damit haderte, trotz gewisser Kletterqualitäten nicht wirklich zum Zug gekommen zu sein. „Der Traum war in greifbarer Nähe“, sagte er, aber der Mann mit dem markanten Bart musste am Samstag akzeptieren, „dass ein paar Leute stärker als ich waren“. Allen voran der Spanier Omar Fraile vom Team Astana, der in Mende sein großes Glück machte. Als Geschke merkte, dass für ihn nichts zu holen sein würde, „habe ich mich schnell wieder hingesetzt, bevor ich komplett explodiere“. Das bedeutete: Er nahm wieder eine kräfteschonende Position auf dem Rad ein, um nicht alle Energie zu verpulvern.

          Noch nie so weit vorne in der Gesamtwertung

          Simon Geschke, der seinen bisher einzigen Tageserfolg bei der Frankreich-Tour im Jahr 2015 errungen hatte, konnte sich in Mende auch damit trösten, bisher generell eine bemerkenswerte Figur bei der Tour abgegeben zu haben. „Ich war noch nie so weit vorne in der Gesamtwertung“. Geschke war nach der 14. Etappe auf Platz 22 geführt worden, mit etwa 30 Minuten Rückstand auf den Waliser Spitzenreiter Thomas. Geschke nannte das einen „Bonus“. Es war in jedem Fall ein Indiz dafür, dass der deutsche Radprofi ein verlässlicher Begleiter des Niederländers Dumoulin gewesen ist, der in Nikias Arndt einen weiteren deutschen Mitstreiter hat.

          Ein wichtiger Helfer: der Deutsche Simon Geschke.

          Einer wie Geschke weiß allerdings, dass er nur bedingt seine eigenen Interessen verfolgen kann. Der Hauptauftrag ist klar definiert: sich dem Anführer Dumoulin und dem Kampf gegen das Team Sky zu widmen. Geschke findet, dass der Niederländer realistische Chancen bei diesem Unterfangen hat. Der Berliner betonte: „Er ist megastark. Er ist auf einem Level mit Thomas und Froome.“ Und auf die Frage, ob Dumoulin die beiden Briten tatsächlich schwer in die Bredouille bringen kann, antwortete Geschke am Samstag: „Davon gehe ich fest aus. Ich habe ein gutes Gefühl.“ Dumoulin lag zuletzt etwas weniger als zwei Minuten hinter Thomas, dem Mann im Gelben Trikot. Ein Niederländer in Lauerstellung also, und seine britischen Widersacher haben bereits wissen lassen, darauf in dieser Woche beim Schlagabtausch in den Pyrenäen reagieren zu wollen. An diesem Dienstag (11.40 Uhr) startet die Tour nach einem Tag Pause in die 16. Etappe.

          Die Briten spüren den Druck aus dem Peloton – und jenen vom Straßenrand. Anders als Dumoulin sind Thomas und Froome französischen Antipathien ausgesetzt, sie werden beschimpft, gestoßen und sogar bespuckt wegen der umstrittenen Tour-Teilnahme von Froome nach der Salbutamol-Affäre. Thomas hatte das kürzlich zum Anlass genommen, an die Fairness der Öffentlichkeit zu appellieren. Es gibt in dieser Angelegenheit Beistand von der Branche, zum Beispiel von Marc Madiot, dem Teamchef von Groupama-FDJ. Madiot verurteilte die Übergriffe des Publikums. Der Franzose, ein ehemaliger Profi, verdeutlichte aber, dass die Masse durchaus ein Recht habe, verbal zu demonstrieren. Und er behauptete wegen der Causa Froome: „Der Radsport und die Tour haben ein Glaubwürdigkeitsproblem.“ Eine breite Front gegen das umstrittene Team Sky, das bislang allen Problemen zum Trotz dominant aufgetreten ist. Die Konkurrenz jedoch, vorläufig in erster Linie eine niederländisch-deutsche Phalanx samt einem Berliner Bergfreund, setzt weiter auf Angriff. So sagte Iwan Spekenbrink, Eigner des Teams Sunweb: „Es werden auch Tage kommen, an denen es für Sky schwierig wird.“ Er meinte das rein sportlich.

          Hüter des Zahnrades

          In den Sattel schwingen und losfahren? So einfach geht das nicht. Wer Radsportler sein will, muss Regeln beachten. Und zwar 95, wie eine Gruppe Gralshüter behauptet. Die „Velomenati“ haben einen „Kodex für Radsportjünger“ verfasst. Wir zitieren im Etappenrhythmus kluge, lustige und sinnfreie Vorschriften.

          Regel #65: „Pflege und respektiere deine Maschine“

          Erläuterung: „Dein Rad hat sich an das Prinzip der Stille zu halten und ist deshalb stets sorgfältig zu warten. Wenn es gegen eine Wand gelehnt wird, dann dürfen nur der Lenker, der Sattel oder die Reifen mit der Mauer in Berührung kommen. Das gilt auch für Zeitfahrer, wenn sie im Ziel absteigen und unmittelbar danach kollabieren. Quietschen, Knarzen, Knarren, Kettengeräusche sind nicht erlaubt. Allein das beruhigende Summen deiner Reifen auf dem Asphalt und der Rhythmus deines Atmens darf zu hören sein. Nur bei Fahrten über Kopfsteinpflaster ist eine schlagende Kette akzeptabel. Wenn du leidest und deine Atmung andere Fahrer zu nerven beginnt, dann richte dich auf, um dich abhängen zu lassen.“

          Empfehlung: Befolgen!

          (Entnommen aus: „Die Regeln“, Kodex für Radsportjünger, Cavadonga Verlag 2018)

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