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Tour de France : Ein „Überlebenskampf“ der besonderen Art

  • -Aktualisiert am

Jetzt bloß nicht abreißen lassen: Die Sprinter kämpfen bei der Tour um den Anschluss. Bild: dpa

Vor allem die Sprinter versuchen, die Bergetappen bei der Tour in einer Gruppe zu meistern und in der Karenzzeit zu bleiben. Wenn sie das schaffen, erwartet sie nach drei Wochen Plackerei noch ein spezieller Höhepunkt.

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          Die Pyrenäen überstanden, aber dann: die Alpen! Drei Hochgebirgsetappen am Stück. Donnerstag, Freitag, Samstag. Das heißt: Es geht um alles. Nicht nur für die federleichten Kletterer, keine 60 Kilo schwer, die um den Gesamtsieg der 106. Tour de France kämpfen. Sondern auch für die schweren Jungs, die Sprinter mit den dicken Oberschenkeln. Sie müssen alle drei Alpenetappen im Zeitlimit überstehen, sonst sind sie aus dem Rennen. Es gibt Schlimmeres, könnte man meinen, dann hat die Quälerei halt ein Ende, aber Paris ist das Sehnsuchtsziel nach drei Wochen Plackerei, das Happy End.

          Und Paris lockt die Sprinter mit einem letzten Highlight. Auf den Champs-Élysées wird am letzten Tour-Tag vor Hunderttausenden Zuschauern traditionell der letzte Sprint ausgefahren, nicht irgendeiner, sondern der prestigeträchtigste überhaupt. Sieben Runden um den Pariser Prachtboulevard, in einem Tempo, das alles in den Schatten stellt, was man zuvor in der Saison gesehen hat. Jeder Sprinter will hier zumindest ein Mal gewinnen. Wer zu den Besten der Besten gehören will, braucht diesen Eintrag in der Siegerliste. Fehlt er, ist die Karriere nicht vollendet.

          Doch quel malheur: Wer nach Paris will, muss über die Berge. Muss die Alpen überstehen. Muss in der Karenzzeit bleiben, die jeden Tag neu berechnet wird. Nach dem Reglement dürfen die Fahrer auf den Etappen einen festgelegten Aufschlag auf die Siegerzeit nicht überschreiten. Dieser variiert nach Schwierigkeitsgrad und Durchschnittsgeschwindigkeit. So gilt für die letzte, alles entscheidende Alpenetappe an diesem Samstag (14.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Tour de France, in der ARD und bei Eurosport), die unter der Rubrik „sehr schwere, kurze Etappe“ geführt wird: Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von weniger als 30 Kilometern pro Stunde darf der Rückstand maximal zehn Prozent der Siegerzeit betragen, bis hin zu 18 Prozent bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 40 Kilometern pro Stunde.

          Tour de France

          Die Etappe ist mit einem 33 Kilometer langen Anstieg hinauf in den Wintersportort Val Thorens extrem schwer, aber mit 59 Kilometern sehr kurz, was bedeutet, dass an der Spitze sehr schnell gefahren werden wird. Vollgas. Ursprünglich waren 130 Kilometer geplant. Nach dem Abbruch wegen Hagels am Freitag werden auch bei der vorletzten Etappe Erdrutsche und schwierige Bedingungen erwartet. Daher entschieden sich die Organisatoren, die Strecke deutlich zu kürzen. Der Startort Albertville und der Zielort Val Thorens bleiben allerdings erhalten. Es ist der Showdown dieser Tour. Sprinter verlieren am Berg unter diesen Bedingungen mehr als eine Minute pro Kilometer, das ist die Faustregel.

          Profis, die früh den Anschluss verlieren, erwartet ein knüppelharter Tag. Es geht darum, einen Rhythmus zu finden, darum, der Höhe und Hitze zu trotzen, darum, nicht zu langsam zu fahren und nicht zu schnell. Dabei hilft eine Fahrervereinigung, die sich im Italienischen Gruppetto nennt und im Französischen l’autobus: eine Gruppe von Fahrern, die sich zusammenschließen, um den Gipfel zu erreichen, abgeschlagen zwar, aber in einer Zeit, die reicht, um am nächsten Tour-Tag noch dabei zu sein. Die Zeiten, in denen das Gruppetto eine straff organisierte, solidarische Fahrgemeinschaft war, sind allerdings vorbei.

          Der ehemalige deutsche Sprintstar Erik Zabel galt zu seiner Zeit als Kopf eines funktionierenden Gruppettos. „Wir haben vor den entscheidenden Etappen das Zeitlimit ausgerechnet. Als sich das Gruppetto dann formierte, wurden Absprachen getroffen, wie man es gemeinsam schafft, nicht in große Bedrängnis zu kommen“, sagt Zabel. Solche Absprachen gebe es bei der Tour heute kaum noch. „Es gibt keinen wirklichen Zusammenhalt im gruppetto mehr.“ Das liege daran, dass es zu seiner Zeit viel weniger technische Hilfsmittel gegeben habe, sagt Zabel.

          Heute gebe es über Funk hingegen einen regen Informationsaustausch zwischen Fahrern und den Sportdirektoren in den Begleitfahrzeugen. „Innerhalb kürzester Zeit stehen alle Daten zur Verfügung“, sagt Zabel, was dazu führe, „dass jeder mehr für sich allein kämpft“. Nur vereinzelt gebe es noch Allianzen zwischen Fahrern, meist zwischen solchen, die gemeinsam trainieren oder sich auch privat gut verstehen. Roger Kluge, der bei der Tour im Team Lotto-Soudal die Sprintvorbereitung für den australischen Etappenjäger Caleb Ewan fährt und mit 83 Kilogramm Gewicht der Gegenentwurf eines Bergflohs ist, bestätigt Zabels Sichtweise nur zum Teil. Tatsächlich kämpfe jeder Fahrer länger für sich allein – so sei es zumindest im Mittelgebirge in den ersten beiden Tour-Wochen gewesen.

          „Ich habe auch ein ganz gutes Gefühl und rechne oft, wie viel Zeit man am Berg verlieren darf, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten“, sagt er. Auch gebe es im Gruppetto nicht mehr „das Alphatier, auf das alle hören“. Und doch seien die Notgemeinschaften am Berg nicht ausgestorben, nicht im Hochgebirge. Auch in der Ebene machten sie Sinn, sagt Kluge, nach gemeinsam überstandenen Anstiegen könne man auf Flachstücken durchaus Zeit gutmachen, wenn das Gruppetto groß genug sei. Auf der ersten Alpenetappe am Donnerstag kam die Sprintergruppe um Kluge mit 34:46 Minuten Rückstand auf Sieger Nairo Quintana ins Ziel. Das reichte.

          Im vergangenen Jahr hatte es bei der Tour viel Kritik an der Streckenführung und Karenzzeitberechnung gegeben, nachdem unter anderem die deutschen Sprinter Marcel Kittel, André Greipel und die zweimaligen Etappensieger Fernando Gaviria und Dylan Groenewegen am Zeitlimit gescheitert waren. Ähnliches erwartet Zabel in diesem Jahr nicht, auch nicht für die letzte, die Monsteretappe. Die Karenzzeiten erscheinen ihm ausreichend. „Ich glaube, die Organisation der Tour hat aus den Fehlern des vergangenen Jahres gelernt“, sagt er. „Hat verstanden, dass wir alle die besten Sprinter in Paris sehen wollen.“ So hat die Tourleitung auch ein Hintertürchen offen gelassen, um die Karenzzeiten bei Bedarf ausweiten zu können. Wegen der enormen Hitze, hieß es, sei dies möglich.

          Tour de France

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