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Tour de France : Swinging Sagan ist der Entertainer im Peloton

  • -Aktualisiert am

Lieblingsfarbe der Radfahrer: Peter Sagen in Gelb Bild: dpa

Siegen, singen, schimpfen: Bei der Tour de France geht Peter Sagan in die vierte Etappe. im Gelben Trikot hat er aber nicht nur als Radprofi einiges zu bieten.

          3 Min.

          Einen wie ihn gibt es kein zweites Mal im Radsport, das ließ sich auch am Sonntagabend sehr gut erkennen, als aus Peter Sagan plötzlich eine Art John Travolta wurde. Der Slowake, vermutlich der größte Entertainer seiner Branche, wurde vom französischen Fernsehen als Sänger gezeigt, es war ein Tribut Sagans an das Musical „Grease“. Swinging Sagan - darauf wollten die Franzosen keinesfalls verzichten an dem Tag, an dem der Slowake wieder einmal bewiesen hatte, was in ihm steckt als Radprofi. Eine Menge Power, die Sagan - neben den künstlerischen Fähigkeiten - zu einer der markantesten Erscheinungen im Radsport gemacht hat.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Er genoss den Tag in Cherbourg, und er wurde gar nicht müde, sich zu bedanken, bei seinen Gefährten vom Team Tinkoff, bei dem exzentrischen Teameigner, dem Russen Oleg Tinkow, der ein Shirt trug, das mit einer Sagan-Zeichnung bedruckt war. Sagan, der sich häufig schon mit zweiten Plätzen hatte zufriedengeben müssen, bedachte alle unentwegt mit warmen Worten.

          Bunter Hund im Regenbogentrikot

          Kein Wunder, schließlich hat der 26 Jahre alte Slowake mit Hilfe seiner Mannschaft bereits einiges erreicht in diesem Jahr, im Frühjahr den Sieg bei der Flandern-Rundfahrt und nun den Etappenerfolg bei der Tour de France in Cherbourg, mit dem Sagan gleich auch noch das Gelbe Trikot einheimste, erstmals in seiner Karriere. Am Montag verteidigte er es beim Sprintsieg von Mark Cavendish in Angers durch einen vierten Platz.  An diesem Dienstag hat er nach einer weiteren Flachetappe, dem längsten Teilstück der diesjährigen Rundfahrt von Saumur nach Limoges (237,5 Kilometer/ F.A.Z.-Liveticker), abermals die Chance, das begehrte Hemd überzustreifen.

          Die Dinge laufen also prächtig für Sagan, der im vergangenen Herbst in den Vereinigten Staaten zudem Straßen-Weltmeister geworden war.

          Schon viel erreicht: Peter Sagan gewinnt in Cherbourg
          Schon viel erreicht: Peter Sagan gewinnt in Cherbourg : Bild: dpa

          Ein bunter Hund im Regenbogentrikot, ein gelegentlich polarisierender Radprofi, der sagt, dass er einfach nur Spaß haben wolle als Radrennfahrer. Was derzeit auch eine ziemlich lukrative Sache für ihn ist, denn dem Vernehmen nach erhält der umtriebige Sagan, der sich schon mal als Artist auf dem Rad inszeniert, von dem Oligarchen Tinkow eine Gage von vier Millionen Euro pro Saison.

          Das wird nicht so weitergehen, zumindest nicht bei Tinkow, denn der zu deftigen Ausdrücken neigende Russe hat offenbar genug vom Radsport, er will zum Jahresende aussteigen. Sagan aber, ein Profi mit spektakulärem Fahrstil, wird keine Schwierigkeiten haben, einen neuen Arbeitgeber zu finden, er ist ein begehrter Mann, der nicht zuletzt mit dem aufstrebenden deutschen Team Bora in Verbindung gebracht wird.

          Kampf für respektvolles Miteinander

          Und möglicherweise ist er nun derjenige, der seiner Equipe bei dieser Tour die meisten Meriten einbringt. Schließlich gibt Alberto Contador, der zum Kreis der Favoriten gerechnet wurde, im Moment ein Bild des Jammers ab. Der Spanier, Kapitän des Teams Tinkoff, ist von Stürzen gleich zum Tour-Auftakt gezeichnet, seine rechte Körperhälfte ist ramponiert, von der Schulter angefangen. Das schlägt sich im Klassement nieder, der leidende Contador liegt bereits deutlich hinter dem Briten Christopher Froome und dem Kolumbianer Nairo Quintana zurück. Ein Beleg dafür, dass die erste Tour-Woche auf meist flachem Terrain keineswegs als gemütliches Einrollen verstanden werden kann, ehe es in die Berge geht. Es wird stattdessen sofort mit harten Bandagen gekämpft im rasenden Pulk von fast 200 Rennfahrern.

          Anerkannter Kollege: Sagan kämpft für ein respektvolles Miteinander
          Anerkannter Kollege: Sagan kämpft für ein respektvolles Miteinander : Bild: AP

          Das ist auch Sagan nicht ganz geheuer, er nutzte seinen Ehrentag in Cherbourg, um seinen Kollegen eine Standpauke zu halten. Anarchie im Peloton, in dem es im Gegensatz zu früher keinen wirklichen Patron mehr gibt? Der grollende Slowake vermisst in jedem Fall ein respektvolles Miteinander. Vor vier Jahren, klagte Sagan, sei die Tour noch ein anderes Rennen gewesen. „Jetzt fährt jeder, als ob ihm sein Leben nichts wert wäre. Das war schon letztes Jahr so.“ Niemand könne deshalb wissen, „ob er am nächsten Tag das Rennen noch fortsetzen kann. Heute habe ich Gelb, morgen muss ich vielleicht die Heimreise antreten.“ Eine Hatz ohne Rücksicht auf Verluste, „Fahrer ohne Hirn“, wie Sagan kritisiert, kein Regulativ im Feld. Wie früher auf gewisse Auswüchse reagiert wurde, beschrieb der Slowake so: „Wenn einer was Dummes tat, flog eine Flasche oder er bekam eine Luftpumpe ab. Das ist verlorengegangen.“

          Sagan hält sich nicht für geeignet, die Zügel in die Hand zu nehmen, dafür sei er nicht wichtig genug, behauptete er. Allerdings ist auch er nicht unbedingt ein Kind von Traurigkeit. So griff er einer Hostess auf dem Podium schon mal an den Allerwertesten; immerhin entschuldigte sich Sagan dafür. Sein Showtalent kommt jedoch grundsätzlich gut an in der Szene. Einen solchen Rennfahrer, sagte die französische Ikone Bernard Hinault im Ton eines Vermarktungsstrategen, brauche der etwas triste Radsport. Eine schillernde Figur, die siegt und singt. Und manchmal auch schimpft.

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